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Spätestens bei der WG-Party wird es klar. Die englischen Pop-Hymnen von Oasis schmettern alle mit, auch bei Eminem versuchen ein paar mitzurappen. Wenn aber Mark Forster läuft oder Haftbefehl – dann sind auf einmal alle stumm. Denn die Texte, naja, die sind manchmal schon etwas peinlich.

Doch warum empfinden wir das so? 

Warum klingen deutsche Songtexte in unseren Ohren oft so viel flacher als englische? Und geht es Engländern mit englischen Songs genauso? 

Wir haben nachgefragt bei Ralf von Appen, Musikwissenschaftler an der Universität in Gießen; Holger Schramm, einem der wenigen Popmusikwirkungsforscher in Deutschland; Udo Dahmen, Künstlerischer Direktor und Geschäftsführer der Popakademie Baden-Württemberg.

Warum nehmen wir deutsche Musik so anders wahr als englische?

Für Popmusikwirkungsforscher Holger Schramm gibt es darauf zwei Antworten. Zum einen, so sagt er, sei es natürlich eine Frage des Klangs. Im Englischen reimen sich dank vieler Vokale am Ende der Wörter mehr, während das Deutsche oft holprig klingt. So sei es einfacher, mit dem Wort "Way" umzugehen, als mit dem Wort "Weg": "Das ist abgehackt und unschöner in unseren Ohren", erklärt Schramm. Das sei übrigens auch ein Grund, warum viele Opern früher nicht auf Deutsch, sondern auf Italienisch geschrieben wurden: Es klang einfach besser so.

Zum anderen müsse es bei einem Song immer einen "Flow" geben: "Musik lässt uns im besten Fall dahinschweben", sagt Schramm. "Das passiert im einfachen Pop leichter als beispielsweise im Jazz". Und das betrifft auch die Songtexte: Wird ein Song auf Deutsch gesungen, konzentrieren wir uns auf den Text und versuchen, ihn zu interpretieren und mit Sinn zu füllen. Das beschäftigt unser Gehirn so sehr, dass wir uns nicht so gut fallen lassen können. Die Folge: Der Flow ist dahin.

Musikwissenschaftler Ralf von Appen sieht das ähnlich: "Tatsächlich würde ich sagen, dass ich mich durch deutsche Texte viel häufiger gestört fühle als durch fremdsprachige." Einen englischen Songtext nehme man eher wie ein weiteres Instrument im Lied wahr. Deswegen falle es weniger auf, wenn der Inhalt sinnfrei, bedenklich, klischeehaft oder kitschig ist.

Außerdem eigneten sich englische Lieder besser als Projektionsfläche: "Selbst wenn wir gut Englisch sprechen, verstehen wir die Texte vielleicht zu 50 bis 90 Prozent. Da bieten sich viel mehr Gelegenheiten, die verbleibenden Prozent mit eigener Interpretation zu füllen", sagt von Appen. Auch das mache Musik aus und funktioniere bei deutschen Texten weniger gut.

Literaturnobelpreis für Bob Dylan, Pulitzerpreis für Kendrick Lamar: Schreiben englischsprachige Musiker vielleicht einfach die besseren Songtexte?

Von Appen bezweifelt das. Googelt man den Text eines englischen Songs, mit dem man viel verbindet, sei man nicht selten enttäuscht, was da tatsächlich gesungen wird. "Die eigene Version gefällt einem viel mehr oder sie passt vielleicht besser zum eigenen Leben", sagt von Appen. 

Deutsche Musik hingegen verstehen wir von Anfang an. Deswegen bemerken wir es auch schneller, wenn uns an den Texten etwas stört. "Englische Texte sind also nicht per se besser – wir merken es nur nicht so schnell, wenn sie schlecht sind, und sie erlauben uns, sie zurechtzuhören."

Müssten sich englische Muttersprachler dann nicht auch bei englischen Songtexten schämen?

Eigentlich müsste es Engländern mit Liedern in ihrer Muttersprache genauso gehen wie Deutschen mit deutschen Liedern. Das sei aber, so Udo Dahmen, nicht unbedingt der Fall. Natürlich könne es sein, dass jemandem ein Text nicht gefällt – oder er ihn sogar peinlich findet. Insgesamt sind die Berührungsängste mit der Musik in der Muttersprache aber nicht so groß.

In Deutschland hingegen sind deutsche Texte für viele mit einem bestimmten Genre verknüpft: "Gerade Menschen jenseits der 40 verbinden solche Texte mit dem deutschen Schlager", so Dahmen. Oftmals werden in deutschen Pop- oder Rocksongs ja sogar die gleichen Textbausteine verwendet wie in Schlagersongs – "so etwas wie 'ich brenne für Dich', 'Lass es heute Nacht geschehen', 'spiel mit dem Feuer'."

