Die Band Skinny Girl Diet sagt: "Menschen haben Angst vor uns."

Sie produzieren ihre Musik im Alleingang und haben keinen Bock auf Machokultur: die Londoner Punkband Skinny Girl Diet. Schlagzeugerin Ursula Holliday (18) und Gitarristin Delilah (20) sind Schwestern – und stehen auf Bühnen, seitdem sie zwölf Jahre alt sind. Zusammen mit ihrer Cousine, Bassistin Amelia Cutler (21), gründeten sie 2010 Skinny Girl Diet.

Wir haben uns im Rahmen des Pop-Kultur Festivals in Berlin mit ihnen getroffen und über Menstruation, Macho-Fotografen und die dunkle Seite des Musik-Businesses gesprochen.

Ihr habt euch nach einem Tumblr benannt, der Magersucht feiert. Euer neues Album heißt "Heavyflow" und zeigt euch drei auf dem Cover beim Menstruieren, mit roten Flecken auf weißen Kleidern. Warum?

Ursula: Es sind Themen, die das Leben junger Frauen berühren. Unsere Leben. Die Pro-Magersucht-Blogs sind nicht das Einzige, auch Werbung hält Menschen immer weiter dazu an abzunehmen – obwohl sie bereits schlank sind. Es ist schrecklich. Wir versuchen, mit unserer Musik eine Botschaft der Selbstakzeptanz und der Liebe zu verbreiten.

Delilah: Und die Periode ist nach wie vor mit einem unglaublichen Stigma behaftet. Wir fanden es interessant zu erkunden, wie Menschen reagieren, wenn wir es in unserer Musik thematisieren.

Wie reagieren sie denn?

Delilah: Menschen haben Angst vor uns. Dabei sind wir keine angsteinflößenden Menschen. Aber ich schätze, dass wir sie einschüchtern.

Die Punk-Girls haben einen Instagram-Account, den ihr euch ruhig mal ansehen könnt – die Fotostrecke:
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Würdet ihr euch selbst Feministinnen und Aktivistinnen nennen?

Amelia: Wir nennen uns definitiv Feministinnen.

Delilah: Aus meiner Sicht verdienen wir aber nicht den Titel Aktivistinnen. Das sind für mich Menschen, die sich ganz einem Ziel verschreiben, die dafür tagtäglich auf die Straße gehen, etwas riskieren – so wie Pussy Riot. Wir konzentrieren uns ganz auf unsere Musik. Wir sind eher politisch motivierte Musikerinnen.

Feminismus sollte denen eine Stimme verleihen, die ansonsten kaum gehört werden
Ursula

Außer Körperkult: Welche Themen sollte der moderne Feminismus noch ansprechen?

Amelia: Rassismus, Transrechte, Homophobie. Feminismus ist und war schon immer sehr auf die weiße Frau konzentriert. Das sollte sich ändern.

Ursula: Außerdem hat Feminismus immer sehr stark Erste-Welt-Probleme aufgegriffen. Sie haben absolutes Recht, diskutiert zu werden. Aber es gibt eine Menge anderer wichtiger Themen: weibliche Genitalverstümmelung zum Beispiel. Ich denke, Feminismus sollte denen eine Stimme verleihen, die ansonsten kaum gehört werden.

Neues Albumcover, Titel: "Heavyflow"

Was denkt ihr über populäre Frauenfiguren im Pop – zum Beispiel Taylor Swift, Beyoncé, Miley Cyrus?

Ursula: Ich bin da hin- und hergerissen. Ich sehe auf zu jemandem wie Beyoncé.

Delilah: Oh ja, ich auch. Sie ist eine schwarze Frau, die von so vielen verschiedenen Menschen akzeptiert wird. Und sie nutzt ihre Popularität, um über Themen zu sprechen, vor denen andere sich fürchten. Bloß wird sie dafür oft kritisiert und zerfleischt.

Ursula: Das ist das Schwierige am Feminismus in der Pop-Industrie: Ich habe das Gefühl, dass Frauen nie gewinnen können.

Amelia: Es gibt eine Tendenz, Frauen dafür zu kritisieren, wenn sie aktiv sind – anstatt selbst aktiv zu werden. Das schreckt viele davon ab, sich Feministinnen zu nennen.

Skinny Girl Diet live: "Im Punk begegnet man Frauen oft mit großer Arroganz"(Bild: Janto Djassi)

Ihr selbst macht Punk. Läuft es da besser für Frauen?

Amelia: Ich denke nicht. Das sieht man ja schon an der geringen Anzahl von Frauen, die im Punk unterwegs sind. Im Pop hast du das Problem, dass Frauen übersexualisiert werden. Im Punk begegnet man Frauen oft mit großer Arroganz und glaubt, dass sie nicht wissen, wie sie ihre Instrumente zu spielen haben, dass sie nur kleine Mädchen sind. Man belächelt sie.

Im Pop werden Frauen übersexualisiert
Amelia

Gab es Momente in eurer Karriere, an denen ihr von anderen in Situationen gebracht wurde, die euch nicht gefielen?

Delilah: (lacht) Wie viel Zeit hast du? Das kam sehr, sehr oft vor. Bei einem Fotoshooting steckten sie uns in Latex, wir waren so gut wie nackt und sollten uns auf Motorräder setzen. Der Fotograf hat permanent versucht, uns zwischen die Beine zu schießen.

Ursula: Bei einem anderen Fotoshooting war es ganz ähnlich, da haben sie uns in Unterwäsche gesteckt und seltsam geschminkt, bis wir aussahen wie Vergewaltigungsopfer – was sehr deutlich ihr Ziel war.

Delilah: Ich habe geweint.

Ursula: Als wir uns am Ende weigerten, die Fotos veröffentlichen zu lassen, drohten sie uns und beschuldigten Delilah, sie habe am Set gekifft.

(Bild: Janto Djassi)

Hattet ihr auch Probleme in musikalischer Hinsicht?

Delilah: Manche Menschen haben versucht, uns Songwriter aufzudrücken. Andere wollten unsere Musik verändern. Und viele wollten uns beschissene Verträge andrehen – einer wollte unser gesamtes Material aus 20 Jahren für 300 Pfund kaufen. Nicht für jeden von uns, 300 für alle zusammen!

Ursula: Ich bin froh, dass wir heute darüber lachen können. Aber damals war uns nicht zum Lachen zumute. Was diese Menschen mit uns machen wollten, war definitiv nicht in Ordnung.

Wie habt ihr das geändert?

Amelia: Damals dachten wir: Wir müssen höflich sein. Jetzt sagen wir ganz klar: Das ist Bullshit.

Ursula: Und das hat viel mit unserem Alter zu tun. Bei dem Horrorshooting war ich 16, inzwischen bin ich 18. Ich war sehr naiv – und es ist mein gutes Recht, in diesem Alter naiv zu sein.

Delilah: Ja, wir mussten wachsen.

Wir mussten wachsen
Delilah

Was würdet ihr jungen Künstlern empfehlen, um Abzocke zu vermeiden?

Amelia: Denkt immer daran, dass die Menschen in der Musikindustrie keinen Plan davon haben, wovon sie reden. Und dass sie nicht eure Freunde sind, selbst wenn sie sich sehr freundlich verhalten.

Ursula: Lies immer das Kleingedruckte, hab einen guten Anwalt. Und hab Spaß! Denn das ist der ganze Sinn dahinter.

Delilah: Niemand wird dir deinen Weg bereiten, das musst du selbst tun.

Am 21. September erscheint "Heavyflow“, das neue Album von Skinny Girl Diet.

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