Bild: Johanna Ghebray

Erst war Nura Mitglied der "The toten Crackhuren im Kofferraum", dann des Hip-Hop-Duos SXTN, inzwischen macht die 32-Jährige erfolgreich solo Musik. Anfang August hat die Musikerin ihre Autobiografie herausgebracht, "Weißt du, was ich meine? Vom Asylheim in die Charts". Das Buch handelt von Nuras Flucht aus Kuwait, dem Bruch mit ihrer strengen Familie und dem immerwährenden Kampf in der männerdominierten Musikbranche. 

Im bento-Interview erzählt Nura von ihrem Erfolg als Rapperin, ihrer Zeit in Asyl- und Kinderheimen und verrät, wieso ihre Mama inzwischen doch stolz ist. 

bento: Deine Kindheit war nicht immer einfach. Nach eurer Flucht hattet ihr als fünfköpfige Familie teilweise nur ein Zimmer und musstet oft umziehen. Als Jugendliche bist du irgendwann einfach abgehauen. Als du von der Polizei aufgelesen wurdest, wolltest du nicht mehr nach Hause und bist ins Heim gegangen. Wie hast du deine Zeit dort empfunden?

Nura: Ich fand es anfangs echt cool. Man durfte länger raus und bekam mehr Taschengeld und sowas. Als Kind sind dir solche Sachen wichtig und du denkst dir "Bei Mama durfte ich das nicht" und "Mama war so streng". Gleichzeitig sind im Heim halt Kinder, die komplett vernachlässigt worden sind. Das Gegenteil von mir, wo meine Mutter so overprotective war. Das habe ich auch erst als Erwachsene richtig verstanden, weil ich damals so stark mit mir selbst beschäftigt war: Anderen ging es noch schlechter. Und dann sitzt man da im Heim und jeder redet über seine Probleme, aber man hört den anderen nicht zu. Das war schon traurig.

bento: Inzwischen versteht ihr euch als Familie wieder richtig gut. Bist du ein Mensch, der schnell verzeiht?

Nura: Ich bin auf jeden Fall ein Mensch, der keine Lust hat, mit jemandem ein Leben lang Streit zu haben. Wenn man nach einem Jahr merkt, dass man sich entschuldigen sollte, dann ist das für mich ein Zeichen von Größe. Und das ist für mich auch das Ding der Familie. Wenn man überall sonst verkackt hat, kann man sich immer noch bei seiner Familie melden. Zumindest war das bei mir so. Und auch, wenn ich ein paar Dinge gemacht habe, die meine Mutter jetzt nicht so stolz gemacht haben, stand sie am Ende doch zu mir. Vielleicht bin ich einfach ein Mensch, der viel Hoffnung hat. Ich glaube, ohne Hoffnung wäre ich auch krass verloren gewesen in meinem Leben.

(Bild: Privat)

bento: Das Buch liest sich, als sei dir deine Freiheit immer am wichtigsten gewesen. Deshalb bist du ins Heim gegangen, deshalb bist du nach Berlin gegangen. Fiel es dir manchmal schwer, Kompromisse zu schließen?

Nura: Ja, total! Um keinen Preis wollte ich meine Art ändern. Wenn mich wer ändern wollte, dann war ich weg. Diese Einstellung hatte ich richtig lang. Viele Leute denken, ich würde erst um Freiheit kämpfen, seit ich im Rap bin, aber das ist nicht wahr. Ich bin eine schwarze Frau und musste als schwarzes kleines Mädchen schon extrem kämpfen, was meine Daseinsberechtigung anging. Klar geht der Kampf im Rap weiter, aber da kommt er nicht her. Ich werde oft gefragt, ob ich erfolgreich sei und ich muss sagen: Wenn ich zurückblicke und gucke, wo ich herkomme, dann finde ich, hab ich hardcore rasiert! 🛒 Hier kannst du die Autobiografie von Nura kaufen.

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bento: Wie reagierst du denn, wenn dir jemand deine Daseinsberechtigung im Rap absprechen will?

Nura: Ich sage: "Du weißt nicht, wo ich herkomme, du bist nicht denselben Weg gegangen." Deshalb kann man auch keine Musiker miteinander vergleichen, das wird ja immer gern mit Frauen gemacht.

(Bild: Johanna Ghebray)

bento: In deinem Kapitel über SXTN schreibst du einmal: "Dass Labels heute ganz gezielt Rapperinnen signen wollen und viele rappende Mädels erfolgreicher als ihre männlichen Kollegen sind, ist safe unser Verdienst."

Nura: Durch SXTN wurden die ganzen geldgierigen Männer aktiviert - da stecken safe Männer hinter. Die haben realisiert, dass man mit ner Frau ja doch krass gut Kohle machen kann. Und wir haben unsere Texte selbst geschrieben, alle Themen kamen von uns, da war kein Mann, der uns reingeredet hat. Wir haben eine EP und später ein Album komplett ohne männliche Features rausgebracht. Das hat keine Frau bis jetzt geschafft. Außer vielleicht Tic Tac Toe (lacht).

bento: Und gab es eine Veränderung im Deutschrap, die du während deiner Zeit bei SXTN spüren konntest?

