Bild: Lena Burmann
Bei "Kuniri" machen geflüchtete Schneiderinnen und Schneider Mode.

Die Modewelt hat ein Problem: Fast Fashion wird unter schlechten Arbeitsbedingungen produziert und Menschen werden dafür ausgebeutet. Ändern könnten das junge Designer, denen Nachhaltigkeit und faire Produktion wichtig sind. Aber die Modewelt ist hart. Aufstrebende Designer können sich in der Branche nur mühsam durchsetzten.

Zwei Frauen aus München haben es trotzdem geschafft: Sie machen vieles anders und sind trotzdem erfolgreich. Dabei kommen Viola Zimmer und Eva Schatz gar nicht aus der Modewelt – die eine ist Ethnologin, die andere Journalistin. 

Das Besondere: Die Kleidung für ihr Label "Kuniri" entwerfen geflüchtete Designer und Designerinnen.

"Kuniri" beschäftigt vor allem Menschen, die schon in ihren Herkunftsländern als Schneiderinnen oder Designer gearbeitet haben, denen der Berufseinstieg in Deutschland aber schwerfällt. An "Kuniri"-Akademien in München und Berlin besuchen die Geflüchteten einen Kurs und entwerfen danach Kleidung für das Label.

Gerade hat "Kuniri" seine erste Kollektion herausgebracht – und war damit sogar auf die Berliner Fashionweek eingeladen, als Gast der grünen Modewoche. Der Stil ist speziell: Bunte Muster treffen auf zurückhaltende Schnitte, aufwendige Details auf schlichte Formen.

bento hat mit Gründerin Eva Schatz über das Projekt gesprochen:

„Wir arbeiten mit den Menschen und stellen uns nicht über sie.“
Eva Schatz

Das Berliner Team: Geschäftsführerin Viola Zimmer mit Kreativleiterin Saskia Theis. Und in München: Kreativleiterin Emine Capartas mit der Geschäftsführerin und Interviewpartnerin Eva Schatz.

(Bild: Anja Frers/ Lena Burmann)

Wie ist die Idee zu "Kuniri" entstanden?

Wir haben als ehrenamtliche Initiative begonnen, neu angekommenen Menschen in Deutschland zu helfen. Schon immer hatten wir den Traum, ein Modelabel zu gründen, das für Vielfalt und gemeinsame Arbeit steht. In den ersten Jahren haben wir uns darauf konzentriert, die Akademie aufzubauen. Ein Münchner Verlag hat uns dabei unterstützt.

Viele der Geflüchteten, mit denen ihr arbeitet, haben bereits Erfahrung als Schneiderinnen und Schneider. Warum fällt ihnen der Berufseinstieg hier schwer?

Viele Menschen, die hier ankommen, müssen sich in einem System zurechtfinden, das sie nicht kennen. Das ist herausfordernd für das Selbstbewusstsein. An der Akademie können Neuankömmlinge mit Schneider- oder Design-Ausbildung erst einmal etwas dazulernen oder ihre Kenntnisse an die Standards hier anpassen.

Bei unserem Label "Kuniri" arbeiten dann alle gemeinsam am Design. Jeder wird ernst genommen und trägt Verantwortung. Kuniri ist Esperanto und bedeutet "gemeinsam". Wir machen Mode, die an unterschiedliche kulturelle Hintergründe anknüpft und zeigt, dass aus verschiedenen Kulturen etwas Tolles entstehen kann. Und auch wir erfahren dabei immer wieder etwas Neues.

Unisex-Mode mit knalligen Farben und Mustern, aber in dezenten Schnitten.

(Bild: Anja Frers/ Lena Burmann)
„Unterschiedliche Kulturen bereichern Mode und Design.“
Eva Schatz

Was zum Beispiel?

In einigen Ländern haben die Näherinnen andere Techniken, sie kleben beispielsweise etwas zusammen, was wir in Deutschland eher nähen würden. Andere arbeiten nach traditioneller Handwerkskunst, die wir dann wiederum übernehmen können.

Wir tauschen uns während der Arbeit im Atelier ständig miteinander aus. Ob Schnitt, Stoff oder Detail: Oft fließen die Elemente aus den verschiedenen Heimatländern in unsere Designs mit ein. Weil all unsere Designer zuerst die Akademie besuchen, wissen wir genau, wie jeder arbeitet und können voneinander lernen.

Wie läuft die Ausbildung an den Akademien ab?

Zuerst wird danach geschaut, wer welche Techniken bereits beherrscht. Danach nähen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre ersten Designs. Viele Stücke der aktuellen Kollektion sind in der Akademie entstanden.

Sie lernen, in einem berufsähnlichen Umfeld zu arbeiten und sprechen die Fachsprache. Es gibt in Berlin und München jeweils drei Schneiderkurse im Jahr, die jeweils von acht bis zwölf Teilnehmern besucht werden. So ein Schneiderkurs dauert drei bis sechs Monate, etwa zehn Stunden pro Woche.