Es gab Zeiten, da war deutsche Musik die angesagteste. Warum hat ihr Image gelitten?

"Deutsche Mainstream-Texte haben seit einigen Jahren die Tendenz, nach Tagebucheinträgen zu klingen", sagt von Appen. Es fehle die Ironie und der Wortwitz. "Das war bei Lindenberg in den Siebzigern, der NDW in den Achtzigern oder auch der Hamburger Schule in den Neunzigern noch ganz anders", sagt er.

Schramm sieht die Ursprünge hingegen eher in unserem kulturellen Umfeld. Das ist seit den Sechzigerjahren sehr stark durch US-amerikanische und britische Musik geprägt – ob im Radio, im Plattenladen oder auf MTV. Diesen Einfluss merke man noch heute. "Wir sind als Kinder damit aufgewachsen und sozialisiert worden", sagt Schramm – und das sei entscheidend. Denn unser Musikgeschmack entwickelt sich in unserer Jugend und ändert sich danach nur noch geringfügig. 

Wachsen wir also mit englischer Musik auf, werden wir später auch vermehrt englische Musik hören, erklärt Schramm. "Egal, wie flach die englischen Texte auch sein mögen."

Allerdings verändere sich dieser Zusammenhang derzeit auch wieder. Jugendliche hörten wieder mehr deutsche Musik. Deutschrap regiert jede Woche die Spotify-Charts. Und Helene Fischer verdient mehr als Britney Spears.

So schlimm scheint das mit den deutschen Texten also doch nicht zu sein.


Gerechtigkeit

Die Welt rüstet auf: Verkauf von Waffen zum dritten Mal in Folge gestiegen
Drei Fragen, drei Antworten

Zum dritten Mal in Folge sind 2017 weltweit mehr Waffen verkauft worden. Laut dem Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri verkauften die 100 größten Rüstungsunternehmen der Welt im vergangenen Jahr Waffen- und Militärdienste im Wert von 398,2 Milliarden Dollar (350 Milliarden Euro) – 2,5 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Weshalb nimmt der Verkauf von Waffen zu?

Für die Expertinnen und Experten von Sipri kommt die Entwicklung nicht unerwartet. "Viele Länder modernisieren ihre Waffensysteme. Das ist seit langem geplant und geht über einen langen Zeitraum", sagte Aude Fleurant. Die Spannungen in bestimmten Ländern und Regionen hätten zudem die Nachfrage nach moderneren Systemen steigen lassen. 

Die Forderungen der USA, dass die europäischen Länder mehr Geld in die Verteidigung investieren sollten, sei an den Daten aber noch nicht ablesbar.

Welche Länder sind die größten Waffenproduzenten?

Mit großem Abstand an der Spitze stehen die USA: Sie haben ihre Verkäufe um zwei Prozent gesteigert und stehen jetzt mit 57 Prozent aller weltweiten Waffenverkäufe ganz oben. Russische Konzerne steigerten die Produktion um 8,5 Prozent und sind mit 9,5 Prozent der zweitgrößte Waffenproduzent. Danach folgen Großbritannien und Frankreich. 

Deutschland steht an achter Stelle, die vier deutschen Rüstungskonzerne steigerten aber ihre Produktion 2017 um zehn Prozent. Damit liegt ihr Anteil weltweit bei 2,1 Prozent.

Welche Entwicklungen gibt es außerdem?

  • Aude Fleurant von Sipri betrachtet die steigenden Ausgaben Russlands mit Sorge: "Es gibt zunehmend Spannungen zwischen den USA und Russland, und das kann zu erhöhten Ausgaben für den Waffenerwerb führen", sagte Fleurant. Laut dem Bericht sind die Waffenverkäufe Russlands seit 2011 gestiegen.
  • Die Waffenverkäufe türkischer Unternehmen stiegen 2017 um 24 Prozent – laut Sipri-Forscher Peter Wezeman spiegele das die Ambitionen der Türkei wider, ihre Rüstungsindustrie auszubauen, auch um von ausländischen Zulieferern unabhängig zu werden.
  • Deutschland hatte nach der Tötung des regierungskritischen saudischen Journalisten Jamal Khashoggi mit einem vollständigen Stopp der Rüstungsexporte nach Saudi-Arabien reagiert. Doch der Rüstungskonzern Rheinmetall beliefert das Land offenbar weiterhin mit Munition – über Tochterfirmen in Italien und Südafrika. Ein Rheinmetall-Vorstand habe Mitte November in einer Telefonkonferenz mit Bankanalysten versichert, die Lieferungen seien vom Exportstopp nicht betroffen, berichteten der "Stern" und "Report München" zuletzt.

Mit Material von dpa