Bild: © Stefan Braunbarth
OK KID über das Musikmachen in der Leistungsgesellschaft

Zwei Finger auf dem Cover, Frieden oder Mittelfinger? OK KID haben am Freitag ein neues Album herausgebracht, auf dem sie sich mit Fragen der politischen Haltung auseinandersetzen.

"Zwei" lautet auch der Name der Platte, auf der sich die drei Musiker aus Köln mit den Strukturen unserer Gesellschaft beschäftigen, ohne dabei in Selbstmitleid zu versinken. Wir haben Jonas, Moritz und Raffael in Berlin zum Interview getroffen, um über Glück und Arbeit zu sprechen. Und was es eigentlich bedeutet, in der deutschen Gesellschaft "etwas geworden" zu sein.

"Nie wieder Februar", "Gute Menschen" oder "Bombay Calling". Eure Texte handeln oft von gesellschaftlichen Problemen und emotionaler Kapitulation. Das macht nur bedingt gute Laune. Muss das sein?

Jonas: Musik muss ja nicht nur freudige Unterhaltung sein, oder? Ich stelle an Musik nicht den Anspruch, dass sie zum lustigen Tanztee einlädt – da steckt schon mehr dahinter.

Moritz: Musik soll den Menschen etwas geben, sie zufriedenstellen, Stimmungen auslösen.

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Mit der Zeile "Ich mach mit dem Werden Schluss" stellt ihr einen Appell an die Leistungsgesellschaft. Warum?

Jonas: Weil dich der Leistungsdruck verrückt machen kann. Unser Leistungsdruck basiert darauf, für uns Musik zu machen, damit können wir sehr gut leben. Die Zeile hat tatsächlich etwas Positives, indem sie suggeriert: Ich bin einfach extrem zufrieden, wie es gerade ist. Ich muss gar nicht mehr nach den Sternen greifen, es ist jetzt gut.

Es ist wichtig, dass man mit dem Jetzt klarkommt und nicht immer an die Zukunft oder das gestern denkt.
Jonas

Raffael: Die Leistungsgesellschaft beruht auf dem Vergleich. Meistens ist es ja so, dass Leute unglücklich werden, wenn sie sich vergleichen. Man vergleicht immer nach oben. Vielleicht ist das die Message des Songs, dass der Vergleich gar nicht sein muss – wenn man selbst zufrieden mit dem ist, was man tut.

Moritz: In gewisser Weise treibt einen der Leistungsdruck ja auch an und führt dazu, dass man Dinge tut. Wichtig ist, dass man einen gesunden Blickwinkel darauf hat und sich trotzdem locker macht.

Hattet ihr selbst jemals eine Festanstellung? So einen richtig geregelten Job?

Raffael: Einen geregelten Job schon, aber keine Festanstellung.
Jonas: Ich war zwei Jahre Angestellter.
Moritz: Nein.

Habt ihr euch konkret gegen dieses Leben und für die Musik entschieden?

Moritz: Es kam schleichend, wir machen das ja schon seit zehn Jahren. Es ging immer einen Schritt weiter, irgendwann kommt man zum Moment, wo man sein Dasein professionalisiert und davon lebt. Dazu muss man sich bewusst entscheiden.

(Bild: Bianca Xenia Mayer)

Jonas: Ich habe von Anfang an gewusst, dass ich ein freiheitsliebender Mensch bin und Sachen machen möchte, auf die ich Lust habe. Wenn du in einem Angestelltenverhältnis bist, nutzt du deine Ressourcen für jemand anderes, der dadurch mehr profitiert als du selbst. Die größte Zeit deines Lebens musst du dich diesen Strukturen anpassen und im Namen anderer handeln.

Das kann doch nicht der Sinn des Lebens sein? Jeden Morgen zur Arbeit fahren und wieder zurück.
Jonas

Raffael: Ich kenne niemanden, der sagt: "Ich hab viel Freizeit, mir geht es gut. Ich freu mich jeden Tag, wenn ich aufstehe." Hören tu ich eigentlich immer nur: "Boah eh, der Job ist scheiße, ich arbeite viel zu viel und freu mich schon auf den Urlaub. Der ist dann in einem halben Jahr." Ich habe immer schon versucht, mich dagegen zu wehren. Es ist viel Glück und Arbeit dabei gewesen, um heute so frei sein zu können.

