Bild: Raving Iran

Der Weg in die Freiheit dauert etwa zehn Stunden und führt in eine abgelegene, staubige Berglandschaft mitten im Iran. Wind treibt die Sandkörner über die karge Landschaft, der Mond taucht die Nacht in ein silbriges Grau. Und dann kommt der Bass.

Die Menschen tanzen, heben ihre Arme in die Luft, als würden sie unsichtbare Marionetten führen. Für einen Moment sind sie all ihre Sorgen los. Dann packen Anoosh und Arash ihr DJ-Set wieder ein und fahren zurück nach Teheran. Der Alltag im Regime geht weiter.

Anoosh, 26, und Arash, 28, bilden das DJ-Duo "Blade & Beard", sie haben sich auf Deep House spezialisiert. Um ihre Musik spielen zu können, organisieren sie geheime Partys mitten in der Wüste. Mit Freunden und Bekannten fahren mit dem Bus ins Nichts, packen Boxen und Soundanlage aus und drehen auf.

Beim iranischen Regime gilt ihre Musik als verpönt. Einige islamische Kleriker bezeichnen westlich inspirierte Musik als "Musik des Satans" – die Regierung verbietet daher viele Songs. Auch "Blade & Beard" hat im Iran keine Lizenz, die Partys der beiden Freunde sind illegal.

Jetzt zeigt eine Film der Regisseurin Susanne Meures das Schicksal der beiden. "Raving Iran" begleitet die DJs bei ihren verbotenen Feten – und wie sie schließlich auf ein großes Musikfest in Zürich eingeladen werden.

Das ist der Trailer zu "Raving Iran":

"Wir haben unsere Liebe zur Musik im Netz entdeckt", sagt Anoosh über seine DJ-Partnerschaft mit Arash. Wenn er redet, dann langsam und überlegt. Er ist eigentlich kein Typ für regimekritische Botschaften, er will einfach nur eine gute Zeit haben. Doch die Liebe zu House machte ihn plötzlich zum Politikum.

Weil es im Iran keinerlei Zugang zu Techno gab, klickten sich Arash und er an gelangweilten Nachmittagen durch das Netz. "Irgendwann waren wir der Meinung, dass House unser Ding ist." Auf YouTube-Videos haben sie sich feiernde Menschen angeschaut.

Das Wogen der Massen, diese grenzenlose Freiheit, und ihnen war klar: Das wollen wir auch.

Um ihre Musik zu spielen, organisierten sie also die Wüstenpartys: "Da es illegal ist, haben wir nur Freunde eingeladen, denen wir vertrauen. Du musst sehr aufpassen, dass nicht so eine SMS-Kette entsteht, wo am Ende der Falsche von der Party hört", sagt Anoosh. "Es funktioniert nur über Vertrauen.“

In Bildern – so erleben Anoosh und Arash den Alltag im Iran:
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Insgesamt organisierten Anoosh und sein Kumpel etwa zehn solcher Wüstentrips. An die genaue Zahl erinnert er sich heute nicht mehr. "Die Motivation für die Partys war Freiheit. Sonst nichts. Wir sind keine politischen Menschen, wir konzentrieren uns allein auf unsere Träume."

"Raving Iran" ist bei so einer Party dabei. Und auch, als die beiden DJs als "Blade & Beard" eine offizielle Lizenz beantragen. Im zuständigen Ministerium werden sie ungläubig angeguckt: Bärte rasieren? Ausländische Musik zelebrieren? Und auf das Cover soll ein Mädchen mit Bauchnabel-Piercing?

Für die Aufnahmen hatte die Regisseurin Meures Anoosh und Arash extra mit versteckten Handykameras ausgestattet. Ein Schneider in Basar von Teheran hat sie in die Hemden eingenäht, erzählt Susanne.

