Bild: Getty Images / Jason Kempin
Ein Interview mit Bildern.

Selena Gomez ist jetzt erwachsen. Dazu gehören eine neue Platte, ein neuer Style, ein neues Selbstverständnis. Und mehr denn je: strenge Medienkontrolle. An einem Dienstag im Herbst sitzt die 23-Jährige im Präsidentenflügel eines Londoner Luxushotels. Draußen gießt es, Gomez trägt Kleidchen, geglättete Haare und ein professionelles Lächeln. Auf einer Sofareihe im Hintergrund sitzen vier Wachhunde, Manager von der Agentur, vom Label, vom Leben. Wer also ist die Frau, die mehr Follower hat als Argentinien Einwohner? Eine Annäherung über ihr Leitmedium: Fotos.

Das Album "Revival"
(Bild: Universal)

Das hier ist die Wahrheit. Ich hätte natürlich auch Fotos mit coolem Make-up, Top-Designer-Klamotten und coolem Haarstyling machen können. Aber damit wäre ich mir und dem Album nicht treu geblieben. In meinem vergangenen Lebensjahr habe ich eine Wandlung durchgemacht, und das Bild steht für das Revival, das ich erfahren habe. Ich bin bei meinen Eltern ausgezogen, ich habe ein neues Label, ein neues Management. Ich wurde zum ersten Mal gefragt, was ich eigentlich auf dem Album machen will. Ich bin jetzt der Boss. Dadurch war ich natürlich auch ein bisschen nervös. Werden die Leute es mögen? Ich habe mir selbst viel Druck gemacht, aber es war auch irgendwie therapeutisch.

Ihre Songs heißen "Same Old Love" und "Good for You", solider Elektro-Pop. Muss es auch irgendwie sein, wenn Leute an der Entstehung beteiligt waren, die sonst mit Rihanna und Drake zusammenarbeiten. Die Songtexte wirken wie eine gutplatzierte Imagekampagne. "I'm so sick of this same old love." Oder: "I just wanna look good for you, good for you. Let me show you how proud I am to be yours. Leave this dress a mess on the floor." Im Video räkelt sie sich auf dem Sofa, auf dem Boden, unter der Dusche. So haben auch schon andere das Disney-Mäuschen hinter sich gelassen.


Body shaming

Im Frühjahr veröffentlichten Paparazzi Bikini-Bilder von Gomez, woraufhin die Sängerin als zu dick beschimpft wurde.

Ich muss ehrlich sagen, dass es mich wirklich traurig gemacht hat, dass Leute sich über meinen Körper ausgelassen haben. Das habe ich noch nie erlebt. Aber das war ein schöner Urlaub in Mexiko, und als eine Freundin dieses Foto gemacht hat, war ich sehr glücklich. Deswegen habe ich es gepostet und daruntergeschrieben: Mir geht's gut.

Es gibt hässliche Seiten in diesem Geschäft. Ich werde nicht zulassen, dass diese Leute mich kaputt machen. Ich bin stark, ich liebe, was ich tue, und ich werde dafür kämpfen.


Familie

Oh, meine Mama, sie ist so wunderschön. Das ist mein Lieblingsbild von uns beiden. Das Foto wurde in einem Park in meiner Heimatstadt Grand Prairie in Texas aufgenommen. Zweimal im Jahr besuche ich meine Familie dort. Wenn sie mich in Los Angeles besuchen kommen, habe ich jedes Mal das Gefühl, dass sie ein kleines Stück Texas mitbringen.

Meine Mutter hatte vier Jobs, als ich klein war. Nebenher ging sie noch zur Schule. Das macht mich noch dankbarer für das, was ich habe. Ich musste für alles arbeiten, ich musste alles verdienen.

Amanda Teefey und Ricardo Gomez bekamen ihre Tochter Selena während der Schulzeit. Nach der Trennung ihrer Eltern lebte Gomez bei ihrer Mutter. Lange Zeit wurde sie auch von ihrer Mutter und deren neuem Partner gemanagt - bis Gomez sich 2014 von den beiden trennte.

Meine Mutter ist großartig und hat ein gutes Auge für Projekte. Aber es ist ein bisschen so, wie wenn jemand von zu Hause auszieht, um zu studieren. Ich bin 23 - das ist die Veränderung, von der ich sprach.


Schönheitswettbewerbe

Ich war vielleicht fünf Jahre alt, und das war der einzige Schönheitswettbewerb, bei dem ich jemals mitgemacht habe. Ich habe damals nicht gewonnen. Aber als die anderen aufgerufen wurden und ihren Preis in Empfang nahmen, bin ich trotzdem hinter ihnen aufs Podium gegangen. Ein bisschen so, als hätte ich sofort gewusst, dass ich auf die Bühne gehöre. Ich habe mich als Kind gerne dargestellt und verkleidet.


