Bild: Spotify
Maik entscheidet, wer und was in die deutschen Playlists kommt. Im Interview erklärt er, wie "Modus Mio" entstanden ist

Sie heißen "Techno Bunker", "Deutsch Pop", "Dusch Playlist": Wer im Internet Musik streamt, hat meistens schon mal eine Playlist auf Spotify gehört. Oder sogar selbst eine angelegt. Es gibt mittlerweile unzählige Song-Listen auf der Plattform.

Früher war es wichtig, als Musikerin oder Musiker in die Rotation auf MTV zu kommen. Heute zählt ein Platz auf einer Spotify-Playlist. Schafft man es drauf, ist der Erfolg eines Songs fast vorprogrammiert. Ein Großteil der erfolgreichsten Listen wird dabei von Spotify selbst verwaltet.

So wie zum Beispiel "Modus Mio", eine der wichtigsten Deutschrap-Playlist, die wöchentlich neue Hits hervorbringt.

Wer wählt aus, was auf die Spotify-Playlists kommt? Und wie entsteht eine Liste? 

Darüber haben wir mit Maik Pallasch, dem Chef der deutschen Playlist-Kuratorinnen und -Kuratoren gesprochen. Er verrät außerdem, wie man selbst privat eine richtig gute Party-Playlist erstellen kann.

Playlist-Oberhaupt Maik Pallasch

Maik leitet Spotifys Playlist-Redaktion für deutsche Musik. Früher war er viel in Clubs und auf Konzerten unterwegs, hat selbst Musik aufgelegt. Ein guter Einstieg in das Business, dem er bis heute treu ist. Er studierte BWL, arbeitete später für die Labels Sony und BMG. Seit September 2017 ist er bei Spotify.

bento: Du leitest die deutsche Playlist-Redaktion von Spotify. Welche Rolle spielen die Listen für euch?

Maik: Wir haben mittlerweile 50 Millionen Songs auf der Plattform. Um diesen Dschungel überschauen zu können, macht es Sinn, den Content für unsere Hörerinnen und Hörer aufzubereiten. Playlists sind für uns in erster Linie ein Empfehlungsfilter. Wir wollen neue Musik vorstellen und verfolgen aber auch das Ziel, dass wir jedem Nutzer zu jeder Gelegenheit eine passende Playlist liefern können.

bento: Funktioniert das? Gibt es zum Beispiel eine Sex-Liste von euch, die bevorzugt nach 21 Uhr gespielt wird?

Maik: (lacht) Eine Sex-Playlist haben wir noch nicht. Es gibt aber eine sehr beliebte Sleep-Playlist zum Einschlafen für abends. Solche Listen gibt es für verschiedene Bereiche und Aktivitäten – zum Aufstehen, zum Duschen, zum Joggen, zum Rumhängen. 

„Wir versuchen, jede Situation und Stimmung abzudecken, die man sich vorstellen kann.“
Maik

bento: Die Sex-Playlist könnte also irgendwann noch kommen?

Maik: Unbedingt. Außer den von uns kuratierten Listen gibt es ja auch drei Milliarden User-Playlists. Da ist bestimmt schon die ein oder andere Sex-Playlist dabei.

bento: Wie entsteht eine Playlist von Spotify selbst?

Maik: Es gibt Listen, hinter denen Redakteure stecken, die die Playlists mit ihrem kulturellen und musikalischen Verständnis erstellen. Außerdem gibt es Listen, die von einem Algorithmus kuratiert werden, wie etwa den persönlichen Mix der Woche. Da findet der Algorithmus auf Basis des individuellen Nutzungsverhaltens und im Abgleich mit unseren 271 Millionen Hörerinnen und Hörern neue Musik und schlägt sie vor. Gemischte Playlists, sogenannte Algotorial Playlists, verbinden beides. In Zukunft wollen wir zum Beispiel mehr Wortbeiträge mit Musik mischen. Dafür stellt die Redaktion mögliche Inhalte zusammen, und der Algorithmus wählt dann für jede Hörerin und jeden Hörer die passenden Beiträge, Kurznachrichten und Songs aus. "Daily Drive" ist ein Beispiel dafür.

bento: Wenn die Redaktion dahinter steckt, wie geht ihr bei der Konzeption vor?