Nura: Ja, es sind viel mehr Frauen, jetzt auf einmal. Überall! Jetzt müssen auch Festivals nicht mehr rumheulen von wegen es gebe keine Frauen. Shut the fuck up man, es gibt genug Frauen. Ihr braucht jetzt nicht wieder 80 Prozent Männer zu booken. Wenn ihr das jetzt noch macht, dann wissen alle, dass es Sexismus ist.

bento: Du beschreibst in deinem Buch auch die Doppelbelastung, die es mit sich bringt, als schwarze Frau in der Öffentlichkeit zu stehen und sowohl Rassismus als auch Sexismus ausgesetzt zu sein. Wie schützt du dich da selbst?

Nura: Das wird bei dem Buch jetzt bestimmt auch wieder so sein, dass Leute einen schwachen Punkt von mir suchen, um darüber zu haten. Man macht sich immer verletzlich. Wenn ich beschreibe, wie ich mich zum Beispiel im Heim gefühlt habe, hilft das vielleicht 90 Prozent der Leute, die dann wissen, dass es mir auch mal schlecht ging. Und die zehn Prozent, die haten, sind mir dann krass egal.

(Bild: Privat)

bento: Du hast deine ersten zwei Lebensjahre in Kuwait verbracht. Als der Irak das Land 1990 überfiel, stellte sich Eritrea, das Herkunftsland deiner Mutter, hinter den Irak. Ihr wurdet von da an stark diskriminiert und deine Mutter ist mit euch vier Kindern nach Deutschland geflohen. Dort musstet ihr ein Jahr lang ständig die Asylheime wechseln, bevor ihr in Wuppertal bleiben konntet. Eine anstrengende Zeit für so ein kleines Kind. Trotzdem schreibst du im Buch, Geflüchtete heutzutage hätten es schwerer als ihr damals. Hast du viel Kontakt mit Geflüchteten?

Nura: Vor allem meine Mutter und meine Oma kümmern sich in ihrer Community um Geflüchtete aus Eritrea und Äthiopien. Wenn jemand neu nach Berlin kommt, sagt meine Mama Bescheid und dann zeige ich ihm alles Mögliche. Wir haben auch in Berlin eine Black Women – Community, in der wir uns gegenseitig helfen und Jobs hin und herreichen. Ich bin da schon sehr aktiv. 

Meine Mama sagt auch immer: "Hätten wir damals jemanden wie dich gehabt, der in der Öffentlichkeit steht und hilft…". Da fühl ich mich dann so, als wenn ich zehnmal gold gegangen wäre. Weißt du, was ich meine? Dass meine Mama stolz auf mich ist, dass ich unserer Community helfe.

bento: Wie geht es jetzt weiter bei dir?

Nura: Dieses Jahr kommt wahrscheinlich noch mein Album raus. Und ich werde 🛒  das Buch auch nochmal als Hörbuch einsprechen. Für die, die nicht gern lesen oder einfach die Geschichte noch mal von mir selbst hören wollen. Manche hören Hörbücher zum Einschlafen - dann quatsch ich dich in den Schlaf! (lacht) Aber grundsätzlich hab ich schon alles erreicht, was ich wollte. 

„Ich kann mit meiner Mama einfach in den Urlaub fliegen und ihr das ausgeben. Das macht mich einfach krass glücklich.“

Und ich hab auch noch Kontakt zu meinen Cousinen in Mekka, da wird mir immer wieder klar, wie viel Glück ich habe. Sie hören auch meine Musik, verstehen zwar kein Wort, aber schreiben mir, dass sie stolz auf mich sind. Und was mich immer richtig traurig macht: Wenn sie schreiben, dass sie sich wünschten, ich zu sein und solche Möglichkeiten auch zu haben. 


Gerechtigkeit

Ich bin Schwarz und Araber – und kenne Rassismus schon aus meiner eigenen Familie
Wir müssen dringend über anti-schwarze Vorurteile innerhalb muslimischer Gesellschaften reden.

"Iiiiiih" – so riefen die Kids an meinem allerersten Schultag ganz angewidert hinter mir her. Die Tochter der türkischen Köchin in unserem Grundschul-Tagesheim hatte als erstes mit dem Finger auf mich gezeigt und machte eine Würge-Bewegung mit ihrem Mund. Als Kind trug ich Dreadlocks und für meine Mitschülerinnen und Mitschüler war das wohl ein ekliger Anblick. Aber es waren nicht nur Kinder mit dem klassischen "weißen deutschen Look", die mich da herabwürdigten. Den ersten krassen Rassismus habe ich von Kindern mit Namen wie Sedef, Ahmed oder Murat erfahren.