Bild: NBC/ Getty Images

Drei Freunde müsst Ihr sein: Das britische Pop-Trio The xx gibt sich auf seinem neuen Album "I See You" selbstsicher, weltoffen und tanzbereit. Dabei wäre die Band an der Aufgabe ihrer Intimität fast zerbrochen.

Bands, die sehr schnell sehr erfolgreich geworden sind, gelten oft als schwierig, sie bilden sich zu viel auf ihren Ruhm ein und nerven mit arroganter Divenhaftigkeit.

The xx sind nicht schwierig, sie sind schüchtern.

In Interviews mit dem britischen Pop-Trio ertappt man sich oft dabei, dass man selbst derjenige ist, der am meisten redet. So ist auch diesmal, Ende letzten Jahres beim Treffen im Berliner Soho House. Und doch hat sich etwas verändert: Bassist Oliver Sim und Sound-Architekt Jamie Smith sind bemüht, ausführlich zu antworten und über Dinge zu sprechen, über die sie sonst lieber geschwiegen haben: sich selbst und ihre Musik.

Noch etwas ist neu.

Während das Trio die ungeliebten Pressetermine sonst konsequent im Triplett absolvierte, ist Sängerin und Gitarristin Romy Madley Croft diesmal nicht dabei. Sie reiste bereits weiter, um weitere Promotion-Termine alleine zu bewältigen. Denn The xx sind begehrt. Keine andere junge Pop-Gruppe genießt so viel uneingeschränktes Kritiker-Wohlwollen und umarmende Fan-Liebe wie die drei Londoner.

Ihre Zurückgenommenheit war dafür bisher das größte Argument. Die brüchig-zarten Songs, die 2009, als das Debüt-Album von The xx erschien, gleichermaßen faszinierten wie verzauberten, wirkten, als wären sie in einem Kokon oder unter der Bettdecke entstanden. So viel entwaffnende Wärme und intime Verdichtung war selten in einer Musik, die andererseits so viele Leerstellen ließ – Räume, in die jeder seine eigenen Gefühle hineinprojizieren und ihnen dann wehmütig nachsinnen konnte.

Die Platte mit dem weißen X auf schwarzem Grund verkaufte sich mehr als eine Million Mal.

2011 folgte das in vielerlei Hinsicht noch strenger reduzierte "Coexist". Und erscheint mit "I See You" ein überraschendes drittes Album. Überraschend deshalb, weil es ungewohnt offen und beschwingt ist, als würde die Band die Umarmung von Außen, wenn auch noch zaghaft, erwidern wollen.

Schon der erste Track, "Dangerous", erstaunt mit einer forschen Fanfare und einem selbstgewiss heranklappernden Tanzbeat. Auch aus den folgenden Songs scheint das Monochrome gewichen zu sein. Stattdessen herrschen luftige, flitternde, zum Tanzen animierende Arrangements vor, die Single "On Hold" baut gar auf einem Yacht-Rock-Groove von Hall & Oates auf.

Album-Höhepunkte wie "A Violent Noise", "Performance" oder "Replica" klingen nach neuer Pop-Souveränität, vielleicht auch einem Workshop geschuldet, den Madley-Croft in der Songschreiber-Schmiede Hit Factory in Los Angeles absolvierte. Doch wer die Ankunft in der Banalität oder gar den Ausverkauf befürchtet, findet in jedem der Tracks, noch immer unverkennbar, die zu Markenzeichen gewordenen Signaturen der Band: die gehaucht-gemurmelten Gesangsdialoge von Romy und Oliver, die irrlichternden Gitarren, das Verhuschte und Verschüchterte.

Aber eben auch den verhaspelten, aber fordernder werdenden Dance-Sound von Smith, der inzwischen als "Jamie xx" zu den gefragtesten DJs und Produzenten der Szene gehört. Viele expressive Klang- und Rhythmus-Tupfer aus seinem Solo-Album "In Colour" scheinen auf The xx abgefärbt zu haben.

Gerade die Entpuppung des introvertierten Smith als Tanzmusik-Erneuerer hätte das Ende von The xx bedeuten können. "They say we're in danger, but I disagree", singt Oliver Sim in die ersten Takte von "Dangerous" hinein. Eine programmatische Textzeile des Albums, die ahnen lässt, welchen Friktionen und Turbulenzen das Trio in den letzten Jahren ausgesetzt war.

