Bild: YouTube/Last Week Tonight
Warum "Science Guy" Bill Nye gerade alle Klimaskeptiker als "Motherfucker" beschimpft.

Bill Nye kennen viele als netten Erkläronkel aus dem Fernsehen. In den Neunzigern führte der Mann mit der großen Fliege Experimente und Bastelarbeiten im Fernsehen durch – er ist so eine Art US-amerikanische Version von Jean Pütz. Heute moderiert er "Bill Nye Saves the World" auf Netflix, sein Publikum sind nicht mehr Kinder, sondern Erwachsene, die mehr von der Welt verstehen wollen.

Nun geht ein kurzes Video durchs Netz, in dem Bill Nye vor den Gefahren des Klimawandels warnt. 

Aber "nett" ist er nicht mehr. Nur noch wütend.

Der studierte Ingenieur ist zu Gast in John Olivers Sendung "Last Week Tonight" und soll mit einem "lustigen" Experiment verdeutlichen, wie schlimm es um den Anstieg des weltweiten CO2-Gehalts steht. Anstatt das in kindergerechte Worte zu packen oder Gaswölkchen aus Erlmeierkolben zu zaubern, zündet Bill Nye einfach kurzerhand einen Globus an. Und beschimpft die Zuschauer als "Motherfucker".

"Werdet verdammt noch mal erwachsen!", ruft er in die Kamera, während die Welt in Flammen steht. Dann zeigt er auf Feuerlöscher, Decke und Sandeimer – Dinge, die beim Löschen helfen könnten. Wenn die Menschheit mutig genug wäre, sie zu benutzen.

„Ihr seid keine Kinder mehr, denen ich Photosynthese erkläre – das hier ist eine verdammte Krise!“
Bill Nye in "Last Week Tonight"

Die kurze Episode ist Teil eines knapp 20-minütigen Beitrags von Moderator John Oliver über den "Green New Deal". 

  • Der "Green New Deal" ist ein von Demokraten rund um die junge Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez angestrengter Plan, um in der Wirtschaft ein Umdenken in Sachen Klimaschutz zu erreichen. 
  • Mit dem Maßnahmenpaket sollten Unternehmen gezwungen werden, ihren CO2-Ausstoß zu verringern. 
  • Ende März scheiterte die Umsetzung allerdings im US-Senat: 57 von 100 Senatoren stimmten dagegen, darunter alle Republikaner und sogar einige Demokraten. Die übrigen 43 Demokraten antworteten nur mit "present" ("anwesend"). Kein einziger stimmte also zu. (USA Today)

John Oliver erklärt nun, warum das Scheitern gefährlich ist – und die Maßnahmen weiterhin wichtig sind. Hier kannst du den Beitrag von "Last Week Tonight" sehen, Bill Nyes Warnung kommt ganz am Ende:

Das Klimawandel-Video von Bill Nye ist kein Versuch, irgendwen mit Argumenten zu überzeugen. Stattdessen ist es einfach nur: Eskalation.

Hilft das in der Debatte wirklich weiter?

Wissenschaftler sind sich einig, dass wir derzeit einen vom Menschen gemachten Klimawandel erleben. Unser Konsumverhalten und die Industrie sorgen dafür, dass die Atmosphäre mit CO2 angereichert wird und sich der Planet auf einem noch nie dagewesenen (und gemessenen) Niveau aufheizt. 

Die Aktivistinnen und Aktivisten von "Fridays for Future" fordern daher ein dringendes Handeln von der Politik – Skeptiker verurteilen das als Alarmismus. Greta Thunberg wird von manchen spöttisch als "Heilige" bezeichnet, ihr Klimaschutz als "Ersatzreligion". Ganz so, als ginge es beim Klimawandel nicht um Fakten, sondern nur um Glauben.

So ein Video, in dem ein Wissenschaftler einen Globus abfackelt, bringt da auf den ersten Blick herzlich wenig. 

  • Der einen Seite führt Bill Nye nur vor, was sie schon weiß:
  • Die andere wird durch den Alarmismus nur in ihrer Haltung bestetigt, dass Klimaschützer mit ihren Warnung langsam alle durchdrehen. Noch dazu, wenn Bill Nye das Publikum einfach mal als "Motherfuckers" bezeichnet:

Aber es geht auch gar nicht darum, Kritiker zu überzeugen oder zu beschimpfen: Wer den Klimawandel für Murks hält, interessiert sich sowieso nicht für Fakten. 

