Bild: Getty Images / Scott Olson

Jetzt kondolieren sie wieder alle. Auf Facebook und Twitter, auf Instagram und anderen Plattformen. Millionen Menschen, denen Prince und seine Songs etwas bedeutet haben, posten Erinnerungen, Fotos und Eindrücke von Konzerten, es ist ein weltumspannendes Trauerzeremoniell, und es ist sehr berührend.

Anders als zuletzt bei David Bowie, Lemmy Kilmister oder Glenn Frey, muss sich die Internetgemeinde jedoch um einiges einfallsreicher zeigen, ihre elektronische Aufwartung zu machen, denn es gibt kaum Bilder, Videos oder auch nur Songs, die man teilen könnte.

Einer der größten Pop-Künstler und Musikpioniere der letzten 30 Jahre ist nahezu unsichtbar im Netz. Dafür hat er selbst gesorgt.

Der Kampf um die Kontrolle über sein Werk war Prince immer mindestens genauso wichtig wie sein musikalischer Output und der Schutz seines Privatlebens.

Seine Kämpfe mit und gegen Plattenfirmen, YouTube, Ebay, Pirate Bay, ja selbst gegen seine Fans sind so legendär wie widersprüchlich - und sie brachten dem einst bewunderten Pop-Genie den Ruf ein, verschroben zu sein, ein Kontrollfreak, der das Internet vor sechs Jahren spektakulär für "completely over" erklärte, nachdem er sämtliche Musik, Video-Aufnahmen und Fotografien, die seinem Copyright unterlagen, aus dem Verkehr gezogen hatte.

2007, drei Jahre zuvor, hatte er den Song "PFunk" veröffentlicht, eine musikalische Schmähung seiner treuesten Fans, die sich gegen die Verknappungspolitik ihres Idols zu der Fanclub-Vereinigung Prince Fans United zusammengeschlossen hatte.

Eine Zeile in der siebenminütigen Funk-Tirade lautete:

The only reason you say my name is to get your 15 seconds of fame
Prince

Es war, als hätte Prince die heute üblichen Facebook-Kondolenzen, die ja auch oft als eitle Selbstdarstellung kritisiert werden, damals schon antizipiert.

So anstrengend die Kapriolen des Künstlers Prince für alle waren, die eigentlich nur sein Werk feiern wollten, weil sie ihn liebten und verehrten, so wichtig erscheint im Nachhinein sein Mühen um einen angemessenen Umgang mit Rechten im Zeitalter der Umsonstkultur.

Wie schafft man es, Leben und Kunst zu finanzieren, während gleichzeitig Plattenverkäufe weltweit schrumpfen und die Erlöse aus dem populären Internet-Streaming gerade mal für eine Tasse Kaffee reichen? Eine Frage, die sich aktuell viele Musiker, vor allem Newcomer, stellen.

Prince stellte sie bereits Anfang der Neunziger, als er sich spektakulär mit seinem Label Warner anlegte.

"Slave", Sklave, schrieb er sich damals auf die Wange, und wollte damit öffentlich anprangern, wie sehr er sich von der Plattenfirma unterworfen fühlte. Noch 2015, als er bei Jay-Zs künstlerkontrolliertem Streamingdienst Tidal eine letzte Heimat fand, brachte er diese Haltung erneut zum Ausdruck: "Plattenverträge sind wie Sklaverei", sagte er anlässlich seines Albums "HitNRun" - und riet jungen Künstlern davon ab, sich in die Hände eines Labels zu begeben.

Aus der Sicht von Warner Bros. mag das spektakuläre Aufbäumen eines ihrer größten Künstler damals wie ein sehr unfairer Affront gewirkt haben, denn immerhin hatte die Plattenfirma dem unangepassten Prince, der 1978 antrat, Funk und Rock in eine neue Art von Pop zu überführen, jahrelang die Stange gehalten. Heute ist es selten, dass ein Label einen Künstler über mehrere erfolglose Alben hinweg hält, allein aus dem Glauben an sein Potential.

Vier Jahre und genauso viele Alben dauerte es, bis Prince 1982 mit "1999" endlich einen Hit landete, wiederum zwei Jahre später war eine vielkopierte Stil-Ikone und hatte mit "Purple Rain" einen modernen Klassiker geschaffen. Für Warner war die Rechnung aufgegangen.

