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Wenn Geld wichtiger ist als Menschenrechte, läuft etwas schief.

Es klingt wie eine gute Nachricht: Die großangekündigte Tour von R. Kelly durch Deutschland wird nicht stattfinden. Damit sind die Auftritte eines Künstlers vom Tisch, dem seit Jahrzehnten vielfach sexuelle Gewalt gegen Kinder und erwachsene Frauen vorgeworfen wird. Und der zuletzt nur noch aus dem Gefängnis kam, weil er eine Kaution von 100.000 US-Dollar hinterlegte und seinen Pass abgab.

Doch schaut man genauer hin, ist die Absage alles andere als ein Statement für Frauenrechte – im Gegenteil: Sie zeigt nur, wie wenig Frauen immer noch geglaubt wird, wenn sie sich gegen sexuelle Gewalt wehren.

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Denn obwohl eine Petition gegen die Auftritte mittlerweile 240.000 Unterzeichnerinnen und Unterzeichner zählt (bento), spielten die drastischen Vorwürfe gegen den R'n'B-Sänger bei der Tour-Absage offenbar keine Rolle.

In der sechsstündigen Doku-Serie "Survinging R. Kelly" schilderten Anfang des Jahres zahlreiche Frauen, wie sie als Minderjährige von dem Sänger unter Drogen gesetzt, in sektenähnlichen Verhältnissen abhängig gemacht und vergewaltigt worden sein sollen. Auch die angeblich jahrelangen Drohungen und Schweigegeldzahlungen wurden thematisiert.

Die Ausstrahlung der Dokumentation sorgte weltweit für Diskussionen und wütende Proteste gegen den Sänger. Von den Veranstaltern der deutschen Konzerte wurde sie bis heute mit keinem Wort kommentiert. 

Stattdessen heißt es nach Gesprächen mit der Stadt Hamburg schlicht, dass "mit Konzerten von R. Kelly im Ausland bis auf weiteres nicht zu rechnen" sei (Abendblatt). Das ist ebenso faktisch richtig wie demütigend für alle Betroffenen von sexueller Gewalt. Denn das ist das Signal dieser Art von Absage:

Solange sich damit noch Geld verdienen lässt, sind die Beschwerden und Warnrufe von Frauen ziemlich egal. Auch in Deutschland. 

Bis heute versuchen die Veranstalter der deutschen Konzerte, jegliche Form von gesellschaftlicher Verantwortung abzuwälzen. 

In Sindelfingen, wo eines der Konzerte stattfinden sollte, hieß es dazu nur: "Zu den Vorwürfen gegen die Privatperson R. Kelly möchten wir keine Position einnehmen." Als das Konzert kurze Zeit später nach Neu-Ulm verlegt wurde, redete man sich damit heraus, dem Sänger nur ein "ein musikalisches Forum" bieten zu wollen (Noisey). 

So, als könnte man jahrzehntelange Gewaltvorwürfe wie ein privates Künstler-Hobby beiseite schieben und einfach nur unschuldig der Musik lauschen. Doch genau das geht eben nicht.

Um es klar zu sagen: Natürlich sollte niemand wegen einiger Beschuldigungen vorschnell verurteilt werden, solange es noch keinen Prozess gab. Doch die schiere Zahl der Frauen, die sich gegen den Sänger zu Wort gemeldet haben – und das bereits seit Jahrzehnten –, sollte Konzertveranstalter zum Nachdenken bewegen.

Genau so, wie der Künstler R. Kelly das Recht auf einen fairen Prozess vor Gericht hat, ist kein Unternehmen gezwungen, Geld mit den Veranstaltungen eines mutmaßlichen Vergewaltigers zu verdienen. 

Genau das wurde in Deutschland aber monatelang versucht. Selbst als sein eigenes Label Sony Music schon die Zusammenarbeit mit dem R'n'B-Sänger beendet hatte, wurden hierzulande noch tapfer weiter Konzertkarten verkauft (SPIEGEL).

Die mutmaßlichen Opfer von R. Kelly wurden jahrelang beiseite geschoben, nicht ernstgenommen oder als vermeintliche Wichtigtuerinnen selbst zu Täterinnen stigmatisiert. Eine ebenso bittere wie typische Einstellung, die sich zum Glück langsam zu ändern scheint. Zumindest in den USA: Nachdem in den vergangenen 15 Jahren mehrere Prozesse wegen Verfahrensfehlern und verweigerten Aussagen geplatzt sind, muss sich der Sänger bald noch einmal vor Gericht verantworten

Es geht um zehn Fälle von schwerem sexuellem Missbrauch. In neun von zehn Fällen waren die mutmaßlichen Opfer jünger als 17. Bei einem Schuldspruch drohen dem Sänger drei bis sieben Jahre Gefängnisstrafe. Der Prozess beginnt am 8. März. 

Es wäre peinlich, wenn R. Kelly eines Tages in Haft sitzt, während in Deutschland noch Konzertplakate für ihn hängen.


Streaming

Das Horrordate aus "Dating Around" zeigt sehr deutlich, was sich Frauen oft von Männern anhören müssen

Wer schon mal ein schlechtes erstes Date hatte, der weiß, wie unangenehm sich Gesprächspausen anfühlen können, oder wie sehr man sich dafür verdammen kann, das gemütliche Sofa verlassen zu haben. Doch die 36-jährige Gurki Basra hat – auch noch vor Millionen von Zuschauerinnen und Zuschauern – ein besonders schlimmes erstes Date erlebt. Und es ist leider exemplarisch für Kommunikationssituationen, die viele Frauen kennen. 

Aber von Vorne: Gurki war eine der Teilnehmerinnen der neuen Netflix-Sendung "Dating Around". In jeder Folge der ersten Staffel trifft sich ein New Yorker Single mit fünf Menschen zu Blind Dates. Am Ende erfahren die Zuschauerinnen und Zuschauer dann, ob und mit wem die Person auf ein zweites Date geht. 

Das Schöne an der Show: Es gibt keine nervigen Spielchen und großen dramaturgischen Eingriffe, wie bei anderen Dating-Sendungen. Man beobachtet einfach nur zwei Personen dabei, wie sie sich allmählich kennenlernen – ob queer oder nicht, ob jung oder alt. Das wirkt erfrischend echt. Zum Beispiel, wenn Witwer Leonard über den Tod seiner Frau spricht oder die lesbische Mila über die unbeabsichtigten Klischee-Sprüche ihrer Dates lacht.