Sechs Monate ersetzten aber keine Schneiderlehre. Hilft so ein Kurs danach überhaupt bei der Jobsuche?

Eine Lehre ersetzen sie nicht. Unsere Akademie ist auch eher für Menschen mit professionellem Hintergrund gedacht. Wir lehnen aber niemanden ab, nur weil dieser noch nicht in der Branche gearbeitet hat. Wenn eine Person Vorwissen mitbringt und gerne in der Mode arbeiten möchte, kann er oder sie trotzdem teilnehmen.

Weil wir mit den Handwerkskammern kooperieren, bekommen alle Absolventen ein Zertifikat, mit dem sie sich anschließend weiter bewerben können. Die Akademie kann für Neuankommende ein erster Schritt in den Arbeitsmarkt sein. Einer unserer Designer hat zum Beispiel gerade ein eigenes Label gegründet, andere arbeiten für Modedesigner.

In der Akademie wurden viele Designs der aktuellen Kollektion entworfen.

(Bild: Anja Frers)

Euer jüngster Designer ist 23, der älteste 55 Jahre alt. Sie kommen aus Syrien, Afghanistan, Sierra Leone und dem Senegal.

Das liegt bei uns in der Natur der Sache: Unsere Designer sind aus ihren Heimatländern geflüchtet und natürlich auch unterschiedlich alt. Gerade in dieser Vielfalt liegt eine große Chance, denn so kommen unterschiedliche, kreative Ideen zusammen. In vielfältigen Teams profitieren wir am meisten.

Gibt das nicht auch Konflikte? An Mode hängen ja auch bestimmte Vorstellungen von Kultur. Geschlechterrollen zum Beispiel.

Klar, da gibt es Reibungspunkte: Wie tief machen wir den Ausschnitt? Was kann ein Mann tragen? Wir suchen immer nach Lösungen, mit denen alle einverstanden sind. Das ist spannend, weil unsere Designerinnen teilweise aus Kulturen kommen, die eher konservative Gender-Vorstellungen haben.

Unsere Mode soll aber variabel sein und sich nicht an Race- oder Gender-Kategorien halten. Wir finden, Mode kann frei von Geschlecht und Herkunft sein, weil wir alle Individuen sind.

Manchmal ertappen wir uns dabei, wie wir unsere westlichen Modevorstellungen auf andere Länder übertragen. Woanders tragen Männer durchaus weite Ballonärmel oder sehr lange Hemden. In einigen nordafrikanischen Ländern tragen sie lange Kaftans, die in Europa als Kleid durchgehen würden.

Eure Mode wird nicht nur in Deutschland entworfen, sondern auch hier produziert. Warum ist euch das wichtig?

Wir wollen die Menschen, mit denen wir arbeiten dabei unterstützen, sich in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Sie sollen auch in Deutschland ihrer Profession nachgehen können. Also produzieren wir hier und fair.

Die schnelllebige Modebranche haben wir immer kritisch gesehen, deshalb ist ein faires Label die einzig logische Konsequenz. Fast Fashion hat katastrophale Auswirkungen auf die Gesellschaft, die Ökonomie sowie die Umwelt. Sie schadet der Welt.

Viele kleine Labels setzten auf grüne und faire Mode – auf die große Modewelt hat das aber kaum Auswirkungen. Oder?

Doch. Ich bin überzeugt: Als Einzelner kann man immer etwas bewirken. Und jemand muss schließlich den Anfang machen. Wenn jeder Mensch einen kleinen Teil beiträgt, kann man gemeinsam die Modebranche – und dann die Welt verändern.


Today

Wie heizt man eigentlich richtig? Wir haben nachgefragt
Klären wir das – ein für alle Mal!

Was am Winter Spaß macht: Schlittschuhlaufen und Glühweintrinken. Was am Winter scheiße ist: Frieren. Und Heizungsluft. Richtig zu heizen scheint eine Kunst für Eingeweihte zu sein. 

Aber gibt es einen idealen Punkt zwischen warm und kalt in einer Wohnung? Wie erreiche ich ihn? Und kann ich die Umwelt schonen, ohne mit den Zähnen zu klappern? 

Wir haben Jens Schuberth vom Umweltbundesamt gefragt.

Was bedeutet "richtig heizen"? Was muss ich beachten?

Warum ist es überhaupt so wichtig, richtig zu heizen? 

Es hat gleich mehrere Vorteile: "Beim Umgang mit der Heizung haben wir natürlich zunächst eine ökologische Verantwortung", erklärt Schuberth. "Wer zu viel heizt, verbraucht viel Energie, was zu einem erhöhten Ausstoß von Kohlendioxid und Schadstoffen führt." Natürlich treiben wir selbst damit auch unsere Heizkostenrechnung in die Höhe. 

Aber: "Zu stark sollte man die Raumtemperatur in der eigenen Wohnung auch nicht absenken lassen", sagt Schuberth, denn: