Wir haben die Berliner Rapperinnen Sxtn getroffen.

Erst treten sie die Haustür ein, dann drehen sie die Bässe auf, spritzen mit Champagner und Feuerlöschern und twerken im Schaum: So feiert das Berliner HipHop-Duo Sxtn, Juju, 23, und Nura, 27, im Musikvideo "Deine Mutter". Sie rappen:

Fick dich, du Hure. Fick dich, du Spast. Dein Leben ist Fake, mein Rap ist real.
Sxtn

Nackte Tänzerinnen räkeln sich dazu um Juju. Typisch Rapmusik – nur dass die Frauen hier nicht bloß tanzendes Beiwerk sind, sondern die Bosse. Die klassische Rollenverteilung hat Sxtn weggelassen, den Sexismus nicht. Die Frauen feiern und rappen so hart wie die Männer. Im Vergleich zu Sxtn wirken einige der aufgepumpten und angespannten Rapper allerdings ziemlich spaßbefreit.

In der Fotostrecke: So feiert sich Sxtn
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Wir treffen die beiden am Rande eines Festivals. Ist Sxtn die längst überfällige Emanzipation des Raps, in dem Frauen auch im Jahr 2016 nur selten ernstgenommen werden?

"Wir werden in diese scheiß Schublade gedrängt", sagt Nura, die ältere der beiden. "Wir haben nie Musik gemacht, um irgendein politisches Statement loszuwerden. Wir rappen einfach so, wie wir halt sind."

Wie sie halt so sind: Juju verdiente ihr Geld mit Tätowieren, Nura mit Rastazöpfe Flechten und als Barkeeperin. Beide haben kein Abitur, keine Ausbildung. "Vor der Musik haben wir gelebt wie Könige. Die ganze Zeit Suff", sagt Nura. "Wir hatten keinen Bock auf eine Ausbildung. Und wir haben dazu gestanden, dass wir darauf keinen Bock haben."

Ein Freund von Nuru ist Musikmanager, sucht nach einem neuen Talent. Sie spielt ihm etwas von Juju vor, die seit ihrer Schulzeit Rap hört, Bushido, Aggro Berlin, alles, was hart ist. Juju hat schon eigene Aufnahmen auf MySpace hochgeladen. Nura feierte selbst bereits erste Erfolge, sie stand sechs Jahre mit den Elektro-Clashern "The Toten Crackhuren im Kofferraum" auf der Bühne.

Der Produzent beißt an. Sie treffen sich im Studio und nehmen auf: "Touristen fisten". Der Spaßtrack erscheint zwar nicht, dafür gibt es einen Plattenvertrag. Nach zwei Jahren im Studio sind die ersten Songs fertig.

Es folgt der erste Auftritt, auf einer Party: "Ich habe ehrlich gesagt gehofft, dass Juju absagt", sagt Nura. Für Juju ist es das erste Mal vor Publikum. "Niemand kannte uns", sagt Juju. "Ich dachte nur: 'Scheiße, warum hast du Ja gesagt?'"

Ihre Facebook-Seite hat zu der Zeit 23 Fans. "Das waren alles unsere Freunde. Die hat man damals noch dazu gezwungen", sagt Nura. "Wenn jemand die Seite nicht geliked hat, wurde ich richtig sauer. Da hab ich direkt geposted: Ihr kleinen Missgeburten, wenn ihr meine Seite nicht liked, werde ich euch direkt entfreunden."

In der deutschen HipHop-Szene spielen Frauen lange Zeit nur in Videos mit. Das ändert sich erst langsam, es gibt die straßenharte Schwester Ewa aus Frankfurt, die verträumte Cloud-Rapperin Haiyti aus Hamburg – und Sxtn.

Bei Sxtn muss es ballern. In ihren Liedern geht es um Prostitution, Drogen und Feiern. Zeilen wie "Dein Essen schmeckt so whack wie deine Fotze, mach´n Kochkurs" oder "Du hast keinen Stolz, du kannst blasen du Hund" erinnern an den Pornorap von Frauenarzt.

Hauptsache krass? Ganz so billig ist Sxtn dann doch nicht. Auf ihrem Track "Hass Frau" liest die Frauenrechtlerin und Porno-Gegnerin Alice Schwarzer einen frauenverachtenden Text des Rappers King Orgasmus One vor: "Hass Frau, du nichts, ich Mann. Fick mich und halt dein Maul."

Ein Auszug aus einer Talkshow, den Sxtn mit Beats unterlegt hat. "Das Video ist legendär. Das fand ich immer schon geil", sagt Juju. "Es hat halt perfekt gepasst, dass Alice Schwarzer einen frauenfeindlichen Text rappt aus der Perspektive von einem Typen. So wie wir auch. Sie ist unsere Hook."

Aber auf King Orgasmus One lassen sie nichts kommen: "Er ist voll der nette Typ. Und sehr höflich, auch zu Frauen", sagt Juju. Warum dann der Track? "Wir rappen in dem Lied aus der Perspektive eines frauenfeindlichen Mannes. So wie die meisten Rapper halt sind. Was wir aber auch nicht krass schlimm finden."

Klar, schließlich spielen sie das Spiel mit. "Dass Frauen durch unsere Musik vielleicht auch selbstbewusster werden, kommt automatisch", sagt Juju. "Wir setzen uns aber nicht hin und sagen: Lass mal jetzt was für Frauen machen."

Um Selbstbewusstsein geht es auch in "Ich bin schwarz", einer Trap-Version von "Ich will Spaß", in der Nura jede Menge Klischees über ihre Hautfarbe aufgreift und disst. Gut gelaunt, voller Spaß, voll auf die Fresse.

Aus den 23 Facebook-Fans sind mittlerweile mehr als 43.000 geworden. Nach den Auftritten folgte im April ihr erstes Album "Asozialisierungsprogramm". Ihre Videos auf YouTube gehen ab. Nach Auftritten auf Festivals ging es im September weiter auf ausverkaufte Club-Tour.

Unter die hässlichen Kommentare auf YouTube und Facebook – die männerdominierte Szene hat nicht gerade auf Sxtn gewartet – mischen sich nun immer öfter Fans. "Ich sehe hier nur Idioten die notgeil sind. Bisschen mehr Respekt fuer diese beiden Sexy Ladys", fordert jemand.

Feel free to hate. Was sollen wir denn machen, zu Hause sitzen und heulen?
Sxtn

Aber Sxtn scheint der Kommentarmüll ohnehin nicht weiter zu kümmern.


Trip

So schaurig feiert Mexiko den "Tag der Toten" (James Bond sei Dank)

Die Toten sind lebendig.

Zumindest in Mexiko, zumindest an diesem einen Tag: Am Samstag hat Mexiko-Stadt den "Dia de Muertos", den "Tag der Toten", mit einer gigantischen Parade gefeiert. Etwa 1000 Menschen zogen durch die Straßen, verkleidet als Skelette, als "Zuckertote" oder als Totendame Catrina ("Mexico Star").

Es war das erste Mal, dass Mexiko den Tag derart spektakulär gefeiert hat. Das Tourismusministerium ging von rund 135.000 Besuchern aus ("The Guardian").