Bild: dpa / Bruno Bebert
Die Sängerin führt einen Prozess gegen ihren Produzenten – und nicht nur das Internet steht ihr bei.

Im Sommer des vergangenen Jahres, vor etwa 36 Wochen, hat Kesha Rose Sebert ein Foto auf Instagram veröffentlicht, zu sehen sind in rotes Holz geritzte Großbuchstaben: "The truth will set you free" steht dort, die Wahrheit wird dich befreien.

Das Foto zählt mehr als 22.000 Likes – und das bedeutet, dass es dort draußen Leute gibt, die Kesha verstehen. Die ihr beistehen.

Wenige Monate zuvor hat die 28 Jahre alte Frau, die sich offenbar Befreiung herbeiwünscht, und deren Song "Tik Tok" seit Jahren aus den Disco-Boxen knallt, ihren Produzenten verklagt. Ihr Vorwurf: Lukasz Gottwald, der unter dem Künstlernamen Dr. Luke arbeitet, soll sie mehr als zehn Jahre lang missbraucht haben, physisch und psychisch.

Produzent Luke, Kesha: Aussage gegen Aussage(Bild: dpa / Mitchell Schlesinger)

Er habe Kesha wiederholt belästigt, vergewaltigt, unter Druck gesetzt und ihre künstlerische Freiheit eingeschränkt, berichtet unter anderem NBC. Als sie an Bulimie erkrankte, soll er ihren Körper mit einem Kühlschrank verglichen haben, schreibt das Klatschportal TMZ. Kesha sei fast gestorben, sie sei in eine Klinik geflohen.

Ende 2014 hat sie die Klage gegen Gottwald eingereicht – ohne Beweise. Keine DNA-Spuren, keine Fotos oder Videos, keine Zeugen. Gottwald reagierte auf die Anschuldigungen mit einer Gegenklage wegen Verleumdung.

So rasant wurde Kesha berühmt – ihre Geschichte in Bildern:
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Die Nutzer des Internets standen und stehen Kesha dennoch – oder gerade deswegen – voller Emotionen, geradezu leidenschaftlich, zur Seite. Tausende sprechen ihr in Kommentaren unter Berichten Mut zu, unter #FreeKesha äußern sie sich voller Liebe für Kesha und voller Hass gegen Dr. Luke und die Musikfirma Sony, die Kesha vermarktet.

Mittlerweile gehen neben den #FreeKesha-Posts auch Bilder durch die sozialen Netzwerke, auf denen Kesha tränenüberströmt auf der Bank des Gerichtssaals zu sehen ist: Das New York Supreme Court lehnt eine vorläufige Verfügung ab, die es dem Popstar schon vor Ende des Hauptverfahrens erlaubt hätte, unabhängig Musik aufzunehmen, ohne Dr. Luke und Sony.

Kesha gegen Luke – doch ohne ihn darf sie keinen weiteren Song veröffentlichen.(Bild: dpa / Emilio Naranjo)

Dass die Unterschrift von Kesha unter einem Vertrag mit Dr. Luke und Sony steht, das verfolgt die Sängerin nun wie ein Fluch: Sie ist offiziell noch für mehrere Jahre an den Mann gebunden, dem sie die Vorwürfe macht. Der Vertrag hält fest, dass Kesha ohne Dr. Luke nichts veröffentlichen darf, auch nicht, wenn sie dafür kein Geld bekommen würde.

Eine Niederlage für Kesha, das könnte es mit dem großen Wunsch nach Freiheit gewesen sein.

Doch seit einigen Tagen schalten sich wichtige Kolleginnen aus der Branche ein. Sie wenden sich an Kesha, mobilisieren ihre Kräfte: Taylor Swift etwa, die eiskalt und erfolgreich gegen Apple und Kanye West rebelliert, zeigt auch in diesem Fall Härte, schickt via Überweisung Unterstützung – sie ließ über ihr Management verkünden, dass sie Kesha 250.000 Euro spenden wird. Geld, um die Verfahrenskosten zu decken.

Kesha, Swift: Kolleginnen und viel, viel Geld(Bild: dpa / Robert Schlesinger / Paul Buck)

Und Lady Gaga, Lena Dunham, Lorde – auch sie können nicht fassen, was da gerade passiert. Eine Kollegin, ein vermeintlicher Peiniger, eine vertraglich geregelte Zusammenarbeit, das ist doch nicht mehr nur das Business, das ist doch schon Zwang?

Kesha selbst schreibt auf Facebook in einem Brief: "Worte können meine Emotionen, die ich habe, wenn ich all eure tollen Sachen lese und erlebe, wie toll ihr zu mir seid, gar nicht beschreiben."

Ist Kesha ein Opfer – oder ist sie es nur vielleicht?(Bild: dpa / Wolfgang Kumm)
Aber, ganz neutral betrachtet: Es gibt auch Zweifel. Und eine Frage: Was ist denn die Wahrheit, von der Kesha mit ihrem Bild auf Instagram spricht?

Was ist die Wahrheit? Eine Frage, die sich in der Vergangenheit auch bei anderen öffentlich gemachten Missbrauchsfällen bis heute nicht endgültig klären lässt: Wer hatte beispielsweise Schuld, als die Studentin Emma Sulkowicz ihre angebliche Vergewaltigung zur öffentlichen Aktion machte, in dem sie mit einer Matratze über den Campus lief und Tausende die Bilder dazu in sozialen Netzwerken teilten?

Was war wahr, als die amerikanische Komikerin Beth Stelling auf Instagram ihre durch einen vermeintlichen Missbrauch entstandenen blauen Flecken präsentierte? Was war wahr, als die Pornodarstellerin Stoya auf Twitter verkündete, dass ihr Partner James Deen sie sexuell belästigt habe (Slate)?

In allen Fällen gilt: Aussage steht gegen Aussage.

Und: Alle der genannten Frauen nutzten die Macht des Internets, um auf ihre Geschichte aufmerksam zu machen.

Sie alle führten mit ihren Aktionen vor, wie die Gesellschaft mit sexueller Gewalt umgeht: Oft braucht es erst eine Masse an Stimmen, um Ungerechtigkeit auch als solche wahrzunehmen.

Betroffene Frauen stehen offenbar erst dann nicht mehr allein da, wenn sie ihr Schweigen öffentlich brechen. Wenn sie nicht nur mit Familienmitgliedern, Freunden oder Polizeibeamten reden, unter denen vielleicht jemand ist, der die Geschichte nicht glaubt, sie nicht ernst nimmt.

Kesha: Schweigen brechen im großen Stil(Bild: dpa / Victor Leraena)

Tweets und Facebook-Briefe werden hingegen von Außenstehenden gesehen, geliked, geteilt. Öffentlich gemachte Traumata werden plötzlich greifbar, die Nutzer fühlen mit Kesha, Emma Sulkowicz möchte man Mut zusprechen. Solidarisierung ist so einfach, wenn sie ein Tippen auf das Smartphone-Display bedeutet.

Als Kesha im Sommer 2015 auf Instagram von Freiheit gesprochen hat, hat sie die gewaltige Resonanz wohl schon einkalkuliert. Vielleicht hat sie schon da gehofft, dass man sie nach jahrelangem Geheimhalten endlich hört, versteht, befreit.

Vielleicht wusste sie schon damals, dass sie in einem Umfeld lebt, in dem sie es ohne das Internet, ganz allein, offenbar nicht schaffen würde: von ihrer Vergangenheit zu erzählen, zu ihr zu stehen, sie aufzuarbeiten.