"Coexist", das für jede Hit-Band schwierige zweite Album, sei ein Wendepunkt gewesen, sagt Sim - und beschreibt die Arbeit daran in der Rückschau als allzu isoliert: "Es gab nur uns drei in einem abgeschlossenen Raum in Nord-London. Wir blieben in der Stadt, die wir kannten und wir spielten niemanden irgendetwas vor. Ich bin stolz auf die Platte, aber diesen Prozess wollte ich nicht noch einmal wiederholen."

Die Wege der drei seit ihrer Kindheit eng befreundeten Musiker trennten sich zum ersten Mal für längere Zeit. Smith verfolgte seine Solo-Ambitionen, Madley-Croft, inzwischen mit der britischen Designerin Hannah Marshall verlobt, verbrachte viel Zeit in Los Angeles, Sim modelte für Dior und lenkte die Geschicke des Band-Labels Young Turks. Als sie sich trafen, um das weitere Schicksal von The xx zu besprechen, war klar, dass die drei nicht nur erwachsen geworden waren, sondern dass sich auch in ihrer Herangehensweise an die Musik etwas ändern musste.

"Wir wollten das genaue Gegenteil", sagt Sim. "Wir wollten raus als London, raus aus unserer Komfortzone, uns generell weniger geziert geben. Vor allem aber wollten wir uns von Überlegungen befreien, wie The xx zu klingen haben oder was das Publikum an uns mag."

Wir wollten das genaue Gegenteil

"Is it in our nature to be stuck on repeat?", ist die Frage, ängstlich im Song "Replica" gestellt, die jene Angst vor dem Verharren im Bewährten thematisiert. Statt sich noch mehr abzuschotten, entschied sich die Band für die Öffnung - dem Ruhm, der Welt und vielen neuen Einflüssen.

"I see you" bezieht sich eben auch auf das Binnenverhältnis von The xx, die sich ihrer vielleicht etwas zu selbstverständlich gewordenen Freundschaft erst wieder vergewissern mussten.

"Manchmal, wenn man richtig gut befreundet ist, bleiben viele Dinge ungesagt, weil man glaubt, es sei nicht nötig, man ist sich ja so nah", sagt Jamie Smith. Inzwischen hätten die drei jedoch gelernt, dass es besser ist, mehr miteinander zu kommunizieren: "Wir sind in so vielen Belangen aufeinander angewiesen, nicht nur für unsere Arbeit. Wir verbringen so viel Zeit miteinander, da muss man sich einfach ein bisschen anstrengen." Sim ergänzt: "Zu keiner Zeit stand die Band im Vordergrund, wir waren immer zuallererst drei Freunde. Und das hat uns immer geerdet."

Aus den Spannungen, die zwischen dem Drang des individuellen Hinaus-in-die-Welt-Wollens und der Konzentration auf den kleinen, privaten Nukleus dieses Dreiergespanns entstehen, schöpfen die vordergründig gelockerten Songs auf "I See You" ihre Intensität. Man kann vieles hineinlesen in die wie immer universell, also frei von Gender- Ort- oder Zeit-Zuschreibung gehaltenen Text-Dialoge. Sie können fiktive romantische Beziehungsdinge ebenso verhandeln wie die Selbstfindungs- und Besinnungsprozesse innerhalb der Band.

Sie bilden vielleicht aber auch den aktuellen gesellschaftlichen Diskurs ab, das anstrengende Zurechtfinden in den Komplexitäten der globalisierten Welt, in der jeder sich und seine Eigenheiten auf realer oder digitaler Bühne inszenieren kann - und dem Drang, sich vor den diversen Überforderungen und Zumutungen unter eine wärmende Decke zurückzuziehen, die der Familie, die des Kulturkreises oder die der Nation.

Mit ihrer selbstbewusst aus der Stagnations-Falle befreiten Musik bieten The xx keine Lösung an, das könnte ein Pop-Album, egal wie brillant, ohnehin nicht leisten.

Sie zeigen aber, so unaufdringlich, behutsam und ewig tröstlich, wie es ihre Art ist, welche befreiende Dynamik aus Rücksicht, Dialog und Freundschaft entstehen kann.

Gut, dass sie mal drüber geredet haben.

Style

Dieser Mann kopiert Carrie Bradshaw – und es sieht umwerfend aus
Ohne "Sex and the City" wäre Dan Clay ein anderer Mensch

Eigentlich ist Dan, 32 und aus New York, Strategie-Berater. "Ein totaler Miranda-Job, aber ich hoffe, ich bringe da auch immer etwas Carrie mit hinein."

Miranda? Carrie? Genau: Dan ist Mega-Fan von "Sex and the City". Vor allem die Protagonistin, die Kolumnen schreibende und viel verliebte Carrie, hat es ihm angetan.