Jetzt mal unter uns: Vinylsammeln ist der neue Schwanzvergleich, Events werden von Dudes deines Dudes organisiert und auch sonst hat jeder diesen einen Kumpel, der in einer halbwegs erfolgreichen Band spielt.

DJs, Produzenten, Booker. Schon einmal in einem Plattenladen gewesen? Meist bin ich dort die einzige Frau, die dem Mann-Kind dabei zusieht, wie er seine nie so richtig verwirklichten Rockstarträume mit dem Erwerb kostspieliger Tonträger kompensiert.

(Bild: Marco Wanda verfällt in Selbstliebe: gettyimages.de / Hannes Magerstaedt )

Während sich dank Stefanie Sargnagel mittlerweile auch das deutsche Feuilleton besser mit Marco Wandas Saufkünsten auskennt als mit österreichischer Innenpolitik, werden Musikerinnen immer noch halbherzig abgespeist - oder in den Best-of-Listen gar nicht erst erwähnt. Außer vielleicht am internationalen Frauentag, wo man Branchengrößen Zweizeiler im Kulturressort gönnt. Weil es schön aussieht und ganz nebenbei ein bisschen nach Fortschritt riecht.

Natürlich, Falco war groß, Maurice ist heiß und Attwenger sind so Austria, dass es wehtut. Deshalb auf folgende Künstlerinnen zu verzichten, wäre allerdings fatal und gilt - ab heute - auch nicht mehr als Ausrede.

Schmieds Puls

Mira Lu Kovac, Sängerin und Gitarristin des Trios, kann mit der Bezeichnung Singer/Songwriterin wenig anfangen. Auch der Begriff "Künstlerin“ kommt ihr nur schwer über die Lippen. Labels? Nicht ihr Ding. Das merkt man sowohl an Text, Stimme als auch visueller Repräsentation ihrer selbst.

Kovacs sitzt im Video zu "You Can Go Now“ in einer Altbauwohnung und singt über den Moment des Sich-Verabschiedens. Ein bekanntes Szenario: Es ist leer, man weiß nichts mit sich anzufangen und wälzt mangels an gedanklicher Alternativen erstmal auf dem Parkettboden herum.

Kovacs besingt das Leben, ihr eigenes und das von Millionen Menschen: Unsicherheiten, Beziehungen, Brüche. Zu ihren größten Inspirationen zählt die New Yorkerin DiFranco, die sie mit zwölf entdeckt.
Soap and Skin

Anja Plaschg singt so brachial, dass es einem das Herz zerreißt. Perfekte Töne sucht man vergebens, dafür ist alles viel zu echt. Im Alter von sieben Jahren beginnt sie Klavier zu spielen, nimmt später Geigenunterricht. Mit gerade einmal 19 Jahren veröffentlicht sie ihr Debüt "Lovetune For Vacuum" und legt seither die Latte hoch. Erste Erfolge in Belgien, Deutschland, Frankreich. Auftritte in London.

Ihre Einflüsse holt Plaschg nicht nur aus den elektronischen Gefilden, auch Sergej Rachmaninow oder Arvo Pärt gehören zu ihren Vorbildern. Kurz nach ihrem Debüt stirbt ihr Vater. "Wo immer ich aufschlage find' ich dich. Du fällst im Schatten der Tage, als Stille und Stich.“ Wunderschön inszeniertes Prosa.
Natalie Ofenböck

Natalie singt, hält Lesungen, zeichnet und illustriert. Wenn es gerade passt, publiziert sie fragmentarische Elemente auf Facebook und Tumblr. Eigentlich hat Ofenböck Mode in Hetzendorf (Wien) und Antwerpen studiert.

Mittlerweile ist sie Teil des Musikerkollektivs "Krixi, Kraxi und die Kroxn“, das aus 17 (!) Personen besteht. Alle gemeinsam auf der Bühne stehen sie selten bis nie. Viel eher kennt man Natalie aus ihren Liedern mit "Nino aus Wien“. "Hallo“ war das erste gemeinsame Lied, das sie aufgenommen haben. Geschrieben wurde es an einem traurigen Tag, so die Künstlerin.