Als der neue Superstar seine Vertragskonditionen neu verhandeln wollte, fair enough, ließ ihn die Plattenfirma sein eigenes Label gründen. Bei Paisley Park Records erschienen, via Vertriebsdeal mit Warner, nicht nur seine eigenen Alben, er konnte darüber hinaus auch eigene Künstler unter Vertrag nehmen, darunter Sheila E. und den Funk-Veteran George Clinton.

Doch Prince war nicht zufrieden. Es störte ihn, dass die Rechte an seinem Namen bei Warner lagen und die Firma mit seiner Musik machen konnte, was sie wollte. "Prince", empfand er, das war nicht mehr sein eigener Name, also wurde er erst zu "Slave", dann zu "Symbol" oder "Love Symbol", schließlich zu " T he A rtist F ormerly K nown A s P rince" - Tafkap.

Es wurde unübersichtlich. Auch musikalisch, denn Prince schaffte es nicht, sich aus seinem Vertrag mit Warner zu lösen und erfüllte seine Verpflichtungen mit offenkundigem Widerwillen und Verachtung, indem er Alben wie "Come" oder "The Gold Experience" mit Archivmaterial bestückte, und so medioker klangen sie dann auch.

Ab 1996 heuerte Prince dann mit seinem neuen, eigenen Label NPG (New Power Generation) mal bei EMI an ("Emancipation"), mal bei Arista ("Rave Un2 the Joy Fantastic"), Redline Entertainment ("The Rainbow Children"), MP Media ("N.E.W.S."), Columbia ("Musicology") oder Universal ("3121").

Nebenbei erschienen via NPG Music Club, der später LOtUSFLOW3R hieß (heute www.princevault.com ), auch noch diverse Alben (unter anderem das Triple-Album "Crystal Ball") in Eigenregie, für die man den Preis teilweise selbst bestimmen konnte.

Wenn Prince, obwohl er hart gegen Piraterie und Bootlegging vorging, war nie ein Feind des Internets, im Gegenteil: Seine mehr oder minder erfolgreichen Experimente, das Netz als Selbstvermarktungsplattform zu nutzen, müssen als Pionierarbeit bewertet werden. Sie inspirierten Bands wie Radiohead und letztlich auch aktuelle Stars wie Rihanna oder Kanye West, ebenfalls auf traditionelle Vertriebsformen zu verzichten.

Auch mit dem Verschenken von Musik hatte Prince kein Problem: 2007 kam es zum Zerwürfnis mit Columbia, weil er beschlossen hatte, sein Album "Planet Earth" in Großbritannien der Zeitung "Mail on Sunday" beilegen zu lassen, tausendfach und gratis. Er hatte nur leider seinem Label nichts davon gesagt. Ähnlich praktizierte es Prince 2010 mit dem Album "20Ten".

Mit "Art Official Age" und "Plectrum Electrum", die zeitgleich erschienen, kehrte Prince dann 2014 sogar kurzfristig zu Warner zurück. Voraussetzung für die temporäre Versöhnung war die zuvor erlangte Einigung, dass Prince von Warner die Rechte und Masterbänder seiner Achtzigerjahre-Erfolgsalben zurückbekam.

Ende gut, alles gut? Nicht ganz, denn unter den juristischen Querelen der Neunzigerjahre litt nicht nur das Image von Prince, er konnte auch künstlerisch nie wieder an seinen langen Erfolgslauf von "1999" (1982) bis "Love Symbol" (1992) anknüpfen. Angesichts einiger dann doch arg vergniedelten und verdudelten Alben (man erinnere "Chaos And Disorder", "MPLSound" oder "Planet Earth"), wäre die kuratierende Hand einer Plattenfirma vielleicht doch ganz hilfreich gewesen.

Andererseits liegt genau in dem Anarchischen, dem Ungefilterten und der Freiheit des Princeschen Outputs sein Charme. So war man dem künstlerischen Prozess dieses radikal-irrationalen Genies, Höhen, Tiefen, Irres und Abseitiges inklusive, stets ganz nah. Näher, als man ihm durch ein auf Facebook gepostetes Video oder Foto je kommen könnte.

Dieser Beitrag ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.


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