Bild: Ole Reißmann
Fast jeder Song, jederzeit, für lau: Spotify und Deezer haben Musik quasi kostenlos gemacht. Wir sollten nicht mitmachen.

„Mein Leben müsste einen Soundtrack haben“, hieß eine beliebte Gruppe bei StudiVZ, als das Netzwerk in den späten 2000ern noch ein Abbild der damaligen Schüler- und Studentengeneration war. Eine traumhafte Vorstellung: In den magischen Sekunden vor dem ersten Kuss klingen die ersten Akkorde von „First Day of my Life“ an, in die emotionale Leere nach eurem allerletzten Telefonat schmettert die Zauberhand am unsichtbaren DJ-Pult "Love Will Tear Us Apart".

Weißt du, was ich manchmal denke? Es müsste immer Musik da sein. Bei allem, was du machst. Wenn’s so richtig scheiße ist, dann ist wenigstens noch die Musik da.
Floyd in "Absolute Giganten"

Den eigenen Lebens-Soundtrack gibt es auch heute noch nicht, dank Streaming sind wir ihm aber so nahe wie nie. Wann immer wir wollen, wird unser Smartphone zum Verstärker unserer schönsten, zur Echokammer unserer schlimmsten Gefühle. Niemand muss mehr überlegen, welche Songs er heute auf den MP3-Player laden soll. Millionen Songs liegen bei Spotify, Apple Music und Co. jederzeit griffbereit - meistens kostenlos.

Noch zumindest: Wer bei Apples neuem Service vom Start weg dabei war, für den endete an diesem Donnerstag die dreimonatige kostenlose Testphase. Jeder Nutzer muss nun überlegen, ob ihm der Offline-Modus, die von Experten kuratierten Playlists und ein paar exklusive Videos und Alben jeden Monat 9,99 Euro wert sind? Oder ob sie lieber wieder zum Kostenlos-Dienst von Spotify oder Deezer wechseln?

Möglich ist das. Legal auch. Aber ist es okay?

Taylor Swift ist das bekannteste Gesicht der Anti-Spotify unter Musikern: Dabei verkauft sie noch genügend CDs, um auf Spotifys Winzbeträge pro Stream nicht angewiesen zu sein. Aber was ist mit weniger bekannten Künstlern wie der Elektropopsängerin La Roux? Die Grammy-Gewinnerin regte sich kürzlich auf Twitter über die 100 Pfund auf, die ihr Spotify für die vergangenen drei Monate überwiesen haben soll. 100 Pfund. Für drei Monate.

In der CD-Welt konnte jemand wie La Roux noch gut von den Verkäufen leben. In der aktuellen Streaming-Welt ist sie in der Zwickmühle: Einerseits muss sie ihre Songs auf Spotify stellen, um von vielen überhaupt noch gefunden zu werden. Andererseits kann sie von den Tantiemen aus Stockholm niemals leben.

Taylor Swift hat sich mit Spotify zerstritten: Die Pop-Queen ist nur noch bei Bezahlservices wie Google Play zu hören.

Ist das alleine Spotifys Schuld? Die Schweden reichen 70 Prozent ihrer Einnahmen an die Rechteinhaber - also Musiklabels und letztlich Künstler - weiter. Nur sind die eben zu gering: Werbung zwischen den Tracks nerven die Nutzer und spielt auch einfach nicht genug Geld ein. Trotz seines rasanten Nutzerwachstums schreibt Spotify seit Jahren Verluste, 165 Millionen Euro alleine 2014. Viel mehr ist da aktuell nicht zu holen.

Auch wenn die Aufteilung zwischen Streaming-Diensten, Labels und Künstlern oft nicht kompliziert und unfair geregelt ist und Spotify jeden Nutzer für den schlechten Geschmack der Masse mitzahlen lässt - um eine Wahrheit kommt man nicht herum: Wo weniger Geld reinfließt, kann auch weniger an Musiker verteilt werden. Reine Bezahldienste wie Google Play oder Tidal zahlen Künstlern teils deutlich mehr Geld pro Stream. Die beiden Marktführer Spotify und Deezer liegen im Vergleich ganz hinten. Die Kostenlos-Nutzer sind das Problem.

"Money for Nothing"? Früher vielleicht. Heute eher "No Money for Something"

Es ist aus Nutzer-Sicht ja verständlich, dass sie ein günstiges Angebot ungern gegen ein teureres eintauscht. Aber deswegen kaufen Leute auch bei Primark ein. Klar, keinem Musiker geht es annähernd so schlecht wie Näherinnen in Bangladesh. Aber in beiden Fällen zieht sich der Konsument elegant aus der Verantwortung: Wenn es legal ist, ist es doch in Ordnung. Oder? Ist es nicht.

Ein Streaming-Abo sollte ein Lifestyle-Statement sein: Man kann stolz sein, wenn man fair produzierte Kleidung trägt statt wegen ein paar Euro Ersparnis Ausbeutung zu unterstützen. Man kann stolz sein, wenn man echte Bio-Lebensmittel kauft statt Schweinefleisch aus viel zu engen Ställen. Man kann auch stolz sein, wenn man mit seiner Abo-Gebühr die gute Musik der Zukunft bezahlt.

Jetzt haben wir ihn, den Soundtrack unseres Lebens. Er sollte uns etwas wert sein.

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