Disney-Star
(Bild: Getty Images)

Disney wurde ihr Ding. Mit elf tingelte sie in kleineren Rollen durch das Kinderprogramm, unter anderem war sie mit Dylan Sprouse in "Hotel Zack und Cody" zu sehen.

Er war mein erster Kuss, ever! Es war so witzig. Sie haben mich und Dylan vor der Szene in "Hotel Zack & Cody" beiseite genommen. Der Regisseur sagte zu uns: Ich will nicht, dass es euch peinlich ist, deswegen küsst euch jetzt schnell, damit ihr es hinter euch habt. Und ich dachte nur: Oh Gott. Wir waren zwei Kinder, total schüchtern, die rot wurden, als sie sich dann so kurz wie möglich küssten.

Was hält sie von Disney-Stars, die drastische Wege gewählt haben, sich zu emanzipieren?

Ich respektiere jedermanns Weg. Ich verstehe das schon. Du bist jung, du versuchst herauszufinden, was für dich passt. Für mich war es natürlich auch nicht so einfach. Ich spreche für Filme vor, und niemand will ein Disney-Kid. Ich mache eine Platte und will Drake für einen Song, aber ich bin ein Disney-Kid. Da kann man dann auch nichts machen.


Spring Breakers
(Bild: dpa)

Das Bild wurde um 3 Uhr morgens aufgenommen, an irgendeiner Tankstelle. Der Film ist das Beste, was ich je gemacht habe. Wir haben in einem unfassbar kreativen Umfeld gearbeitet. Es hat mir geholfen, eine bessere Schauspielerin zu werden. Der Regisseur Harmony Korine ist wirklich begabt, und James Franco - das ist eine der besten Rollen, die er je gespielt hat. Er hat sich der Figur so hingegeben. Wenn diese Leute um dich herum sind, dann erreichst du selbst ein neues Level. Sie pushen dich, du willst so gut sein wie sie. Deswegen hat mich dieser Film so inspiriert.

Von dem Film, für den viele ihrer Fans damals zu jung waren, hat Gomez in vielerlei Hinsicht profitiert. Ein erster Schritt Richtung Emanzipation, bald wird sie unter der Regie von James Franco in einer Steinbeck-Verfilmung zu sehen sein.


Vorbilder
(Bild: Getty Images)

Sie schreit nach ihrem Manager und wedelt mit dem Foto, das sie mit Schauspielerin Jennifer Aniston bei einer Film-Party zeigt.

Ich liebe sie so sehr! Ich bin mit ihren Sendungen aufgewachsen. Wir haben mittlerweile denselben Manager. Es ist großartig, wenn man sein Idol treffen kann. Und sie ist einfach die netteste, liebenswerteste, beste Person, die man sich vorstellen kann.

Gomez hat selbst überwiegend junge, weibliche Fans. Wie denkt sie über ihre Rolle als Vorbild?

Ich bin mit meinen Fans quasi erwachsen geworden, ich verstehe sie. Aber ich war nie perfekt, und das möchte ich auch nicht sein. Ich möchte nicht unberührbar sein. Meine Fans sollen sich wie ein Teil meiner Welt fühlen. Sie sollen sich mit mir identifizieren können. Ich lebe mein Leben, ich mache Fehler. Ich muss ja damit klarkommen, ich kann nicht einfach so tun, als würde ich keine Fehler machen und niemand würde sie sehen.


Engagement
(Bild: Getty Images)

Das war das erste Mal, dass ich mit Unicef zusammengearbeitet habe. Es war sozusagen unser erstes Date, ich bin heute Sonderbotschafterin. Es ist so wichtig, dass die Leute daran erinnert werden, was anderswo abgeht. Ich habe wirklich Glück gehabt, und ich will so viel wie möglich zurückgeben.

Hat sie eine Meinung zur Flüchtlingskrise?

Nein, sorry.

Im Hintergrund regt sich einer der vier Beisitzer. "Belassen wir es doch bitte bei der Musik." Okay. Darf man was zu ihrer "Ur vote counts"-Kampagne fragen?

Ja, ich war 17 und durfte noch nicht wählen, aber ich fand es wichtig, andere dazu ermutigen. Ich meine, ich lerne ja auch immer noch. Ich weiß nicht viel über diesen Kram.

Verfolgt sie den US-Wahlkampf? Das will sie ebenfalls nicht beantworten, sie wird ungeduldig, die Managerrunde auch. War's das, alles klar, danke, sagt sie und steht auf. In weniger als 10 Sekunden haben sie und ihre Entourage die Suite verlassen. Bloß keinen Kontrollverlust.

Selena Gomez' Antworten zu Glaube und zu Freundschaft hier bei SPIEGEL ONLINE.