Bild: Screenshot Youtube

16 Jahre nach Christi Geburt: Männer in Legionärsrüstung schleichen sich durch die germanische Winterlandschaft, treffen auf eine schwarze Frau, die gerade einem Mann den Kopf abschneidet. Das ist der Beginn von Rammsteins "Deutschland".

Schon vor Veröffentlichung von ihrer neuen Single haben Rammstein mit einem kurzen Teaser wieder einmal bewiesen, wie gut sie das Mittel der gezielten Provokation beherrschen. Gerade einmal 35 Sekunden lang ist der Clip, darin sind vier Bandmitglieder mit Strick um den Hals und in KZ-Häftlingskleidung zu sehen. Am Ende schwarz auf weiß das Wort "Deutschland" in einer frakturähnlicher Schrift – so auch der Titel des Songs. 

"Geschmacklose Ausnutzung der Kunstfreiheit" nannte das bereits der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung (FAZ). Ein CSU-Politiker lud die Band in die KZ-Gedenkstätte Dachau ein. Der Tenor auch hier: Den Holocaust für "Werbezwecke und Effekthascherei" zu verwenden verbiete sich (ntv). Was zeigt das Musikvideo denn nun?

Das passiert in "Deutschland":

In dem mehr als neunminütigen Musikvideo passiert viel, wir bewegen uns mit rasendem Tempo durch die Tiefpunkte der deutschen Geschichte. Oder zumindest durch eine Musikvideo-Variante davon:

  • Wir sehen Rammstein als römische Legionäre,
  • als Politiker in der DDR, 
  • dann als KZ-Häftlinge, die kurz vor ihrer Hinrichtung stehen.
  • Dazwischen taucht immer wieder die Figur der Germania auf.

In Tarantino-Manier spielt die Band dabei freizügig mit der Geschichte: Da umzingeln die KZ-Häftlinge mit angelegten Gewehren die SS-Soldaten und erschießen sie schließlich. Aber wo Tarantino in "Inglourious Bastards" eine fast zweistündige Ermächtigungsphantasie erzählt, beschränkt sich Rammstein in wenigen Minuten des Videoclips auf das größte Verbrechen der deutschen Geschichte, gepaart mit Liedzeilen wie "Deutschland, Deutschland über allen" – eine ziemlich unversteckte Anspielung auf die erste Strophe des Deutschlandliedes, die in der Nazizeit gesungen wurde.

Und auch sie reiht sich nur ein in all die vorherigen Anspielungen und Provokationen aus der Vergangenheit der Band, und steht hier zwischen Sätzen, die Deutschland als "überheblich" und "überflüssig" bezeichnen. 

Hier kannst du Rammsteins Video zu "Deutschland" sehen:

Und was bedeutet das jetzt?

In der positivsten Lesart geht es der Band in "Deutschland" um ihre zerrissenen Gefühle gegenüber dem Land. 

"Deutschland, mein Herz in Flammen / Will dich lieben und verdammen" singt Lindemann im Refrain. Will man patriotische Gefühle für ein Land entwickeln, das einige der dunkelsten Episoden der Geschichte sein Eigen nennen darf? Wo der Nationalsozialismus eben nicht nur ein "Fliegenschiss" war?

Danach positionieren sich die Musiker so klar wie sonst selten: "Deutschland / Deine Liebe ist Fluch und Segen / Meine Liebe kann ich dir nicht geben". 

Man kann in diesen Zeilen eine Distanzierung nach rechts lesen, selbst wenn das Video wieder mit der nationalromantischen Ästhetik einer Leni Riefenstahl kokettiert und die düstersten Kapitel eines Landes in Hollywoodoptik zusammenschneidet, als ginge es dabei um eine fiktive Dystopie. 

Das kann man als Künstler natürlich alles machen.

Die eigentliche Provokation an diesem Video ist jedoch auch nach dem Erscheinen der 35-sekündige Teaser, der die Bildsprache des Holocausts ohne jeden Kontext benutzt. 

Denn tatsächlich war dessen einziges Ziel die maximale Aufmerksamkeit; keine künstlerische Doppeldeutigkeit, keine Interpretation, kein doppelter Boden. Zuverlässig hat er die Reaktionen hervorzurufen, die es kurz vor Veröffentlichung des Videos gegeben hat. Das größte Verbrechen der deutschen Geschichte zu einem Köder zu reduzieren, ist nicht nur völlig unnötig. 

Es überschreitet auch eine Grenze, die besser aufrecht erhalten worden wäre. 

Hinweis: In einer früheren Version hieß es, die erste Strophe der Nationalhymne sei in der Nazizeit gesungen worden. Das ist so nicht korrekt. Zur Nazizeit wurde die erste Strophe des Deutschlandlieds gesungen. Heute besteht die Nationalhymne nur aus der dritten Strophe des Deutschlandlieds.


Gerechtigkeit

Julia Reda setzt bei ihrem Abgang aus dem EU-Parlament ein wichtiges Zeichen für Frauen

Julia Reda, die einzige Abgeordnete der Piratenpartei im Europaparlament, hat die Partei verlassen. Nicht etwa, weil sie den Kampf gegen den Uploadfilter verloren hat, sondern weil es in ihrem Team einen Fall von sexueller Belästigung gab. Reda wirft dem Parteivorstand und der Parlamentsverwaltung nun vor, damit nicht korrekt umgegangen zu sein. (SPIEGEL ONLINE)

Zugegeben: Reda hat in dieser Position nicht mehr viel zu verlieren. Sie tritt zur kommenden Europawahl nicht an, sitzt also nur noch bis Mitte Mai im Europaparlament. Gleichzeitig hat der Parteikollege, um den es in dem Fall geht, bereits angekündigt, sein eventuelles Mandat nicht anzutreten (Piratenpartei). 

