Wir lernen die 70 – 20 – 10 Regel und gruseln uns vor der Gema.

Brauchen Künstler Social Media, um erfolgreich zu sein? Wir sind auf der Operation Ton, einem Festival in Hamburg für Musiker und drumherum. Ein bisschen die Musik Community zusammenbringen, ein bisschen Workshop, ein bisschen Weirdness propagieren, später Fragen zur Gema-Mitgliedschaft und dazwischen Tipps und Tricks für den ersten Instagram Post. Das ist die Operation Ton.

Operation Ton

Musiker und Social Media, darum geht es im Workshop von Andreas Gutjahr. Wie hält man seine Fans bei Laune zu? Was postet man besser nicht? "Wenn du nicht weißt, was du sagen willst, brauchst du dir auch kein Konto einrichten", so Gutjahr. Das Motto lautet: Zuerst die Story, dann der Social Media Kanal. Der selbsternannte "supergeile PR-Manager" beantwortet die Fragen des Publikums. Also von Männern um die 45 und vier Frauen.

Die Hauptsorge der Zuhörer: Frisst das nicht Zeit? Und wofür soll das eigentlich gut sein? Nun. Eine Community baut sich nicht von selbst. Wichtig ist vor allem die 70 – 20 – 10 Regel, sagt Gutjahr. 70 Prozent der Zeit und Postings sollen von den Künstlern in der Absicht verfasst werden den Fans einen gewissen Mehrwert zu liefern und die Marke aufzubauen. 20 Prozent der Beiträge sollen die Ideen von anderen umfassen. 10 Prozent ist Self-Promotion. Also das, was man morgens aus dem Badezimmer postet.

Sonst hört man das Übliche. WhatsApp ist gefährlich und überhaupt sollte man nichts versenden, was man nicht auf einem anderen Handy gespeichert wissen möchte. Das Internet ist für manchen Musiker eben auch 2015 vor allem eines: Neuland.

Operation Not
Wer über Musik sprechen will, kommt nicht an der Gema vorbei.

Aus dem nach Bier und Zigaretten riechenden Keller des Klubs Kleiner Donner zwei Treppen hoch. Neuer Raum, neuer Workshop. Hier steht Toni Malter vom Futureworld Magazin. Er hält weniger einen Vortrag, sondern beantwortet endlos viele Fragen von Musikkomponisten, Writern und einem Rapper. Sie wollen vor allem eines wissen: Ab wann muss man irgendwas bei der Gema melden und warum eigentlich wer wie – was war nochmal die Frage?

Toni kann zwar wirklich jede einzelne Unklarheit zur Gema beantworten, allerdings gleicht sein Vortrag dadurch eher einem Jura-Seminar zu Urheberrecht. Was man hier hauptsächlich mitnimmt: Rammstein und Fettes Brot sind nicht bei der Gema und Tocotronic wollen ihren Song in keiner Werbesendung von O2 hören.

Die Op-Ton ist nicht nur Konferenz und Workshop, sondern auch Musikfestival. Ab 20 Uhr wird die Power-Point-Präsentation geschlossen und die Fritzkola gegen Astra eingetauscht. Auf dem Podium steht dann der Berliner Rapper Fatoni, der mit seinem neuen Album "Yo!Picasso" ziemlich das fresheste Rapp-Stück im Spätjahr 2015 zustande gebracht hat.

Am Samstag gibt es einen Workshop zu Songwriting und Textarbeit von Tobias Reiz, Visuelle Kunst mit Rio Grande und einen Democheck, bei dem man vor Ort Feedback für seine Sets einholen kann. Die Operation Ton läuft.

Vor Ort in Hamburg: @zwanzig_etwas und @nottmarius. Sagt Hi!
Update: Friedrich Lichtenstein und Dieter Meier

Nach GEMA-Talk und Social Media-Einschulung findet die Eröffnung des offiziellen Parts der Operation Ton statt. Der Saal im ersten Stock ist voll besetzt, auf der Bühne begrüßt Cosmic DJ mit einer hastigen Moderation das Publikum, die Kultursenatorin und dann die beiden grauhaarigen Supertypen Friedrich Liechtenstein und Dieter Meier.

Beides sind lebendige Kunstwerke. Sie schaffen es, Humor philosophisch aufzuarbeiten, in wenige Worte zu fassen und dann der Welt auf der billigen Papierserviette als Gruß aus der Sterneküche zu präsentieren – und die Welt liebt sie dafür.

Jedenfalls das Publikum auf der Operation Ton, denn während die beiden Eminenzen der Popkultur auf der Bühne bessere Unterhaltung liefern als sechs Staffeln „Verstehen Sie Spaß“, vergöttert sie das Publikum von Minute zu Minute zu Minute mehr. Sehr, sehr geil.
Die Jodlerin aus der Steiermark

Um ein möglich stereotypes Bild Österreichs zu zeichnen, hat man eine Jodlerin aus der Steiermark eingeladen: Ingrid Hammer. Auch hier gilt dasselbe Prinzip wie für jeden Hype, in Berlin kennt man ihn zuerst. Dort residiert die Meisterin der Jodelkunst seit 2007, um ihre Bewohner von dem hinterwälderlischen Charme des obertonreichen Gesangs zu überzeugen.

Naja, nicht für jedermann, aber eine nette und vor allem sehr bodenständige Abwechslung zum bevorstehenden Abendprogramm. Man merkt recht deutlich: Die Macher und Macherinnen haben sich Mühe gegeben, mit diesem Projekt. Um Musik „neu und anders zu malen“, sind 48 Stunden vermutlich zu kurz.