Bild: Bernd Weissbrod/dpa
Wir haben jemanden gefragt, der es wissen muss

Ich erwische mich immer wieder dabei, wie ich abends mit Freundinnen und Freunden noch etwas essen gehe und danach zu faul bin, bis zur 500 Meter entfernten U-Bahn-Station zu laufen. Das Carsharing-Auto steht praktischerweise direkt vor der Tür. 

Ich denke, ich tue etwas Gutes, schließlich fahre ich kein eigenes Auto, sondern teile mir eines. Ich fahre selten Fahrrad und nutze eben viel lieber für einige Minuten einen Leihwagen. 

Bin ich im Grunde doch gar nicht so nachhaltig, wie ich denke?

Verkehrsforscher Michael Schreckenberg von der Universität Duisburg-Essen glaubt nicht an das Konzept. Carsharing trage eher noch zur Verstopfung der Innenstädte bei. Warum das Konzept nicht aufgeht, erklärt er hier:

(Bild: Privat)

Carsharing ist kein Erfolgskonzept – sondern für die Anbieter ein Zusatzgeschäft. 

"Rund 20 Stunden am Tag stehen die Carsharing-Autos schätzungsweise still – gerade tagsüber, wenn die meisten bei der Arbeit sind und nachts natürlich auch. Außerdem gibt es in Großstädten ein enormes Parkplatzproblem. 30 Prozent aller fahrenden Autos sind gerade dabei, einen Parkplatz zu finden.

Carsharing fördert die Bequemlichkeit und führt zu mehr Verkehr statt zu weniger. Es nutzen beispielsweise viele die Carsharing-Autos, die eh schon ein eigenes besitzen. Vielleicht nach einem Restaurant-Besuch, wenn das eigene Auto daheim steht, aber nicht da, wo man gerade ist.

Außerdem verführt es dazu, nicht den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen oder Fahrrad zu fahren, sondern eben das Auto.

Für die Anbieter kommen außerdem Reparaturkosten hinzu. Mit einem Auto, das einem nicht gehört, geht man eben schlampiger um, als mit dem eigenen."

Auf dem Land bringt Carsharing wenig.

"Hier besitzt sowieso meist jeder sein eigenes Auto. Für Carsharing-Anbeiter würde sich die Investition nicht lohnen.

In Duisburg läuft derzeit ein Versuch, der ähnlich wie "myTaxi" funktioniert – per App kann man sich einen Mini-Bus bestellen. In anderen Projekten in Berlin zeigte sich, dass es sich für die Anbieter oft nicht lohnt, in Randbezirke oder aufs Land zu fahren. Es bringt also doch nur wieder mehr Verkehr in den Innenstädten. 

Auch Buslinien einzusetzen, die verstärkt in den Randbezirken und auf dem Land fahren, ist oft nicht die Lösung. Meist sitzen nur vereinzelt Leute in den großen Bussen."

Was wir gegen den Verkehrskollaps tun können:

"Junge Leute wollen häufig kein eigenes Auto mehr besitzen, das einstige Statussymbol wird zum schlichten Verkehrsmittel.

Es geht also vor allem darum, den ÖPNV attraktiv und flexibel zu gestalten. In Wien ist es bereits so und in Bonn wird es gerade getestet: Hier bezahlt man einfach einen Euro pro Tag und kann überall fahren. 

Für Carsharing-Anbieter könnte die Zukunft so aussehen: Die Autos sollten für eine gewisse Zeit, einen Tag oder einen längeren Zeitraum gebucht werden können statt für kurze Strecken. 

Außerdem müssen Bahnstrecken und Autobahnen ausgebaut werden. Ein Beispiel: Derzeit fehlen 36.000 Stellplätze für Lkw auf Autobahnen. Jedes Jahr wächst der Lkw-Verkehr um zwei Prozent. Die Fahrer müssen ihre Ruhepausen einhalten, finden aber kaum noch Plätze auf Rasthöfen dafür.

Den Verkehrskollaps können wir so nicht mehr verhindern, höchstens noch abmildern." 


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