Die Hamburger Band spricht im Interview darüber, warum Musiker auch Vorbilder sein sollten.

Die Hamburger Popband Tonbandgerät tourt derzeit durch Deutschland. Mit bento sprechen die vier darüber, was Zuhause für sie bedeutet und warum Musiker manchmal politisch sein müssen.

Wenn sie nach Hause kommen, erzählen sie, dann würden sich die vier am meisten auf ihr eigenes Bett freuen und ihre Freunde. Nach der letzten Tour entstand im Frühjahr ihr Song "Jetzt komm‘ ich heim", den spielen sie seitdem bei jedem Konzert.

Als Ritual – und auch, weil "auf die Bühne gehen auch so etwas wie Zuhause für uns ist".

Ihr habt mit "Jetzt komm‘ ich heim" ein Video für Flüchtlinge gedreht, in dem ihr für mehr Offenheit plädiert. Dabei seid ihr eigentlich gar keine politische Band.

Jakob: Das Lied ist im Frühjahr entstanden. Zu der Zeit haben wir ganz viel darüber gesprochen. Auf jeder WG-Party, egal mit wem man geredet hat, die erste Frage war immer: Flüchtlinge, wie stehst du dazu?

Uns hat das Thema so krass beschäftigt, dass für uns klar war, wir müssen uns jetzt dazu äußern. Gerade weil auch so viel Mist im Netz herumschwirrt. Wir haben jetzt diese Bühne, das ist die größte Plattform, die wir haben.

Und dann?

Jakob: Und dann haben wir uns erst mal nicht getraut. Weil es echt ein schwieriges Thema ist. Man kann damit auch viel schief machen.

Ole: Uns war wichtig, dass wir das Lied mit Flüchtlingen zusammen machen. Wir sind zu einer Erstannahmestelle in Hamburg gefahren und haben dort mit den Verantwortlichen geredet. Die sagten, dass viele Leute ein bisschen helfen wollen und da ganz falsch ran gehen. Nach dem Motto: "Diese Armen, ich muss denen jetzt mal helfen..."

Isabella: "…und die sollen dankbar sein."

Ole: Es geht ja nicht darum, auf die Menschen herab zu blicken und denen was zu gönnen, sondern ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Deshalb haben wir mit ihnen geredet und Plakate zum Thema Heimat gestaltet. Die Plakate haben wir dann in verschiedenen deutschen Städten in einem Video verarbeitet.

Flüchtlinge, wie steht man dazu?
Jakob

Gab es in der Aufnahmeeinrichtung Berührungsängste?

Sophia: Am Anfang wollte keiner aufeinander zugehen. Wir hatten aber eine Musikbox dabei, das lockerte die Situation auf.

Isabella: Es war auch schön, nicht mit ihnen über die Debatte um sie zu reden, sondern sich über Musik und Kunst auszutauschen.

Sophia: Manche erzählten auch "Eigentlich spiele ich Gitarre, aber hier habe ich keine. Cool, dass ihr Musik macht, was hört ihr denn so?“

Jakob: Wir hatten alle ein mulmiges Gefühl bei dieser Annahmestelle. Man geht durch ein Tor, muss sich anmelden, alles ist umzäunt. Dann haben wir aber so schnell festgestellt, dass dort super herzliche Menschen sind und dass wir durch die Musik gleich eine Ebene hatten.

Sophia: Wir mussten ihnen auch unsere Plakatidee nicht groß erklären. Das war sowieso das Thema, wozu sie etwas malen oder schreiben wollten.

Die Leute kommen, weil sie genau vor so einem Terror fliehen, lasst uns denen hier ein sicheres Zuhause geben.
Sophia

Als ihr das Video gedreht habt, wurde hier die „Willkommenskultur“ groß geschrieben. Jetzt ist die Stimmung anders. Was kann Musik in dieser Situation erreichen?

Sophia: Ganz viele Künstler positionieren sich und haben sich positioniert. Wir Musiker haben auch eine Vorbildfunktion. Wir können ein Sprachrohr sein, Privatpersonen nicht.