Ist das also alles nur ein Nachtreten gegen eine Partei und einen Arbeitsplatz, die Reda nun verlässt? Nein. 

Denn es braucht noch immer Mut, sich mit dem Thema Sexismus in die Öffentlichkeit zu wagen. Und es ist leider noch immer notwendig. 

1 Weil Sexismus und sexuelle Übergriffe im Europaparlament nicht nur bei der Piratenpartei ein Problem sind.  

Um zu verstehen, was an Julia Redas Schritt so besonders ist, muss man einen kurzen Schlenker zum Sommer 2017 machen. Damals zeigte das weltweite Echo der MeToo-Bewegung, dass Sexismus und sexuelle Übergriffe überall geschehen. 

Die europäische Politik ist keine Ausnahme, zeigte damals ein Bericht der britischen Sunday Times, in dem Frauen von Übergriffen durch Abgeordnete erzählen. Überrascht hat das im Europaparlament leider kaum jemanden, aber zumindest verabschiedeten die Abgeordneten wenige Tage später eine Resolution, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern besseren Schutz garantieren sollte. 

Ist das passiert? Nein. 

Es ging um verpflichtende Schulungen zu sexueller Belästigung, externe Überprüfungen und bessere Hilfsangebote für Opfer – bisher wurde allerdings nichts davon umgesetzt. Zuletzt lehnten deutsche CDU-Politiker eine Reform mit den Worten ab, sie sei "Schwachsinn".

2 Weil Frauen sich noch immer nicht trauen, offen darüber zu sprechen.

Dass das Problem überhaupt kein "Schwachsinn", sondern sehr real ist, zeigt der Blog "MeTooEP". Er wurde nach dem Bericht der Sunday Times von der Parlamentsreferentin Anni Hirvelae und einigen Kolleginnen gegründet.

Dort erzählen Opfer von sexualisierter Gewalt im Europaparlament ihre Geschichten. Die Beispiele reichen von ekligen Kommentaren – als eine Mitarbeiterin unter ihrem Schreibtisch einen Stift aufhob, soll ein Abgeordneter zu ihr gesagt haben: "Du gehst jetzt schon unter den Schreibtisch? Das ging aber schnell" – bis hin zu gewalttätigen Übergriffen.

Zwar lässt sich durch die Anonymität nicht verifizieren, welche dieser Geschichten tatsächlich geschehen sind. Doch die schiere Anzahl der Einträge deutet auf ein strukturelles Problem hin. 

Im Vergleich zu dieser Zahl gehen bei der Parlamentsverwaltung allerdings selten offizielle Beschwerden ein. Schuld daran ist die Angst, den Job zu verlieren, angefeindet zu werden oder als Symbol für sexuelle Belästigung in der Öffentlichkeit zu stehen. Schließlich kann es einem in der Politik die Laufbahn zerstören, wenn man in den Köpfen der Menschen nicht mehr als professioneller Mensch verbucht ist, sondern als sexuelles Objekts. 

Terry Reintke, eine der Grünen-Abgeordneten im Europaparlament, engagiert sich deshalb mit einigen Kolleginnen dafür, die Bedinungen für Betroffene zu verbessern. Zur tagesschau sagte sie, dass viele denken, es würde nichts bringen, wenn sie einen Fall melden, "dass es keine Sanktionen für die Täter gibt oder dass es im Zweifel nicht auch für sie negative Konsequenzen gibt".

Das heißt: Obwohl alle wissen, dass sexuelle Belästigung im Europaparlament an der Tagesordnung ist, bekommen Betroffene – größtenteils Frauen – noch immer kaum Unterstützung und trauen sich gar nicht erst, ihre Geschichten zu erzählen. 

Genau deshalb sind Julia Redas deutliche Worte zu ihrem Abgang so wichtig.

3 Weil es so immerhin einen Fall mehr gibt, in dem der Täter Konsequenzen erfährt.

Julia Reda begründete ihren Austritt aus der Piratenpartei damit, dass ihr Büroleiter, Gilles Bordelais, eine Mitarbeiterin des Parlaments belästigt habe. Seit fast einem Jahr habe Reda versucht, Bordelais dafür haftbar zu machen.

Die Beschwerde der betroffenen Mitarbeiterin habe Reda im Juni 2018 erreicht, kurz nachdem Bordelais auf Platz zwei der Europawahlliste der Piraten gesetzt wurde, heißt es in einer Chronologie auf der Website der Piratenpartei. Die Chance ist zwar sehr gering, dass die Piraten genug Stimmen für mehr als einen Abgeordneten bekommen, doch nach dem Medienrummel um den Uploadfilter ist es auch nicht völlig unmöglich. Bordelais könnte also ins Parlament einziehen.

Das möchte Julia Reda nun verhindern. In einem Twitter-Video ist ihre Nachricht: Wählt nicht die Piraten, sonst könnte dieser Mensch Abgeordneter werden. Denn seine Ankündigung, das Mandat nicht anzunehmen, liegt zum Bedauern des Parteivorstandes nur mündlich vor. 

Hier ist das Video: