Bild: dpa / Henrik Josef Boerger
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"Amooore! Aaaa-more! Amoreamoreamore!" Das Wort, das sich allen Wanda-Fans eingeprägt hat. Im Wechselgesang: Erst die Band, dann die Fans. Seit Wanda im Herbst 2014 ihr Debütalbum veröffentlichten, haben sie über hundert Konzerte gespielt. Und immer erklang irgendwann dieser Wechselgesang. "Amore", ein Schlachtruf, der für die Liebe steht, aber auch für eine der sensationellsten Erfolgsgeschichten der jüngeren Zeit in der deutschsprachigen Popszene.

Denn diese Band, die vor anderthalb Jahren selbst in Wien noch kaum jemand kannte, wurde im August in Österreich mit Platin belohnt für ihr Album, das beim Indie-Label Problembär Records erschienen war. Textzeilen wie "Wenn jemand fragt, wofür du stehst, sag für Amore" sind Slogans geworden; selbst die Politik wollte sich schon bedienen, darauf reagierten Wanda mit den Worten "Die können alle scheißen gehen."

Ihre Konzerte führten sie zu so ziemlich jedem Feld-, Wald- und Wiesenfestival in der deutschen Provinz, aber auch zu vier ausverkauften Abenden in Folge in einem Berliner Klub. "Immer dasselbe Fest der Lebensfreude für uns", sagt die Band dazu. Vor den Beatsteaks bespielten sie die Waldbühne, mit Kraftklub waren sie in den Mehrzweckhallen unterwegs, deren Frontmann Felix Brummer gab den Tipp: "Du musst deine Netze auswerfen!"

Als ob man das Marco Michael Wanda hätte sagen müssen, dem Sänger, der in der immer gleichen braunen Lederjacke den ganz großen Showman gibt. Der sagt, dass, egal wie müde, das Publikum einen immer wieder auflade. Der sagt, dass wohl keine andere Band sich im Konzert so selbstzerstöre wie sie. Der sagt: "Wir sind schon Schweißverehrer." Der sich erinnert, wie es bei einem Konzert in Wien zum ersten Mal zu voll war, um zur Bar zu kommen – und wie er sich dann vom Publikum zur Bar tragen ließ, was inzwischen zum Ritual geworden ist: "Und dann trink ich einen Schnaps auf alle."

Tante Ceccarelli wird lebendig

Marco Michael Wanda heißt natürlich im wirklichen Leben nicht so, sondern ist als Michael Marco Fitzthum unbeschränkt haftender Gesellschafter der Wandamusik OG – dem Unternehmen, das die Band im Sommer gegründet hat, zu der Zeit, als sie auch bei der deutschen Filiale des Weltmarktführers Universal Music einen Plattenvertrag unterschrieben haben.

Der Mann, der sich Wanda nennt, jedenfalls freut sich darüber, dass die von ihm im bisher größten Wanda-Hit "Bologna" besungene Tante Ceccarelli ihm mittlerweile vorkomme wie eine lebendige Person, nach all den Auftritten und den mitsingenden Fans. "Wenn Figuren durch das Mitwirken von anderen Menschen lebendig würden, das wäre für mich als Liedermacher die ideale Wirkung meiner Arbeit", sagt er.

Sänger Marco Michael Wanda sieht die Konzerte seiner Band als "Duell" mit dem Publikum, und zwar "auf Augenhöhe".(Bild: dpa / Henrik Josef Boerger)

Die Tante, der Thomas und der Andi sind Figuren in einem Paralleluniversum der schummerigen Beiseln und der großen Sprüche zu später Stunde, eine Welt, die auf "Amore" plastisch gezeichnet wurde, und die man im zweiten Album "Bussi" aufs Wunderbarste wiederfindet. "Die zweite Platte ist, was die Figuren der ersten Platte denken", sagt Wanda im Interview dazu.

"Amore" ist kein Zufall, da die allermeisten Songs in derselben Phase entstanden sind. "Das Material hat der Manager geordnet", sagt Marco Michael Wanda, dem es völlig natürlich vorkommt, elf Monaten nach dem Debüt ein zweites Album nachzulegen: "Die Leute wollen das, dann machen wir das halt."