Ihre Texte sind gleichzeitig humorvoll und dann wieder trocken wie Rotkäppchen-Sekt. Assoziationsketten spielen zumindest eine genauso große Rolle wie Wien. Nino und Natalie singen über Probleme wie keine-Freunde-haben und Besuche beim Psychiater. Auch das kann lustig sein, versprochen.

Sex Jams
(Bild: facebook.com/sexjams)

2008 wurde für Katarina Trenk bei Gesprächen über das aktuelle Musikgeschehen mit Bandkollegen Peter klar: Eine neue Band muss her! Das ist mittlerweile sieben Jahre her. Sieben Jahre voller Liebe, Wahnsinn und Spaß, wie sie in einem Interview erzählt. Sie schreibt nicht nur die Texte der Band, sondern war 2014 auch das erste Mal als Workshop-Leiterin für das Girls Rock Camp tätig, einem Verein zur Förderung feministisch popkultureller Aktivitäten.

Musikalisch sind Sex Jams irgendwo zwischen Blondie und Dinosaur Jr einzuordnen, die Einflüsse aus Großbritannien sind nicht zu überhören. Ihre nicht weniger britisch angehauchten Bandkollegen sind dieses Jahr mit Mile Me Deaf auf Tour gewesen - was der nächste heiße Tipp gewesen wäre.

The Mob Fixing Freedom

Magdalena Chowaniec ist nicht nur Kopf der Band, sondern auch Performance-Künstlerin und Texterin. Die musikalischen Wurzeln von TMFF liegen im UK/US Punkrock, wurden allerdings erfolgreich mit Elementen von Joy Division und Sonic Youth angereichert. Ihr erstes Album haben sie 2010 in den Wurlitzerstudios in Wien aufgenommen. Seither wird die Punk-Attitüde hochgehalten und in Österreich, Deutschland und Polen weitertrainiert.

(Bild: The Mob Fixing Freedom - I Wanna)

Madame Baheux
(Bild: facebook.com/madamebaheux)

Bis vor Kurzem waren "Madame Baheux“ unter ihren Nachnamen unterwegs: Popržan/Jokić/Neuner/Petrova. Merken kann man sich Baheux vermutlich auch nicht besser, wenn man kein französisch spricht, aber sei’s drum - die vier Frauen sind schlichtweg unfassbar gute Musikerinnen. Jelena Popržan spielt Viola, come on! Bosnien, Serbien, Bulgarien und Wien finden in dieser Band zusammen und spielen eine Kombination aus Balkan, Wienerlied und Jazz. 2014 gewann das Quartett den Austrian World Music Awards.

Lime Crush
(Bild: fettkakao.com)

Lime Crush haben schon in Dalston (London) gespielt, und das hört man auch. "I know the rules, but I don’t follow“ - hier haben wir es mit Rebellinnen zu tun. Ihre erste 7-Inch Platte haben die vier Bandmitglieder auf dem Wiener Label fettkakao veröffentlicht. Fünf Minuten und schon ist die Platte durch. Drei Songs, je eineinhalb Minuten Spielzeit. Punk’s not dead, alright? Panini, Nicoletta und Veronika heißen die drei Frauen, die sich selbst und die Musik, die sie machen, nicht zu ernst nehmen.

Muth/Mayr/Hackl

Das Kollektiv der besonders österreichischen Nachnamen besteht aus Ms. Mutt (Guitar + Drum Guitar), Mayr (Violin + Bass) und Aurora Hackl (Drums). Gemeinsam veröffentlichen sie Zufallsbegegnungen der instrumentalen Weise. Es ruckt und zirpt und zuckelt, das Konstrukt hat Einsturzcharakter. Sehr indie ist ihre Geräuschkulisse und auch ein kleines bisschen anti.