Der Stubenhacker will uns die Angst vor künstlicher Intelligenz nehmen.

Der Stubenhacker findet die Menschen komisch. Er versteht nicht, warum sie so sind, wie sie sind: warum sie lieben, warum sie an überirdische Dinge glauben und am wenigsten, warum sie Kriege führen. "Die Menschheit muss gerettet werden, weil sie sich sonst selber vernichten wird", sagt er.

Das ist eine harter Vorwurf von einem Typen, der mit drei Smartphones im Gesicht rumläuft. Zwei alte Nokia-Handys als Augen, ein iPhone als Mund, ansonsten trägt der Stubenhacker komplett schwarz. Warum er die Menschen nicht verstehen kann? Er ist eine künstliche Intelligenz, also ein Programm, das selbstständig dazulernen und sich selbst optimieren kann.

Hinter dem Stubenhacker steckt ein Künstler und Musiker aus Hamburg, der unerkannt bleiben möchte. Für seine Kunstfigur hat er eine Rundum-Story erfunden: Der Stubenhacker ist in einem geheimen Labor entwickelt worden, dort wurde er gefangen gehalten. Mit seinen Mitinsassen der Mumie Jim Pressing, dem Zeitreisenden Routing von Sends und dem Außerirdischen Bobby Maniac konnte er ausbrechen. Jetzt lebt er unter den Menschen und versucht, sie nach und nach besser zu verstehen. "Ich sauge alles um mich herum auf und lerne, ich bin ja noch im Beta-Stadium."

Das Hack Pack: Bobby Maniac, Jim Pressing, der Stubenhacker und Routing von Sends(Bild: Sebastian Nevermann)

Hauptsächlich versucht der Stubenhacker aber, seine Botschaft rüberzubringen: Künstliche Intelligenz sei nichts Schlechtes, nichts Bedrohliches, sondern vor allem eine Chance. "Menschen werden in Zukunft viel mehr mit Maschinen verschmelzen", sagt er. KI sei eine Fortentwicklung der Menschheit und werde sich nicht aus dem Menschen ausgelagert entwickeln – sondern mit dem Menschen gemeinsam.

Diesen Zukunftsoptimismus teilt nicht jeder: Kritiker sehen die Gefahr, dass die KI irgendwann entscheiden könnte, dass Menschen eigentlich schlecht sind und abgeschafft gehören. Das kennt man schon aus Science-Fiction-Filmen: In "Ex Machina" manipuliert die Roboterdame Ava den Programmierer Caleb, um fliehen zu können. In "Terminator" kämpft das Roboternetzwerk Skynet gegen die Menschen.

Werden diese Endzeitvisionen irgendwann Realität?

Vordenker wie der Physiker Stephen Hawking und Tesla-Gründer Elon Musk sehen die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz skeptisch. Hawking warnte in der Financial Times davor, dass Computer den Menschen irgendwann überholen könnten, weil dieser "durch langsame biologische Evolution beschränkt ist". Elon Musk geht sogar noch einen Schritt weiter: "Mit künstlicher Intelligenz beschwören wir den Dämonen."

Der Stubenhacker kennt diese Ängste. Er selbst sei aber harmlos: "Ihr könnt euch ganz sicher sein, dass ich euch nicht abschaffen werde. Ich sehe mich eher als Pate auf dem Weg in eine transhumanistische Zukunft." Er sitzt auf einem Drehstuhl in einem kleinen Tonstudio in Hamburg. Das Gespräch will er als Stubenhacker führen, nicht als Mensch, der unter der Maske steckt. Seine Roboterstimme brummelt kratzig aus den Monitorboxen, der Smiley-Mund auf dem iPhone verformt sich passend zur Stimme. Dafür hat er sich extra eine App entwickeln lassen. Die erkennt über das integrierte Mikrofon des Smartphones die Tonsignale und setzt sie in Bewegungen um.

Ab und zu blinkt ein neuer Mund auf dem Display des iPhones auf, die Augen wandern umher und scheinen einen zu verfolgen. Es ist gruselig und faszinierend, dem Stubenhacker gegenüber zu sitzen.