Künstler zu sein, das ist schon ein wahnsinniges Privileg. Nicht jeder bekommt dazu die Möglichkeit.

Moritz: Das sollte jetzt nicht wie eine Ode an die Selbstständigkeit klingen. Ich denke, dass es für viele genau richtig ist, eine Festanstellung zu haben. Ich höre immer wieder, wie gerne jemand ein Café aufmachen und sich selbstständig machen würde. Dabei sind das dann vielleicht gar nicht die Leute, die das erfolgreich machen könnten. Das führt genauso zur Unzufriedenheit.

Womit muss man als Selbstständiger leben können?
(Bild: Bianca Xenia Mayer)

Raffael: Du musst doppelt so viel arbeiten und bekommst halb so viel Geld. Freunde, die geregelt arbeiten gehen und sich dann darüber beschweren, dass sie lieber “etwas anderes” gemacht hätten, regen mich auf. Dann sag ich: “Mach doch!” Dann glucksen die herum. Unzufrieden sind die, die nicht das Richtige gefunden haben. Die, die das geil finden, womit sie sich jeden Tag beschäftigen, kommen auch gut mit einer Festanstellung klar.

Was wolltet ihr werden, als ihr klein wart?

Raffael: Tierfilmer
Jonas: Skateboard Profi
Moritz: Busfahrer, zumindest in der Grundschule.

Seid ihr trotz eurer heutigen Freiheit "etwas geworden", in der deutschen Gesellschaft?

Raffael: Meine Oma würde das schon sagen. Seit ich ihr erklärt habe, was ich als Musiker mache, findet sie das richtig cool.

Moritz: Ich guck da gar nicht so drauf, ob man was ist – wir befinden uns in einem Prozess, die bestmögliche Musik zu machen. Ob ich etwas geworden bin? Darauf guck ich mit 70, 80 drauf.

Das Schwerste, am Künstlerdasein?

Jonas: Man muss sich darauf einstellen, dass der Kopf niemals aufhört zu arbeiten. Auf der einen Seite ist die Musik deine Existenz, auf der anderen Seite dein Job. Zum Glück können wir das machen, was uns ohnehin Spaß macht.

Auf ein Café, an das ich Tag und Nacht denken muss, für das ich Konzepte schreiben muss und Business-Pläne, hätte ich gar keine Lust.
Jonas

Da muss man ja noch mehr machen, als in einem normalen Job – und hat im Zweifelsfall weniger Bock. Das sollte man sich gut überlegen.

Wie würdet ihr einem Geflüchteten die deutsche Leistungsgesellschaft erklären?

Jonas: Das hängt sehr davon ab, wo man in Deutschland wohnt. Strukturen, wie es sie in Berlin gibt, muss man wohl nicht groß erklären. Anders ist es im Dorf. Ich würde ihn davon überzeugen, dass all das, was man hört – wie die Deutschen scheinbar sind – nur bedingt stimmt, weil das immer davon abhängt, welche Leute du kennenlernst. Unser Freundeskreis besteht aus Menschen, die sich weniger durch materielle Güter und typisch deutsche Tugenden definieren. Ich kenn die auch gar nicht, diese deutschen Tugenden.

Was ist eine deutsche Tugend?

Alle: Fleißig sein. Schaffe, schaffe, Häusle baue. Pünktlichkeit, geordnet leben. Angst haben.

Jonas: Angst, dass einem das, was man sich aufgebaut hat, wieder genommen wird. Dann lieber Sachen horten, sparen. Aufpassen, dass man nicht über die Stränge schlägt und schön angepasst ein kleinbürgerliches Leben führt. Ich glaube, dass angesichts von Flüchtlings- und Finanzkrisen Menschen genau deshalb Angst bekommen. Weil sie glauben, dass ihnen etwas genommen wird. Auch Angst vor Veränderung ist etwas typisch Deutsches. Natürlich wird sich Deutschland in den nächsten 20, 30 Jahren verändern, es wird ein anderes Deutschland sein.

Dreh mal lauter


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Drei Echos, eine Beichte und viel Popcorn: die Morgen-News
Drei Echos für Joris

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Nur Helene "Atemlos" Fischer übertrumpfte Joris bei der Verleihung am Donnerstagabend mit vier Echos. Umstritten ist der Gewinn der Deutschrock-Band Frei.Wild in der Sparte Rock/Alternative National. Seit Jahren wird darüber gestritten, ob und wie rechts die Band ist.