Jakob: Das ist eine völlig neue Situation für uns, wir haben uns vorher nie politisch geäußert. Gerade touren wird durch Deutschland und haben vor diesem Song jedes Mal gesagt, dass uns dieses Thema sehr am Herzen liegt. Dass Flüchtlinge eben keine Terroristen sind. Dass es wichtig ist, bei dem Thema Stellung zu beziehen.

Das kam nicht immer supergut an. Der Applaus war manchmal verhalten. Wir hatten trotzdem ein tolles Gefühl dabei: Man steht auf der Bühne und sagt vor tausend Menschen seine Meinung und bestärkt die Leute, die vielleicht genauso denken.

Isabella: Gerade als Pop-Band erreichen wir ja auch ein Publikum, das nicht unbedingt politisch ist – da ist es gerade wichtig, die Leute zum Nachdenken anzuregen.

Dass nicht all ihrer Fans von der Aktion begeistert sind, hat Tonbandgerät auch am Kartenverkauf für das Benefizkonzert am 13. Dezember in Hamburg gemerkt: Der lief gut an, brach aber im November ziemlich ein.

Viele nehmen es nicht ernst, wenn sich unsere Generation engagiert. "Was mit Flüchtlingen machen" gehöre jetzt zum guten Lifestyle.

Sophia: Ich das absolut okay, wenn das ein Trend ist. Wir sind schon als Kinder mit der großen Flüchtlingswelle aus dem Kosovo in Kontakt gekommen. Wir haben viele Freunde und Verwandte aus anderen Ländern. Für uns ist das normal und die, die vor dem Fremden Angst haben, sind eher älter und hatten damit nie Berührungen.

Hat das Flüchtlingsthema unsere ganze Generation politisiert?

Ole: Das hat vielen die Augen geöffnet. Das ist kein politisches Thema, das weit weg ist. Durch die Flüchtlingsunterkünfte in den Städten ist es sehr nah dran. Und es sind viele junge Menschen nach Deutschland geflohen, daher berührt uns das noch mehr. Jetzt achtet man mehr darauf: Wen wähle ich eigentlich?

Sophia: Es geht auch um unsere Zukunft – es ist abzusehen, dass sich diese Situation erst mal nicht ändern wird. Wir sind jetzt in einem Alter, in dem wir beginnen, politisch etwas verändern zu können.

Jakob: Es liegt auch daran, dass es zu dem Thema zwei sehr extreme Meinungen gibt, und sich jeder irgendwie positionieren muss. Das ist auch ein Grund, warum gerade so viele politisch werden. Wir sprechen ständig über das Thema, man muss dazu eine Meinung haben. Ich kenne niemanden, der sagt, ihm ist das völlig egal.

(Bild: dpa / Angelika Warmuth)

Bleibt Tonbandgerät jetzt politisch?

Jakob: "Ich komm‘ jetzt heim" war am Anfang gar kein politischer Song, er ist dann dazu geworden. Einmal wollten wir einen politischen Song schreiben, und dann kam "Deine Tasche riecht nach Schwimmbad" dabei heraus – der ungefähr der unpolitischste Song von allen ist.

Aber ich glaube, wir haben uns nicht gegründet, weil wir eine politische Band sein wollen. Manche Dinge, die man sagt, sind einfach politisch.

Isabella: Und wir haben natürlich selber eine politische Meinung, die fließt ganz automatisch mit hinein.

Viele sagen, es sei naiv von Deutschland, so viele Flüchtlinge aufzunehmen. Ihr singt "Naivität ist ein Privileg" – wie kann man das verstehen?

Sophia: In dem Song geht es darum, nicht erwachsen werden zu wollen. Im Sinne von: Keine Träume mehr zu haben und in einer Routine festzustecken. Naivität hat ja auch etwas davon, Dinge entdecken zu wollen, sich neu zu definieren und Sachen zu verändern. Ich glaube, wenn man nicht irgendwo ein bisschen naiv ist, funktioniert so etwas ist.

Isabella: Naivität ist ja nicht automatisch etwas Negatives – manchmal kann es auch ziemlich positiv sein.