Der ungewohnte Ausbruch gilt eher jenen, die wissen, dass der Klimawandel eine ernst zu nehmende Gefahr ist. Jenen, die gut finden, was Greta Thunberg macht, aber eben selbst nicht Greta Thunberg sind. Die zwar auf einen Plastikbecher verzichten, sich aber trotzdem alle drei Wochen was von Amazon liefern lassen – oder zwar schon mal bei "Fridays for Future" demonstrieren waren, aber trotzdem in den Flieger nach Thailand steigen. 

Satiriker wie John Oliver und Jan Böhmermann übernehmen mittlerweile den Job, den eigentlich Politikerinnen und Politiker haben: Komplexe Sachverhalte so erklären, dass sie haften bleiben und wir motiviert sind, Missstände zu verbessern. Und den Finger in die Wunde legen. Nichts anders passiert auch beim Gastauftritt von Bill Nye. 

Er demonstriert: Wenn selbst der liebe "Wissenschaftsonkel" plötzlich vor der Kamera ausrastet, dann ist es wirklich an der Zeit, eigene Handlungen zu überdenken. 


Gerechtigkeit

Ist es rassistisch, wenn du schwarze Menschen nicht auseinanderhalten kannst?
"Für mich sehen die alle gleich aus"

Letztes Jahr hat mir ein Kollege zur Beförderung gratuliert. Ressortleitung, Personalverantwortung. Nächster Schritt: Chefredaktion.

Nur war ich gar nicht befördert worden – den Job hatte eine neue schwarze Kollegin bekommen. Passiert. Alle sind peinlich berührt. Schwamm drüber, dachte ich. Bis mir der nächste Kollege zum neuen Job gratulierte.

Die "Washington Post" hat diesem Phänomen gerade einen Namen gegeben: "work twin". Büro-Zwillinge sind zwei Kolleginnen oder Kollegen, die ständig verwechselt werden. Nicht, weil sie sich ähnlich sähen: Sondern nur, weil sie dieselbe ethnische Herkunft oder Hautfarbe haben.

Klar, auch weiße Menschen werden verwechselt.

Der Unterschied: People of Color sehen den Personen, mit denen sie verwechselt werden, oft nicht einmal ähnlich. 

Sie sind unterschiedlich groß, alt oder dick, haben eine andere Haarfarbe, Haarstruktur, Stimmfarbe und Auftreten. So wie die beförderte Kollegin und ich: Sie ist deutlich größer und hat schulterlange Haare. Ich hatte zu dem Zeitpunkt einen Undercut. Dazu kam: Ich war bereits ein halbes Jahr im selben Büro – sie erst ein paar Tage.

Sie war nicht mein erster "Twin". An meinem Gymnasium gab es genau eine andere schwarze Schülerin. Sie war vier Jahre jünger, zwei Köpfe größer und so extrovertiert, dass sie nach einer starken Kampagne zur Schülersprecherin gewählt wurde. Ich saß immer in der letzten Reihe und las unter der Bank ein Buch. Meldete ich mich doch, nannte meine Mathelehrerin mich bis zum Abi konsequent "Kira".

Ist das schon rassistisch?

Es gibt gute Erklärungen für das Phänomen "Für mich sehen die halt alle gleich aus". Der Psychologe und ehemalige Uni-Professor Roy S. Malpass nennt es den "Other-Race-Effect". Das Gefühl, alle Menschen einer Ethnie sähen gleich aus, sei subjektiv gesehen gar nicht so falsch, erklärte er der "New York Times". 

Das habe nichts mit Vorurteilen oder Bigotterie zu tun, sondern mit der Umgebung in der jemand aufgewachsen ist. Sei man in der Frühphase des Lebens nicht viel mit Menschen anderer ethnischer Herkunft in Kontakt gekommen, tue man sich schwer damit, sich nicht-weiße Gesichter zu merken.

Weiße Menschen würden damit aufwachsen, Menschen anhand von Haar- und Augenfarben zu unterscheiden, während Afroamerikaner subtilere Hautschattierungen zu unterscheiden lernten. (New York Times)