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Und warum es dennoch ständig um ihre Körper geht.

Sie kommen aus dem Country, reiten nackt auf Abrissbirnen oder füllen mit Schlager die Stadien. Doch egal, ob es um Taylor Swift, Miley Cyrus oder Helene Fischer geht: alle eint, dass sie weiblich und seit Jahren extrem erfolgreich im Pop-Geschäft sind. 

Hießen die Topstars der 80er noch David Bowie, Prince oder Michael Jackson, wird die moderne Popmusik seit Jahren von Frauen dominiert.

Doch was heißt es eigentlich heute, wenn Sängerinnen im Mittelpunkt stehen? Ist allein damit schon alles gut? Und woher kommt der künstlerische und kommerzielle Erfolg von Künstlerinnen wie Beyoncé, Lady Gaga oder Taylor Swift? 

Darüber hat die Musikerin und Journalistin Ariana Zustra auf der Digitalkonferenz re:publica mit Kritikerinnen und und Kritikern der Popindustrie gesprochen.

Sechs Thesen, weshalb Popmusik heute so weiblich ist:

1.

Sie lassen männliche Produzenten für sich arbeiten, nicht umgekehrt.

Die klassische Formel für einen Pophit ist so simpel wie erfolgreich: Ein erfahrener Mann schreibt einen eingängigen Song, eine junge Frau singt ihn ein – von France Gall bis Madonna wurde so jahrzehntelang Musikgeschichte geschrieben. Auch heute noch werden viele Sängerinnen von männliche Produzenten begleitet.

Doch die Rangordnung hat sich verändert: Stars wie Lady Gaga, Taylor Swift oder Kelela produzieren und schreibe viele ihrer Songs selbst. Männer helfen oft nur noch mit, wenn es ausdrücklich gewünscht ist. 

Ist deshalb alles besser geworden?

Nein, sagt Ariana Zustra: "Von Taylor Swift bis FKA Twigs gibt es auch heute noch praktisch keine bekannte Künstlerin, die nicht mit einem männlichen Produzenten zusammenarbeitet." Annett Scheffel vom Musikexpress sieht die Lage weniger dramatisch: "Taylor Swift und Co. haben ihre letzten Alben alle mitproduziert. Vielleicht ist bei den großen Künstlerinnen immer noch ein Mann im Hintergrund, aber sie haben mindestens die Kontrolle, sind viel selbstbewusster."

2.

Sie kontrollieren bewusst, wie ihr Körper zu sehen ist.

Doch egal, wie weit sich die Musikindustrie in den vergangenen Jahren auch verändert hat: Wenn über Sängerinnen gesprochen wird, geht es fast immer auch um ihre Körper. Dennoch hat sich viel verändert, glaubt der Pop-Kritiker Jens Balzer: 

Künstlerinnen wie Kelela zeigen, dass man als Frau dominant und verletzlich sein kann.

Auch die Journalistin Anett Scheffel vom Musikexpress sieht das so: "Kelela ist nackt und zeigt ihre schwarze Haut. Aber ohne Retuschen. Sie zeigt sich verletzlich, ist aber gerade deshalb stark. In der Schwulenszene nennt man das: Topping from the bottom. Also Passiv sein, aber aus einer aktiven Haltung heraus."

Auch andere Künstlerinnen wie die britische R’n’B-Sängerin FKA Twigs oder die niederländisch-iranische Songwriterin Sevdaliza hätten verstanden, ihre Körper unabhängig von Klischees zu zeigen, findet Ariana Zustra: "Sie zeigen sich in ihren Videos wahlweise ganz nackt, als Cyborgs oder androgyne Figuren. Der Körper wird zu einer Hülle, die sich verändert."

Doch was ist mit den ganz großen Stars? Kann ein Auftritt von Helene Fischer je emanzipiert sein? Für den Musikjournalisten Steffen Greiner scheint das nicht unmöglich zu sein: "Sie ist einerseits super sexuell, tanzt in Glitzerhöschen. Und dennoch wirkt sie seltsam asexuell. Helene Fischers Auftritte sind Geräteturnen, geprägt von absoluter Kontrolle. Das zeigt für mich nichts verruchtes, sondern Stärke."

3.

Sie haben verstanden, dass viele Themen zusammengehören.

