Vor zwanzig Jahren verpasste unser Autor seine Chance, ein Instrument zu lernen.

"Our", "House", "in", "the", "mi","ddle" "of our street". Nach knapp einer Stunde Üben höre ich eine vertraute Melodie, mit meiner eigenen, rechten Hand gespielt. Gleich nochmal: "Da", "da", "da-da-da-da-da-da-da". Zelebrieren muss ich diesen Moment ganz alleine. Außer mir hat meine leicht stockende Interpretation des alten Ohrwurms von "Madness" keiner gehört.

Stattdessen ist das schwarze E-Piano, auf dem ich spiele, mit einem Notebook verbunden, auf dem Skoove läuft. Das gleichnamige Berliner Start-Up verspricht, mir Klavierspielen über das Internet beizubringen – ohne Lehrer, erst mal ohne Kosten und vor allem, nach eigenem Zeitplan. Das Programm gibt mir Tonleitern und Melodien vor, erkennt, welche Tasten ich in welchem Takt drücke und korrigiert mich, wenn nötig.

Wie Skoove gibt es inzwischen einige Musiklehrer aus dem Internet: Uberchord bietet dasselbe für die Gitarre, Flowkey konkurriert mit Skoove um Klaviervirtuosen in spe. Der Chef von Skoove, Florian Plenge, versichert mir, die meisten Nutzer seien zwischen 20 und 40 wie ich, darunter auch blutige Anfänger – wie ich. Außerdem lese ich, dass Plenges "Director of Instrumental Teaching" bei Paul McCartney studiert hat (SPIEGEL ONLINE), was mich ja quasi irgendwie zu einem musikalischen Enkel meines Lieblings-Beatles macht.

Fotostrecke: So funktioniert Skoove
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Und Klavier muss es eh sein. Mit dem habe ich nämlich noch eine Rechnung offen. Dass ich um mein Schicksal als Meisterpianist betrogen wurde, ist eine der Legenden, die ich über die Jahre in meinem Kopf gestrickt habe.

Als ich ein Kleinkind war, begann meine fünf Jahre ältere Schwester, Klavier zu lernen. Einmal pro Woche mussten wir unser Spielzimmer räumen, damit sie mit ihrem Lehrer – in meiner Erinnerung ein braves, Cordanzug-tragendes Schwiegersöhnchen – Bachsonaten einüben konnte. Sie hatte Talent, bald buchten meine Eltern auch Stunden für meine beiden älteren Brüder, dann wäre ich drangewesen.

Klavier, wir sind noch nicht fertig miteinander.

Wenige Monate trennten mich da noch vom Auftakt zu meiner quasi unausweichlichen Pianistenkarriere. Und zwei Brüder, die den Klavierlehrer mit ihrer Lustlosigkeit in die Verzweiflung trieben. Die in der Vorwoche aufgetragenen Übungen hatten sie selten erledigt. Wenn der Lehrer kam, saßen sie mit genervtem Blick auf dem Holzschemel und drückten die Tasten, die er ihnen vorgab. Eine nach der anderen. Nach wenigen Monaten kapitulierte der Arme und verzichtete freiwillig auf die 20 Mark, die er pro abgesessener Stunde bekam.

Bei mir versuchten es meine Eltern gar nicht erst – und ich war ehrlicherweise ganz froh über die gewonnene Freizeit. Erst Jahre später bereute ich meine Faulheit bitterlich: Meine Freunde tourten mit ihren Bands, auf Volksfesten schaute ich von der Tanzfläche zu ihnen auf. Ich musste mich derweil von meinem besten Freund und Theaterkollegen vor versammelter Gruppe als "Rhythmuslegastheniker" verspotten lassen.

Klavier, wir sind noch nicht fertig miteinander.

Im Weihnachtsurlaub schließe ich das Piano erstmals an den Computer, ironischerweise direkt neben dem Zimmer, in dem meine Geschwister vor mehr als zwanzig Jahren auch Klavier lernten (oder eben nicht). Das Programm spielt mir langsam eine Tonfolge vor. Ein grüner Balken fährt über die Notenzeilen, eine Hand darunter signalisiert, welche Tasten ich wann wie lange drücken soll.

Ich spiele nach. Im ersten Schritt wartet das Programm, bis ich die richtige Taste gedrückt habe, erst im zweiten muss im Rhythmus bleiben. Genau das richtige Lerntempo für mich, der so langsam an seiner Naturbegabung zu zweifeln beginnt. "Skoovey" lobt die App irgendwann endlich. Ich bin angetan. Nicht vom Wortspiel, aber sonst so.

Über die Weihnachtsfeiertage erweise ich mich als linkischer, aber unermüdlicher Eleve meines virtuellen Lehrers. Mit dem notorischen "Our House" verbringe ich mehr als eine Stunde, spiele danach aber passabel zweihändig. Die Stunden mit Mr. Skoove sind einsam, ein anderer Lehrer hätte meine binge learning session am zweiten Feiertag aber kaum mitgemacht. Weiter geht's, Bach wartet. "Clocks", "Rollin' in the Deep"! Hach!

Drei Monate später, zurück in meiner Wohnung in Hamburg: Mein Piano hat seinen Stammplatz auf den Holzlehnen eines ungenutzten Stuhls in meinem Wohnzimmer gefunden. Eine schwarze Hose liegt über den schwarzen und weißen Tasten, um den Rauchgestank des Vorabends auszudünsten.

Der Rhythmuslegastheniker gibt noch nicht auf

Als der Weihnachtsurlaub vorbei war, gab es erst mal Dringenderes. Neuer Job, abends Bier mit Freunden, an den Wochenenden fuhr ich zu meiner Freundin – Sozialleben halt. Mein Lehrer aus dem Laptop fügte sich still seiner menschlichen Konkurrenz und beschwerte sich nie.

Keine Pushnachrichten oder E-Mails, die mich an unseren Lehrplan erinnerte. Nicht mal Spielpunkte, die ich durch fleißiges Üben gewinnen oder meine Faulheit verlieren konnte. Mit denen haben Sprachlern-Apps wie Babbel viel Erfolg. Man arbeite gerade an Methoden, um die Nutzer bei der Stange zu halten, sagt Skoove-Chef Plenge. Sein Klavierprogramm solle zwar nicht zum Game werden, künftig solle man aber einen "Learning Contract" mit dem Programm abschließen und per Pushnachricht darauf hingewiesen werden, wenn man sie nicht einhält.

Das wäre nicht schlecht. Ein aufgefrischtes schlechtes Gewissen hätte hin und wieder vielleicht geholfen. Hinsetzen muss ich mich aber selber. Ich staube mein Piano erst mal ab.

Der Rhythmuslegastheniker gibt noch nicht auf.

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