Bild: Philipp Gladsome

Was erfährt man über Deutsche zwischen 18 und 28 Jahren, wenn man sich durch 523 Songs eines Rap-Wettbewerbs hört? Und passen diese Schlüsse zur deutschen Rap-Realität? Nachdem ich mir als Teil der Raptags-Jury alle eingereichten Tracks angehört habe, sind mir die folgenden fünf Punkte aufgefallen:


Die Sache mit dem Geschlecht

Unter den 523 Songs befanden sich gefühlt drei Songs von Frauen. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob nicht einer von den drei Songs vielleicht doch von einem Mann war.

Check: Im Vergleich zu Männern gibt es extrem wenig rappende Frauen. Diejenigen mit Erfolg, Reichweite und Relevanz sind dann sogar noch rarer gesät. Es scheint aktuell nur zwei Rapperinnen zu geben, die tatsächlich viele Rap-Fans auch kennen. Namika im Popmusik-Sektor. Und Schwester Ewa für die Straße. Die Gründe für dieses Phänomen zu erforschen, dürfte sehr spannend sein.


Die Sache mit der Traurigkeit

Deutschlands jungen Erwachsenen sind sehr, wirklich sehr sehr, traurig. Gefühlt die Hälfte aller Einsendungen sind vor Trauer triefende Geigen und Klavier-Schmachtfetzen. Meist geht es um die verflossene Liebe. Um zumindest etwas Rest-Entertainment für mich aus den dramatischen Ex-Partner-Trauerliedern zu ziehen, versuche ich mir immer die Reaktionen der Ex-Freundinnen auf solche Lieder vorzustellen. Comedy Gold.

Check: Was Rap-Musik angeht ist zum Glück nicht 50 Prozent der veröffentlichten Musik so eine Trauerveranstaltung. Ansonsten würde ich mir wohl auch ein anderes Genre suchen. Schlager oder so. Und wenn schon Trauer, dann mit Stil wie bei Audio88 & Yassin:


Die Sache mit dem Ticken

18- bis 28-Jährige in Deutschland wissen ziemlich genau Bescheid, wann Drogen auf Kommi klar gehen und wann nicht. Und auch wenn der Begriff "Kommi" von "Kommissionsverkauf" abstammt, kann man davon ausgehen, dass die meisten diesen Begriff nicht in einem legalen Handelsunternehmen erlernt haben.

Check: Gangsta-Rap ist nach wie vor sehr stark in Deutschland. Und solange sich an den sozialen Verhältnissen nicht viel ändert, dürfte das auch noch lange so bleiben. Eine Runde Bubba Kush für alle:


Die Sache mit den Skills

Der Durchschnitt kann auf stabil gutem Niveau rappen und flowen. Wenn aber alle etwas ganz gut können, wer ist dann noch etwas Besonderes? Wer ist dann der Beste? Wer ist dann nicht durchschnittlich?

Check: Als Beispiel könnte ich jetzt hier die 523 Songs posten. Wie nicht durchschnittlicher Rap geht, zeigen Megaloh, Chefket & Amewu.


Die Sache mit der Politik

Junge Menschen in Deutschland interessieren sich anscheinend nicht für Politik. Bis auf ein paar Zeilen gab es so gut wie kein direkt politisches Lied unter 523 Einsendungen. Es scheinen eher die persönlichen Befindlichkeiten in Sachen Liebe im Vordergrund zu stehen. Oder eben das Thema "Geld machen". Politische oder gesellschaftliche Hintergründe, die zur eigenen Situation führten, stehen nicht im Fokus.

Check: Ich glaube nicht, dass 18- bis 28-Jährige unpolitisch sind. Wenn man sie fragt, haben sie zu allen politischen Themen eine Meinung. Aber offensichtlich ist es schon seit langem nicht cool, aus seiner politischen Meinung Musik zu machen. Und wenn solche Themen einmal angesprochen werden, dann liegt leider häufig der Aluhut auf der Ablage. Wenn politischer Rap auf Deutsch, dann richtig - so wie bei Zugezogen Maskulin:

Falk Schacht * #Raptags

Falk Schacht hat als Jury-Mitglied bei #Raptags mitgewirkt. Bei dem von Chapter ONE/Universal Records und Spinnup veranstalteten Wettbewerb konnte jeder mitmachen, der irgendwie meint, rappen zu können. Dem Gewinner winkt ein Plattenvertrag bei Chapter ONE.