Das ist das im Iran verbotene Album von "Blade & Beard":

Ein Jahr lang war sie mit den beiden in Teheran unterwegs, zwischen 2013 und 2014 hat sie selbst mehrere geheime Hauspartys miterlebt. In den Momenten, wo im Film kein House läuft, wirkt Iran wie eine auferstandene DDR – nur, dass auf Teherans Häuserfassaden nicht Erich Honecker zu sehen ist, sondern der iranische Machthaber Ajatollah Ali Khamenei.

So lustig, wie es klingt, ist es leider nicht.

Anoosh wurde schon mehrfach verhaftet, als die Polizei seine Partys sprengte. Oft wurde er dann für ein oder zwei Nächte ins Gefängnis gesperrt. "Die Nächte, die ich inhaftiert wurde, waren eine harte Erfahrung. Die Polizei steckt alle im Iran in eine Zelle – Schwerverbrecher, Mörder und eben aufmüpfige Jugendliche. Die Regierung ist an den Menschen in ihrem Land nicht interessiert.“

Im vergangenen Jahr wurden knapp 1000 Menschen hingerichtet, darunter mehrere Jugendliche ("Der Tagesspiegel"), meist wegen Drogenbesitz oder verbotenen sexuellen Handlungen. Auch die Missachtung religiöser Gesetze kann bestraft werden. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International listet Hunderte Fälle auf, in denen Iraner ausgepeitscht wurden – weil sie den Fastenmonat Ramadan nicht einhielten.

"Die Regierung ist an den Menschen in ihrem Land nicht interessiert.“

Ihm und Arash sei daher irgendwann klar geworden, dass sie als DJs keine Zukunft im Iran haben werden. Sie bewarben sich für ein Festival in Zürich, beide wollten dort auflegen. Ihre CD packten sie in einen Briefumschlag und schickten ihn in die Schweiz. Ab dann klang alles wie ein Wunder: Die iranische Regierung fing den Brief nicht ab, die Veranstalter in der Schweiz luden sie tatsächlich ein. Auch ein Visum wurde ihnen bewilligt – Anoosh und Arash durften für fünf Tage nach Zürich.

Als sie dort auflegten, fühlten sie sich zum ersten Mal richtig angekommen, erinnert sich Anoosh heute. Wieder haben die Leute getanzt, wieder blieb die Zeit stehen und für diesen einen Moment waren sie frei. Und plötzlich mussten sie sich diese Frage stellen:

Was, wenn wir einfach hier bleiben? Was, wenn wir in der Schweiz Asyl beantragen?

"Raving Iran" ist in diesem Moment dabei. Und das ist die Stärke des Films: Der Zuschauer ist dabei, wenn Anoosh und Arash heimlich auflegen. Dabei, wenn sie nachts durch Teheran cruisen, immer in der Angst, von der Polizei erwischt zu werden. Und dabei, wenn die DJs in ihrer Wohnung sind. Selbst da bleibt die Angst.

Die Kamera fängt dann Blicke aus dem Fenster hinaus ein. Fast immer stolzieren dort Polizisten herum, irgendeiner ist immer in der Nachbarschaft unterwegs. Die ständige Überwachung, die Paranoia – sie ist immer da.

Auch die Tage in der Schweiz hatten ihre dunklen Seiten. Anoosh und Arash sitzen auf der Kante ihrem Hotelbetts."Es gibt schon viele Menschen, die Ausländer einfach grundsätzlich ablehnen", erinnert sich Anoosh heute, "für sie sahen wir fremd aus und blieben daher auch fremd.“ Im Iran hingegen sind ihre Freunde, sind ihre Partys. Sie müssen sich jetzt entscheiden zwischen Europa und dem Iran – zwischen einer Freiheit, die man leben, aber kaum fühlen kann und einer Freiheit, die man sich jeden Tag aufs Neue erkämpfen muss.

Über Facetime spricht Anooshs Mutter aus dem Iran zu ihnen: "Nicht kiffen, wenn ihr die Entscheidung trefft. Seid bei klarem Verstand."

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