Bild: imago/PanoramiC
Auch Statistiken zeigen nicht immer die Wahrheit.

Wer in den letzten Tagen auf Instagram war, hat in den Stories vor allem eines gesehen: Spotify-Jahresrückblicke. Der Musikstreaming-Dienst hat zum Ende des Jahrzehnts für alle Userinnen und User ihr individuelles Nutzungsverhalten ausgewertet und daraus eine bunte Präsentation gebaut. Welche Künstler haben wir am meisten gehört? Wie viele Stunden Musik haben wir gestreamt? Selbst Menschen, die bei Instagram sonst eher zurückhaltend sind, teilen seitdem ihren Musikgeschmack öffentlich.

Warum?

Ein paar Gründe liegen auf der Hand: Erst mal machen es gerade alle. Es ist auch fast unmöglich, den Rückblick nicht zu teilen. Spotify hat die Daten Instagram-optimiert aufbereitet, man selbst muss nichts gestalten, sondern nur einmal auf "Teilen" tippen. 

Außerdem fühlt es sich fast ein wenig schmeichelhaft an, Diagramme über das eigene Freizeitverhalten zu sehen. So, als hätte sich ein Mitarbeiter darum bemüht, jedem einzelnen Nutzer einen möglichst schönen, persönlichen Rückblick zu gestalten. Da freut sich der Narzisst in uns.

Doch auch wenn die Jahresrückblicke vermeintlich so individuell sind – das, was meine Instagram-Freunde posten, ähnelt sich überraschend stark. Im Wesentlichen gibt es nur zwei unterschiedliche Typen von Musik-Rückblicken.

Da gibt es die Menschen, die die Gelegenheit nutzen, zu zeigen, wie gut ihr Musikgeschmack ist. Diese Menschen teilen Screenshots von Roosevelt oder Frank Ocean, dazu schreiben sie Sachen wie "Keine Überraschung”.

Ein "guter" Musikgeschmack war schon immer ein Mittel zur Abgrenzung. Für viele Menschen ist Musik nicht einfach nur Unterhaltung, sondern Ausdruck von Persönlichkeit, von Szenezugehörigkeit. Mit der Platte von Nirvana kaufte man sich immer auch ein bisschen die Coolness von Kurt Cobain.

Mit der Spotify-Auswertung lässt sich nun quasi wissenschaftlich belegen, was Musiknerds früher mühsam mit einer besonders gut sortierten Plattensammlung vermitteln mussten.

Wer das ganze Jahr über erzählt, wie sehr er eine Band verehrt und genau das jetzt in seinem Rückblick wiederfindet, hatte recht. Und was macht glücklicher, als recht zu haben?

Was besonders gern geteilt wird: Der Top-Künstler oder die Top-Künstlerin des Jahrzehnts – oder zumindest des Jahres. Denn das zeigt noch deutlicher, wie beständig der "anspruchsvolle" Musikgeschmack ist. Dass wir das Album von Arcade Fire nicht nur dreimal gehört haben, weil Pitchfork es empfohlen hat, sondern wir diesen Geschmack schon sehr lange haben. Auf jeden Fall länger als andere Menschen.

Und dann gibt es da eben noch eine zweite Art von Menschen, die ihren Spotify-Jahresrückblick teilen. Ihr Musikgeschmack eignet sich nicht zum Angeben. 

Ihre Top-Künstler sind Avicii, David Guetta oder RAF Camora. Mainstreammusik, einfach produziert, keine tiefgründigen Texte – aber genau das Richtige, um samstags die Küche zu putzen.

Trotzdem feiern sich auf Instagram fast genauso viele für ihren "trashigen" wie für ihren "guten" Musikgeschmack. Wahrscheinlich tun sie das aus dem gleichen Grund, aus dem andere Menschen gern erzählen, dass sie gern den "Bachelor" schauen: um einen Bruch in dem Bild zu erzeugen, das andere (vermeintlich) von ihnen haben. Wer zwölf Monate im Jahr ein tiefgründiges Image auf Social Media aufbaut, kann seine Follower zum Jahresende mit Justin Bieber überraschen und mit Selbstironie punkten.

Zwischen diesen beiden Extremen gibt es hingegen kaum etwas. Niemand postet, dass er 2019 eine Woche lang "Ich lass für dich das Licht an" von Revolverheld in Dauerschleife gehört hat. Weil Revolverheld zwar uncool sind, das Lied aber in diesem Moment genau zum Liebeskummer gepasst hat.

Wir hören Musik, wenn wir gute Laune haben und wenn wir schlechte Laune haben. Ein Jahr hat Höhen und Tiefen, dementsprechend erinnert nicht jedes Lied an schöne Momente. Auf Social Media schafft es aber wieder mal nur das, wofür wir die meisten Likes bekommen. Und eher nicht das, was die Realität am besten abbildet. 

Mein Lieblingskünstler des Jahrzehnts ist übrigens "One Direction" und gepostet habe ich das natürlich auch – weil ich Harry Styles schon mochte, bevor es cool war.


Gerechtigkeit

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