"Run and Rund" von Lyrical School

Auf den ersten Blick mutet das Musikvideo "Run and Run" der japanischen Popgruppe Lyrical School eher seltsam an – zumindest wenn man es sich am PC ansieht. Denn schnell wird klar, dass es für die Wiedergabe auf dem Smartphone bestimmt ist: Die sechs Mitglieder der Gruppe scheinen nämlich die Kontrolle über dein iPhone zu übernehmen und nahtlos zwischen Apps wie FaceTime und Vine hin- und herzuwechseln, das Ganze in Originalgröße.

Das Video hat Lyrical School einiges an Aufmerksamkeit in ihrer Heimat beschert und auch im Ausland ist man hellhörig geworden. Sie haben es auf japanische Nachrichtenseiten geschafft und den Moderatoren im Frühstücksfernsehen fiel angesichts der Idee glatt die Kinnlade runter. Mit bisher mehr als 1,1 Millionen Views auf Vimeo ist der Clip das mit Abstand erfolgreichste Musikvideo der 2010 gegründeten Rap-Pop-Formation.

Aber hier geht es um mehr als ein viral gehendes Musikvideo, das einer eher unbekannten Band zu weltweitem Interesse verhilft. Das smartphoneoptimierte Video von Lyrical School ist bezeichnend für die sich ändernden Hörgewohnheiten in Japan: Weg von traditionellen Medien, hin zur Musik aus dem Netz.

Die westliche Vorstellung von Japan zeichnet häufig das Bild eines High-Tech-Wunderlandes voller Roboter und extrem pünktlicher Hochgeschwindigkeitszüge. Gleichzeitig hält sich, zumindest in den US-Medien, noch die Auffassung, dass Japan aktuellen Entwicklungen hinterherhinkt. Überall finden sich englischsprachige Artikel, die schildern, wie sehr die Bewohner des Inselstaates noch an Faxgeräten und Musik-CDs hängen. Besonders Letzteres wird Jahr für Jahr erneut zum Thema, wenn wieder über die steigende Nutzung von Musikstreamingdiensten in Europa und Nordamerika berichtet wird.

Noch ist der Umsatzanteil der klassischen Medien im japanischen Musikgeschäft zwar größer als in anderen Ländern: Der Weltverband der Musikkonzerne IFPI meldete in seinem letzten Jahresbericht, dass die japanische Musikbranche 75 Prozent ihres Umsatzes mit dem Verkauf von Platten und CDs machte. Aber der Markt ist im Umbruch. Im gleichen Bericht steht, dass das Geschäft mit physischen Tonträgern im Jahr 2015 um 3 Prozent geschrumpft ist. Und schon im Vorjahr waren die Musikverkäufe insgesamt zurückgegangen. Doch dank der zunehmenden Beliebtheit digitaler Plattformen ist das Musikgeschäft in Japan im letzten Jahr sogar um 3 Prozent gewachsen.

Denn im letzten Jahr brachten Apple und der Messenger Line ihre digitalen Musikangebote auf den japanischen Markt. Es waren nicht die ersten Angebote dieser Art im Land, aber sie eroberten den Musikstreamingmarkt mit ihren riesigen Werbekampagnen im Sturm. Streaming ist in Japan noch nicht so stark wie in anderen Ländern, aber der Markt wächst. Eine Umfrage der Softwarefirma CyberAgent, die selbst einen Streamingdienst betreibt, zeigt, dass Videoportale wie YouTube immer populärer werden, vor allem unter den 15- bis 19-Jährigen. Zudem feiern Smartphones, allen voran das iPhone, weiterhin Verkaufsrekorde.

"Run and Run" von Lyrical School ist nicht nur wegen der lustigen Idee so ein Hit, auch wenn der aus Pappe gebastelte Twitter-Rahmen echt süß ist. Das Video macht sich als eines der Ersten die besonderen Möglichkeiten des Gerätes zunutze, auf dem es sich die meisten Menschen ansehen werden. Schon im Jahr 2014 hat der Singer-Songwriter Aimyong einen Clip veröffentlicht, der sich fast komplett im Messenger Line abspielt. Ein Protagonist belästigt darin eine Frau, in die er verliebt ist, und schickt ihr am Ende sogar Morddrohungen – neben süßen Stickern. Einem kreativen rappenden Sextett, das Twitter kapert, wäre bestimmt ohnehin einige Aufmerksamkeit sicher. Doch der wahre Geniestreich von Lyrical School war es, die Möglichkeiten des Smartphones auszunutzen.

Neben der Verwendung von beliebten Apps in ihren Videos haben japanische Musiker auch angefangen, wie ihre internationalen Kollegen das volle Potenzial von YouTube als Plattform zu erkennen. Künstler wie Maco und Goose House haben sich dort eine große Fanbase erarbeitet und sind heute bei Major Labels unter Vertrag, die ironischerweise ihre Musik auf CDs in die großen Kaufhäuser gebracht haben. Währenddessen nehmen die angesagtesten Songs des Landes online Fahrt auf: Einer der unerwarteten Hits des Jahres 2016 in Japan kommt zum Beispiel von einem Comedy-Duo und einer Tanzgruppe. Mehr als 28 Millionen Mal wurde das Video geklickt.

Lyrical Schools viraler Erfolg im Netz ist ein Zeichen der Zeit und des digitalen Wandels in Japan: Endlich werden die 90er abgeschüttelt, es geht vorwärts. So erinnert "Run and Run" an Künstler wie Arcade Fire und OK Go, deren interaktive Shows sozusagen den Browser des Betrachters übernahmen. Auch in Japan gab es ähnliche Clips, zum Beispiel von der Band Sour. Jedoch waren diese Videos in erster Linie ein Mittel, um die Möglichkeiten von neuen Technologien ins Rampenlicht zu rücken – in diesem Fall die von Google Chrome – während "Run and Run" sich dagegen einfach den Gegebenheiten von 2016 anpasst.

Dieser Beitrag von Patrick St. Michel ist zuerst auf The Daily Dot erschienen. Übersetzung: Johannes Korn


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