Vor allem die Popsongs englischsprachiger Künstlerinnen unterscheidet heute noch etwas anderes. In ihnen geht es nicht nur um einzelne Themen wie Liebe, Sex oder Politik – sondern oft um alles gleichzeitig. "Der R’n’B der 90er war ein Kampfgebiet, der die Popmusik geprägt hat", sagt Steffen Greiner. "Durch Künstler wie Robyn wurde die Musik plötzlich von Weißen geprägt." 

Heute überlegen sich schwarze Künstlerinnen bewusst, wer sie sind.
Steffen Greiner

Auch große Stars wie die R’n’B-Sängerin Solange thematisieren bewusst ihre Rolle. Schon der Name ihres letzten Albums "A Seat on the Table" machte klar, dass sie keine Auseinandersetzungen scheut. Titel wie "Don’t touch my hair" machten die Haare afroamerikanischer Frauen zur Metapher für Diskussionen, um die eigene Hautfarbe, die eigene Identität und die Rolle als Frau.

4.

Sie haben verstanden, wie Unterdrückung verbindet.

Schon immer galt Popmusik als Spielwiese für queere Künstlerinnen und Künstler. Wenn Sängerinnen wie Björk und FKA Twigs heute mit Produzenten wie Arca zusammenarbeiten, geht es dabei nicht mehr nur um die Erfahrungen von Frauen und Männern, sondern auch darum, was einen schwulen Produzenten aus Venezuela mit Frauen unterschiedlicher Herkunft wirklich verbindet – und von weißen, heterosexuellen Männern unterscheidet.

In einer Zeit, in der Rockmusik oft in sexistischen Klischees erstarrt scheint, spielen viele Pop-Künstlerinnen bewusst mit dem, was sie als weibliche, vielleicht nicht-weiße, nicht-heterosexuelle Person besonders macht. In ihrer Offenheit, ihrer Queerness und ihren Auseinandersetzungen spiegeln viele Sängerinnen wider, was auch viele Hörerinnen und Hörer erleben. 

So werden Künstlerinnen zu einer neuen Avantgarde, die auch für diejenigen interessant ist, die sich im Pop bislang nicht wiederfanden. Nicht umsonst gelten weibliche Superstars wie Lady Gaga heute auch als Ikonen der LGBT-Bewegung.

5.

Sie machen mehr als nur Musik.

Die neue Vielfalt im Pop zeigt sich auch außerhalb der Musik. Längst sind Videos, Performances und die sozialen Netzwerken zu Werkzeugen geworden, mit denen sich Pop-Künstlerinnen tagtäglich neu inszenieren

Für Sängerinnen wie Janelle Monáe (bento) scheint Musik sogar nur eine Art Grundrauschen zu sein, das immer wieder neue Videos und Auftritte ermöglicht.

"Musikalisch ist sie gar nicht so sonderlich innovativ. Was besonders ist, ist ihre Inszenierung", meint Annett Scheffel. In ihren Konzerten und Videos zeige Monáe, dass sie mehr sein wolle, als nur eine Sängerin. 

6.

Sie nutzen die Möglichkeiten, die es heute gibt.

Während in der Popindustrie Frauen allgegenwärtig sind, gibt es in anderen Genres bis heute fast keine weiblichen Megastars. EDM, House oder Rap sind nach wie vor fest in der Hand von Männern, die damit ganze Stadien füllen. "Es geht um Männer, die Technik beherrschen", sagt Popkritiker Jens Balzer. "Männliche Überwältigungsmaschinen."

Doch während Männer mit massentauglicher Musik die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, hätten weibliche Popstars andere Elemente aus der elektronischen Musik übernommen, findet Steffen Greiner.

Und noch etwas sei interessant, findet die Musikerin und Journalistin Ariana Zustra: "Musikprogramme sind heute auf allen Apple-Rechnern vorinstalliert oder leicht herunterzuladen. Frauen können heute auch ohne Gitarre, im Schlafzimmer oder am Schreibtisch produzieren." 

Eine Möglichkeit, die man wohl kaum überschätzen kann.


Style

Das britische Modelabel Bench ist pleite
Goodbye, Klettverschlussjacke.

Eine Fleecejacke mit großer Lasche am Hals – dieses Kleidungsstück machte das britische Modehaus Bench in den 2000ern berühmt.

Jetzt hat es sich ausgefleeced.

Der Modekonzern aus Großbritannien hat am vergangenen Wochenende Antrag auf Insolvenz gestellt. (Handelsblatt)