Bild: Imago/ Montage: bento
Es ist nicht Michael Jacksons Familie.

Am Samstag sahen 1,19 Millionen deutsche Zuschauer "Leaving Neverland". Ich war einer von ihnen.

In der 236 Minuten langen HBO-Dokumentation berichten der Schauspieler James Safechuck und der Choreograf Wade Robson aus ihrer Kindheit. Sie beschuldigen Musik-Superstar Michael Jackson des mehrfachen Missbrauchs

In eindrücklichen Gesprächen mit Familienmitgliedern und Weggefährten wird bis ins kleinste Detail geschildert wie perfide der "King of Pop" Kinder und deren Familien dazu gebracht haben soll, ihm zu vertrauen. Es gibt vereinzelt Kritik an dem Film, vor allem hat er aber eine große Debatte zu Michael Jacksons Erbe ausgelöst. (Spiegel Online

Nach der Doku war ich geschockt.

Ich bin mit der Musik von Michael Jackson aufgewachsen und konnte noch nie still stehen, wenn irgendwo "Beat It" oder "They Don't Care About Us" lief. Glück, der Impuls sich zu bewegen - Jacksons Lieder zauberten mir immer ein Lächeln auf die Lippen. 

Obwohl ich im Vorfeld der Dokumentation ungefähr wusste, was mich erwartet, wollte ich trotzdem nicht glauben, dass sich das irgendwann einmal ändert. Was Safechuck und Robson jedoch über die vermeintlichen Übergriffe und bizarren Vorlieben Jacksons erzählten, hat mein Verhältnis zu ihm und seiner Musik wohl für immer geändert – obwohl Michael Jackson 2005 in einem Prozess der mehrfachen Kindesmisshandlung in allen Anklagepunkten freigesprochen wurde

Und trotzdem wird es schwer werden, die Geschichte jemals gänzlich aufzuklären – Michael Jackson kann nichts mehr gestehen, beweisen lassen sich die Taten wahrscheinlich nie. Außerdem gibt es mit Macauley Culkin und Brett Barnes zwei weitere angebliche Missbrauchsopfer, die in den Prozessen zu Gunsten Jacksons aussagten und diese Aussage bis heute nicht revidiert haben. 

So stehen einem rechtskräftigen Urteil am Ende die medial aufbereiteten Aussagen von Safechuck und Robson gegenüber – die beide in der Vergangenheit auch schon pro Jackson aussagten. 

Die Doku hat mein Bild von Michael Jackson geändert - aber wem ich glauben soll, weiß ich trotzdem nicht. Denn mir ist bewusst, wie schwierig es ist, wenn Journalisten mit der Öffentlichkeit die Rolle eines Richters einnehmen. Jemanden ohne Prozess verurteilen. Die Rolle der Anklage einnehmen. (SPIEGEL ONLINE)

Deshalb war ich fast froh zu hören, dass Jacksons Familie eine "Gegen-Doku" veröffentlicht haben soll.

"Neverland Firsthand" sollte eine Gegendarstellung zu "Leaving Neverland" sein. (Rolling Stone, Vanity Fair, People) Ich hoffte auf neue Fakten, die mir helfen würden, die Geschichte besser zu verstehen.

Aber "Neverland Firsthand" ist nicht, was ich erwartet habe. Kein Wunder: 

In "Neverland Firsthand" versucht der 23-Jährige Neuseeländer Liam McEwan – der als Interviewer von Prominenten bekannt wurde – die Anschuldigungen aus der "Leaving Neverland"-Doku zu entkräften. 

Zu Wort kommen Michaels Neffe Taj Jackson und seine Nichte, Brandi.  Letztere soll von ihrem neunten bis siebzehnten Lebensjahr eine Beziehung mit Robson gehabt haben. Jacksons Nichte erzählt in "Neverland Firsthand" davon, wie ihr Onkel die damals Neunjährigen zusammen gebracht haben soll:

„"Er (Robson) erzählt, dass mein Onkel (Jackson) ihn von Frauen fernhalten wollte. Aber er verkuppelte uns ja sogar."“
Brandi Jackson

Die Beziehung soll später daran zerbrochen sein, dass Robson sie mit Britney Spears betrogen hat. 

Außerdem behandelt der Film die Tatsache, dass Robson beim Prozess im Jahre 2005 zu Gunsten von Michael Jackson ausgesagt hat und ihn damals von allen Vorwürfen entlastete. Diesem Prozess wird auch in "Leaving Neverland" ein großer Part gewidmet. Robson berichtet hier von Druck durch Jackson und seine Anwälte und erklärt, dass er aus Angst gelogen habe.