Sogar Schlüsselworte vom ersten Album tauchen auf "Bussi" wieder auf, die "Amore" natürlich, aber auch das "Sterben in Wien" und die "leeren Flaschen". Doch diesmal bleibt's nicht nur beim Schnaps, es geht auch um Kokain und Morphium. Und diesmal scheinen die Figuren um die Gefahren des Lebensstils zu wissen, der ihnen zugeschrieben wird - auch wenn es zum Schluss dann doch heißt "Ich verlier' schon nicht mein Herz und mein Hirn und auch nicht meinen Durst".

Sind das vom modernen Leben Abgehängte, die da beschrieben werden? Die in der beschleunigten Gegenwart nicht mehr mitkommen? Also wenn, dann findet sich der Autor in seinen Figuren wieder: "Ich hab seit acht Jahren kein Internet, ich versuche mich voll zu entschleunigen", sagt Wanda.

Was dann die Frage aufwirft, ob auch das Männerbild, das der Songschreiber seinen Figuren zuschreibt, mit dem seinen übereinstimmt: "Es ist eine unerschöpfliche Projektionsfläche", findet Wanda: "Ich sehe diese Figuren immer eher auf der verletzten Seite. Die Rolle, die der Mann in meinen Texten hat, ist eher in der Defensive. Männer, die mit Trennung versuchen umzugehen und deren Stolz da im Weg ist."

Wie sie da reingeraten sind, diese Männer? "Das sind alles welche, die sich Hals über Kopf verlieben, die dann aber sofort beleidigt sind, wenn das nicht erwidert wird." Und dann denken sie so Zeilen wie "Nimm sie, wenn du glaubst, dass du's brauchst / Steck sie ein wie 20 Cent".

"Wir sind keine geistesgestörten Frauenhasser"

Sie brachten der Band im Vorfeld den Vorwurf misogyner Tendenzen ein. Völliges Missverständnis, beteuert der Sänger: "Wir sind keine geistesgestörten Frauenhasser! Wenn's so wär', würde ich nur noch Watschen von meiner Mama kriegen. Die ist eine starke, emanzipierte, humanistische, feministische Psychotherapeutin." Viel mehr glaubt er, jemand wolle da einen Backlash inszenieren.

Doch von dem scheint Wanda noch weit entfernt, wenn man nach den Schlangen geht, die sich in St. Pauli gebildet haben, obwohl Wanda doch schon in der Spielstätte mit dem größten Fassungsvermögen des Reeperbahn Festivals spielen (hier gibts eine Aufzeichnung des NDR). Die Mundpropaganda ist rumgegangen, jetzt kommt ein zweites gelungenes Album und der Werbeschub der großen Plattenfirma dazu.

Marco Michael Wanda und seine Mitmusiker gehen schon auf Ende zwanzig zu, sie haben alle schon ein bisschen was im Leben gesehen. Nicht nur als Musiker, auch als Persönlichkeit habe er zuvor keinen Erfolg gehabt, sagte der Sänger einmal der Wiener "Presse".

Das zweite Album "Bussi" besteht überwiegend aus Songs, die in derselben Phase entstanden sind wie die des Debüts - auch der erzählerische Kosmos ist derselbe.(Bild: dpa / Henrik Josef Boerger)

Nun wird er gefeiert auf den Bühnen, fast jeden Abend, aber er sagt: "Ich bin mir sicher, dass nicht ich geliebt werde, sondern das, was ich mache. Ich liebe ja auch nicht das Publikum, sondern das, was es macht. Ich will etwas machen, auf das man sich einigt, aber ich will nicht, dass man sich auf mich einigt. Daran sind viele Rockmusiker kaputt gegangen."

Ein Showman wie Freddie Mercury, der wie Lana del Rey von einer Parallelwelt singt und zu wissen glaubt, wie er nicht so kaputt geht wie Kurt Cobain - wohin soll das noch führen mit Wanda?

Versonnen fast erzählt Gitarrist Manuel Poppe von einem Beatsteaks-Konzert, bei dem deren Bassist bei jedem dritten Lied zu seiner Tochter gegangen sei, um ihr ein Küsschen zu geben. Marco Michael Wanda darauf: "Ich kann mir vorstellen, dass mir das in einer anderen Lebensphase ähnlich viel Kraft gibt - wie jetzt mich zu betrinken."