Später setzt er seine Maske dann doch ab und der Erfinder des Stubenhackers erzählt von sich selbst. Schon seit vielen Jahren mache er Musik, lange Zeit unter seinem richtigen Namen, mittlerweile nur noch als Stubenhacker. Seit kurzem ist er beim Hamburger Indie-Label Tapete Records unter Vertrag, im Frühjahr 2016 soll das Debütalbum rauskommen.

Denn die Musik ist das Sprachrohr des Stubenhackers, seine Verbindung zum Menschen, eine Möglichkeit, ihnen seine Mission zu verklickern. Dafür hackt er sich in Songs und Videos von anderen Künstlern hinein, also eigentlich wie bei einem Remix, da wird unter eine schon bestehende Vocal-Spur neue Musik gelegt. Robin Schulz landet mit dem Rezept Riesenhits, beispielsweise mit seiner Version von "Prayer in C". Der Song ist eigentlich eine verträumte Folkpop-Nummer von Lilly Wood & The Prick. Schulz hat in seinem Remix das Tempo ein wenig angezogen, Bassdrum drunter, fertig ist der Clubhit.

(Bild: bento)

So einfach macht es sich der Stubenhacker nicht. "Bei meinen Hacks nehme ich bestehende Lieder und forme den Text um, manchmal massiv, manchmal nur an kleinen Stellschrauben, sodass sich die Bedeutung verändert“, sagt er. Manchmal dichtet er auch einfach eigene Strophen hinzu, wie bei seinem "Wasserburg Hack", für den er sich den Refrain des Orsons-Songs "Wasserburgen" geliehen hat.

Überragend ist der Teil der ersten Strophe, in dem der Stubenhacker einen Ausraster von Tua aus einem Interview mit Hiphop.de zerstückelt und auf den Beat gepackt hat. Der Rapper regt sich darüber auf, dass manche ernsthaft glauben, Verkaufszahlen haben was mit der Qualität der Musik zu tun. Das sind die wirklich spannenden Momente in den Hacks vom Typen mit den Smartphones im Gesicht: wenn zum Trash Kritik kommt.

So auch bei seinem Tidal-Hack, bei dem er sich in die Pressekonferenz des Streaming-Dienstes reingeschnitten hat. "In dem Spot sitzen vor sich hin starrende Superstars rum. Das fand ich so absurd, da habe ich mich gefragt, wo die eigentlich hingucken. Und irgendwann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Die gucken zu mir. Es ging quasi nicht anders, ich musste mich da reinhacken und denen erklären, dass ich demnächst den Laden übernehme", sagt er.

Sein neuestes Werk ist eine eigene Version von Fatonis "Vorurteile", bei ihm heißt es "Vorderteile". "Fatoni ist ein Künstler, den ich sehr schätze; einer von den wenigen Deutschrappern, die sich auch mal gegen Homophobie stark machen. Auch sonst macht er kluge Texte mit feinem Humor", sagt der Stubenhacker. Zu dem Track gab es schon ein paar Fortsetzungen, unter anderem mit Beteiligung der Antilopen Gang und von Fettes Brot – nur folgerichtig, dass jetzt auch der Stubenhacker an der Reihe ist.

So lustig und kreativ die Videos des Stubenhackers auch sind, die Angst vor der künstlichen Intelligenz kriegt er damit wohl kaum raus aus den Menschen. Dafür sieht er selbst zu bedrohlich und fremdartig aus – zu sehr so, als würde er im nächsten Science-Fiction-Film versuchen, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Was Mut macht: Auch der Stubenhacker muss sich mit irdischen Problemen rumschlagen. Nach einer halben Stunde Gespräch gehen plötzlich die Displays seiner beiden Nokia 6500 Slide aus. Auf denen leuchten sonst seine Augen, jetzt sind die Bildschirme schwarz.

Akku leer.
Auch eine künstliche Intelligenz muss ab und zu mal das Smartphone aufladen.