In den letzten drei Minuten soll auch Safechucks Geschichte entkräftet werden. Dazu werden Passagen aus dem 1997 erschienenen Buch "Michael Jackson Was My Lover" vom chilenischen Autor Victor Gutierez mit den Aussagen aus der Klage Safechucks verglichen. Er zitiert dazu Sätze wie "Michael war eifersüchtig, wenn ich erzählte, dass ich auf andere Frauen stehe", und "Michael zwang mich, Alkohol zu trinken", aus dem Buch und vergleicht sie mit ähnlichen Aussagen Safechucks aus der Anklage. 

Am Ende sagt McEwan selbst, dass er eigentlich nichts beweisen kann:

„Offensichtlich ist dies alles nur eine Vermutung. Trotzdem wird das Ganze von Tag zu Tag wilder.“

Ist das aber die "Antwort der Familie Jackson" auf die schockierende "Leaving Neverland" - Dokumentation? Nicht wirklich. 

Sondern nur eine von mehreren Gelegenheiten, die sowohl Taj als auch Brandi nutzten, um sich gegen die HBO-Dokumentation zu positionieren. Das stellt sogar McEwan selbst auf Twitter klar: 

Allerdings ist es durchaus möglich, dass die Gegendarstellung, mit der ich gerechnet hatte, noch erscheint: 

Vor kurzem kündigte Taj Jackson an, eine 777 000 Dollar teure Dokumentations-Serie über seinen Onkel anstoßen zu wollen, um "die Wahrheit ans Licht" zu bringen. (Billboard

Sollte dieser Plan in die Tat umgesetzt werden, dürfte die Dokumentation mit größeren Geschützen auffahren als "Neverland Firsthand".

*Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels las es sich, als handele es sich bei "Neverland Firsthand" um eine Antwort der Familie Jackson. Wir haben ihn deshalb überarbeitet und bitten, den Fehler zu entschuldigen.


Haha

Deutscher "Humor": Wozu falsche Satzzeichen führen können

Die deutsche Sprache ist kompliziert und wahnsinnig kleinlich. Allein das Wort "Bitte" kann unterschiedliche Bedeutungen haben. Wir können damit eine Frage zum Verständnis stellen ("Bitte?"), jemanden darum bitten, mit einer Sache fortzufahren ("Bitte!") oder eben auch einfach sagen, dass etwas ganz und gar nicht geht, und mit einem einzigen Wort dabei absolute Verachtung ausdrücken ("Bitte."). 

Ein falsches Komma oder ein Fehler in der Groß- und Kleinschreibung, können den Sinn eines Satzes komplett verändern. Ein klassischer Witz dazu:

“Komm, wir essen, Opa.”

“Komm, wir essen Opa.”

Das Weglassen eines Kommas macht eine nette Aufforderung zu einer kannibalistischen Aufforderung – und erzeugt ein unangenehmes Gefühl

Ähnlich verhält es sich bei Anführungszeichen.

Sie werden in der deutschen Sprache normalerweise verwendet, um direkte Rede, Zitate oder Titel wiederzugeben. Oder aber um ironische Äußerungen zu markieren. Ein Beispiel: Wer einen nicht ganz so lustigen Witz gemacht hat, hat einen "Witz" gemacht. Also einen Witz, der eigentlich keiner war. Besonders seltsam wird es allerdings, wenn vermeintlich ironische Anführungszeichen nicht ganz korrekt verwendet werden. Diese Fälle sammelt der 29-jährige Hans Rusinek auf dem Instagram-Account @awkward_anfuehrungszeichen. Nutzerinnen und Nutzer schicken ihm Fotos von den seltsamen Satzzeichen, er veröffentlicht sie anschließend. 

Während "awkward" im Deutschen häufig mit "peinlich" oder "seltsam" übersetzt wird, ist damit eigentlich eine Mischung aus Gefühlen gemeint, bei denen wir uns innerlich schütteln müssen, wenn wir daran zurückdenken. Man schämt sich ein bisschen, muss aber vielleicht auch darüber lachen. Zwei Beispiele:

  • Du triffst eine alte Bekannte, bei der Begrüßung schwankt ihr mehrere Sekunden zwischen Umarmung und Händeschütteln. Awkward.
  • Du siehst bei “Goodbye Deutschland”, wie Michael Wendler (48) mit seiner neuen Freundin (18) am Strand turtelt. Awkward.

Ein ähnlich komisches Gefühl rufen die nicht ganz korrekt verwendeten Anführungszeichen auf Hans' Account hervor. 

Dort sehen wir zum Beispiel einen Hinweis aus einem Baumarkt: Bei Unwissen kann ein Kollege dazugeholt werden, der "helfen" kann. 

Als Betrachterin lassen einen diese Anführungszeichen ratlos zurück: Kann der Kollege nun helfen? Oder nicht? Und schwankt da eigentlich etwas Zweideutiges mit?