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Christian Fahrenbach: "Der NDR steht mit dem Rücken zur Wand"

"Wenn Xavier Naidoo singt, geht die Sonne auf", das glaubt ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber. Manchmal singt Naidoo allerdings auch vor "Reichsbürgern", Kritiker werfen ihm Homophobie vor. Wenn Xavier Naidoo gerade nicht singt, verbreitet er gerne Verschwörungstheorien.

Trotzdem schickt der NDR ihn als deutschen Repräsentanten zum Eurovision Song Contest nach Stockholm. Der Aufschrei war ebenso heftig wie erwartbar. Was bleibt, ist die Frage: Warum hat der NDR so entschieden?

Christian Fahrenbach ist Journalist und verfolgt den ESC seit Jahrzehnten, wir haben bei ihm nachgefragt.

Xavier Naidoo wird unter anderem für Songzeilen kritisiert, die man als homophob deuten kann. Was bedeutet sein Auftritt für die große schwule Fanszene des ESC?

Die Fans sind in der Hinsicht sehr sensibel. Auch bei dem Schweden Måns Zelmerlöw, der vergangenes Jahr gewonnen hat, gab es die Debatte, dass er sich vor ein paar Jahren homophob geäußert habe. Auf die Platzierung im Wettbewerb hatte seine Äußerung vorher aber keine Auswirkungen. Die Erfolgschancen hängen eher davon ab, ob die Kommentatoren während der Sendung aufzählen, was Naidoo alles gesagt hat.

Ich denke, dass sich der NDR der Sache sehr bewusst war. In der Pressemitteilung wird sehr viel Zeit darauf verwendet, zu erklären, dass Naidoo sich für Völkerverständigung einsetzt und auch mal als Türsteher in einem Schwulenclub gearbeitet hat.


Warum schickt der NDR Naidoo trotzdem hin? Obwohl er offenbar schon in der Pressemitteilung verteidigt werden muss.

Es gibt einfach sehr wenig Künstler, die sich diesem Wettbewerb stellen wollen. In Deutschland wird er immer noch als Freakshow stigmatisiert. Das ist ein bisschen wie in Großbritannien. Der britische Kommentator hat sich jahrelang über die Künstler lustig gemacht.

In Island dagegen ist der Songcontest ein nationales Ereignis, die Isländer brüsten sich damit, dass 90 Prozent der Bevölkerung den Wettbewerb schauen. In Osteuropa wird der ESC immer sehr politisch verstanden. Russland schickt seit zwei, drei Jahren nette Künstlerinnen, die ganz harmlos vom Frieden singen. Dass ausgerechnet Russland diese Lieder singen lässt, ist natürlich absurd.

Hat sich der NDR mit der Nominierung also trotz der Proteste einen Gefallen getan?

Auf der einen Seite ist es natürlich schade, dass der Grundgedanke des ESC in Frage gestellt wird durch die Nominierung eines Künstlers, der so angreifbar ist.

Ich glaube aber, dass der NDR mit dem Rücken zur Wand steht. Es ist einfach wahnsinnig schwer, alles unter einen Hut zu bringen: Einen Künstler, der aktuell erfolgreich ist und Lust auf den Wettbewerb hat; ein Lied, das kommerziell ankommt, authentisch ist und sich auch noch im Wettbewerb gut platziert. Das kommt vielleicht alle 30 Jahre vor.

In den vergangenen Jahren wurde der NDR stets kritisiert, weil keine erfolgreichen Künstler geschickt wurden, und die Bühnenshows nicht spektakulär inszeniert waren.

Daraus hat der Sender gelernt. Die Show soll jetzt von Film- und Kunststudenten choreografiert werden. Es ist also nicht so, dass dieser Sender sich keine Gedanken macht. Eher im Gegenteil. Ich will den Job nicht haben. Das ist wie beim Fußball, auch dort gibt es 82 Millionen Nationaltrainer.

Wird Xavier Naidoo am Ende also tatsächlich für Deutschland antreten, trotz des aktuellen Proteststurms?

Es gibt die Regel, dass ein Eurovisionssong nicht politisch sein darf. Ein georgischer Vorentscheidungssieger sang einst “We Don't Wanna Put In”. Der Song wurde natürlich als Kritik an Putin verstanden und deshalb disqualifiziert.

Ich habe aber den Eindruck, dass Naidoo ziemlich stark gebrieft ist. Es geht auch darum, ihn aus der Ecke herauszuholen, in der er jetzt steht. Deshalb glaube ich, dass der NDR die Proteste durchstehen wird. Der Wettbewerb ist vor allem auch eine Chance für Naidoo.

Wer ist Christian Fahrenbach?

Christian Fahrenbach, 34, arbeitet als freier Journalist und war 2014 Tow-Knight-Fellow im Studienprogramm „Entrepreneurial Journalism“ an der City University New York. Er ist nicht nur ESC-Experte sondern auch Fan. Seit Lenas Sieg feiert er stets vor Ort, zuvor fieberte er jahrelang vor dem Fernseher mit.