Maik: Wir überlegen uns zuerst eine Hypothese: Was ist der Sinn und Zweck dieser Playlist? Warum machen wir sie? Für welche Aktivität, welches Genre, welche Stimmung soll sie stehen? Wer ist die Zielgruppe? Dafür analysieren wir Daten auf der Plattform, machen Umfragen und lassen unser Musikwissen einfließen.

bento: Kannst du ein Beispiel nennen?

Maik: Ich erkläre es mal anhand der "Modus Mio"-Playlist. Früher hieß sie "Generation Deutschrap". 2018 haben wir sie umbenannt und gemeinsam mit einer Agentur ein neues Konzept entwickelt. Wir haben am Namen gefeilt und ein neues Design erstellt. Die Liste hat sich mittlerweile zu einer eigenen Marke entwickelt, auf die viele Hörerinnen und Hörer vertrauen. Die Zielgruppe sind Deutschrap-Fans. Sie wissen, dass sie dort immer freitags die neueste und relevanteste Musik des Genres entdecken. So eine Entwicklung ist der Idealfall. Es gab sogar schon Live-Konzerte unter dem Titel "Modus Mio".

bento: Wie kommt die Musik in die "Modus Mio"-Playlist?

Maik: Passend zur Hypothese haben wir am Anfang eine Liste mit 50 Songs entwickelt. Dann ging die erste Version der Playlist live und wir haben uns die anonymisierten Daten des Nutzerverhaltens angeschaut. Das machen wir auch heute noch. Die meisten Listen werden mindestens wöchentlich aktualisiert. So können wir beobachten, wie einzelne Songs in den Playlists funktionieren. Wie oft wird ein Song angeklickt? Wie oft wird er komplett gehört? Wie oft wird er wiederholt oder gespeichert? Manchmal muss man der Sache auch Zeit lassen. Songs durchlaufen oft eine Entwicklung.

bento: Wie meinst du das?

Maik: Es gibt Songs, die sehr schnell bei den Hörerinnen und Hörern ankommen. Aber es gibt auch Lieder, die man fünf oder sechs Mal hören muss, bis man sie versteht. Das kennt eigentlich jeder, der privat Musik hört. 

„Erst mag man einen Song gar nicht – und ein paar Tage später singt man ihn dann doch im Auto mit.“
Maik

bento: Was passiert, wenn ein Lied durch die Decke geht? Wie zum Beispiel bei Apache 207 mit seinem Song „Roller“ im vergangenen Jahr.

Maik: Wenn sich ein Song gut entwickelt, wandert er in der Liste weiter nach oben. Wenn Lieder gut funktionieren, testen wir sie in weiteren Playlisten und gucken, ob sie auch in anderen Umfeldern gute Werte zeigen. So können einzelne Songs innerhalb der Listen wandern, nicht nur lokal, sondern auch global. Das macht das Playlist-Netzwerk für Künstler sehr interessant. Es gibt aber auch Playlists, bei denen es eher um den Flow beim Hören geht und deshalb als Gesamtkonzept funktionieren – wie etwa die Sleep-Playlist.

bento: Was für Leute arbeiten bei euch als Kuratorinnen und Kuratoren für die Playlists?

Maik: Weltweit haben wir 150 Redakteurinnen und Redakteure, die insgesamt 4500 Playlisten betreuen, 450 Listen gibt es alleine für den deutschsprachigen Raum. In Deutschland arbeiten fünf Personen in der Redaktion. Sie haben alle unterschiedliche Qualifikationen. Wir haben Kollegen, die sind oder waren DJs, Musikjournalisten, Booker, ehemalige Artist-Manager oder Radioredakteure. Was sie verbindet, ist ein gutes musikalisches und kulturelles Verständnis. Auch analytische Fähigkeiten spielen eine große Rolle, weil wir uns in der Redaktion sehr viele Daten anschauen. Und alle hören natürlich sehr viel Musik – auf Konzerten, in Musikblogs oder einfach beim Durchstöbern von Spotify.

bento: Hast du noch einen Tipp, wie man privat die beste Party-Liste erstellt?

Maik: Man kann es privat genauso machen wie hier in der Redaktion. Also erstmal überlegen: Was ist die Hypothese? Was hören meine Partygäste wahrscheinlich? Dann muss man sich entscheiden, was für Songs das in welcher Reihenfolge sein sollten. Genauso, wie ein DJ oder eine DJane auf eine sehr unterschiedliche Menge an Leuten eingehen muss, wenn er oder sie im Club, auf einer Weihnachtsparty oder einem Geburtstag auflegt.


Gerechtigkeit

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