Bild: Peter Kaaden
"Es macht keinen Spaß, eine polarisierende Person zu sein."

Im August veröffentlichte der Schweizer Musiker Faber den Song "Das Boot ist voll". Faber, der eigentlich Julian Pollina heißt, kritisiert in dem Song, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken. Das war allerdings nicht das Problem – für Aufregung sorgte eine Songzeile, in der der Sänger sogenannten Wutbürgern drohte und dabei eine Formulierung verwendete, die sexualisierte Gewaltsprache enthielt ("Besorgter Bürger, ja / Ich besorgs’s dir auch gleich / geh auf die Knie, wenn ich dir mein’ Schwanz zeig / Nimm ihn in den Volksmund"). 

Der Journalist Linus Volkmann nannte das einen "Revenge Porn Clip" und schrieb: "Vergewaltigungsphantasien gegen rechts? Alter!"(Kaput). Nach der Kritik änderte der 26-jährige Musiker die entsprechende Stelle. 

Wir haben mit Faber über die Debatte um seinen Song, politische Haltung und neue Liebeslieder gesprochen.

bento: Über die Motivation hinter deinem Song "Das Boot ist voll" sagst du selbst: "Es ist untragbar für eine Gesellschaft, wenn es auf die Frage, ob man Ertrinkende retten sollte, überhaupt zwei Antworten gibt". Warum hast du eine politisch so wichtige Botschaft mit der Verwendung von sexualisierter Gewaltsprache selbst kaputt gemacht?

Faber: Aus einer Wut über die Situation heraus. In solchen Situationen sagt man manchmal Sachen, die man früher so gesagt hätte, heute aber nicht mehr unbedingt. Ich fand im Nachhinein auch, dass es da nicht hingehört.

bento: War dir beim Schreiben des Songs nicht bewusst, dass das eine problematische Stelle sein könnte?

Faber: Doch. Ich habe gleich gedacht, dass es da nicht hinpasst, stand da aber noch vor dem umgekehrten Problem, dass mir Leute in meinem Umfeld gesagt haben, dass ich ihnen die Möglichkeit, ihre Wut durch den Song zu teilen, wieder wegnehmen würde, wenn ich die Stelle ändere. Deshalb habe ich sie bis kurz nach dem offiziellen Erscheinen nicht geändert.

bento: Die explizite Songzeile zu streichen, mit "Ich besorg's dir auch gleich" die implizite Botschaft aber beibehalten. Macht das überhaupt einen Unterschied zur Originalversion?

Faber: Man kann mir vorwerfen, dass das inkonsequent war – ist es vielleicht auch. Aber die explizite Formulierung ist raus. Und ich möchte noch einmal sagen: Auch, wenn ich zustimme, dass diese Stelle raus musste, finde ich den Vorwurf, dass ich sexualisierte Gewaltphantasien gegenüber Nazis hätte, seltsam. Wenn jemand auf der Straße zu mir sagt: "Fick deine Mutter" denke ich ja auch nicht: "Okay, der möchte, dass ich Geschlechtsverkehr mit meiner Mutter habe."

bento: Wünschst du dir im Nachhinein, nicht mit diesem Song aufgemacht zu haben?

Faber: Nee, ich wünsche mir, dass ich es von Anfang an anders geschrieben hätte.

bento: Du hast selbst kritisiert, dass durch diese Zeile nicht mehr über die eigentliche Botschaft des Songs gesprochen wird. Also machen wir das. Warum hast du "Das Boot ist voll" geschrieben? Welche Debatte hast du dir erhofft?

Faber: Ich denke, angebracht wäre die Debatte, wie es sein kann, dass die Fronten so verhärtet sind. Und wie sorgen wir dafür, dass die Gräben zwischen uns nicht noch tiefer werden, sondern wir zusammenhalten und -arbeiten in Europa?

bento: Das wolltest du mit dem Song sagen? 

Faber: Nee, das ist mein Wunsch. Den Song habe ich geschrieben, weil ich mich sehr alleine gefühlt habe und alle zum Teufel jagen wollte. Das war keine konstruktive Kritik, sondern einfach Wut. Wenn ich daran denke, dass rechte Mobs Menschen mit Migrationshintergrund durch die Stadt gejagt haben, bekomme ich immer noch Gänsehaut. 

bento: "Generation Youporn" heißt ein Song auf deinem neuen Album. Darin kritisierst du unsere Generation. Was ist denn unser Problem?

Faber: Ja, was ist nur unser Problem, Mann?! Wenn ich das wüsste. In den Songs geht es um Beobachtungen, die ich bei mir selbst, aber auch bei vielen anderen jungen Menschen gemacht habe. Ein Problem könnte sein, dass wir eigentlich anders leben wollen. Das aber oft nicht konsequent durchziehen können. Da gibt es ganz viele Widersprüche. Man fühlt sich ohnmächtig, aber gleichzeitig herrscht ein enormer Druck, alles perfekt und widerspruchslos hinzukriegen.

bento: Du besingst also auch deine eigene Widersprüchlichkeit?

Faber: Ich bin nicht alles und ich mache nicht alles, was in meinen Songs steht. Aber natürlich kenne ich viele Gefühle und Verhaltensmuster auch von mir. Man lernt ja auch manchmal Sachen über sich selbst, die man nicht gut findet. Und die muss man sich vielleicht eingestehen, damit man sie verändern kann. Aber dieses Sich-eingestehen – und das auch noch öffentlich – ist ein schwieriger Moment, weil es natürlich auch nach hinten losgehen kann.

bento: Im Song "Top" singst du: "Ich schau dich an und du siehst top aus. Baby schau mich an und zieh dein Top aus. Mach's wie mit einem Lollipop. Dann kauf ich dir was Schönes bei Topshop". Ist es nicht Zeit für neue, weniger toxische Liebeslieder 2019?

Faber: Doch, auf jeden Fall. Top ist aber eine Karikatur auf "Modus Mio", die meistgehörte Playlist bei Spotify in Deutschland, in der fast nur solche Songs zu finden sind. Trotzdem stimmt es, dass wir uns Gedanken darüber machen müssen, welche Liebesgeschichten wir erzählen. In dieser Debatte gibt es Menschen, die schon im Jahr 2030 sind und Menschen, die noch 1950 festhängen. 

bento: Und wo siehst du dich selbst?

Faber: Ich wäre gerne auf dem Stand 2030, bin ich aber, glaube ich, leider nicht.

bento: Hat dich die Debatte der vergangenen Wochen weiter nach vorne gebracht?

Faber: Auf jeden Fall. Dieser Dialog ist total hilfreich. Wenn einem die Songzeilen in "Top" problematisch erscheinen, ist das gut. Wenn man daraus aber den Schluss zieht, ich sei so, dann hat man nicht gut hingehört.

Faber: "Ja, was ist nur unser Problem, Mann?!"

(Bild: Peter Kaaden)

bento: Dein Album erscheint im November. Was willst du auslösen? 

Faber: Ich habe gerade so die Nase voll davon, Sachen auszulösen. Ich hoffe, dass die Leute, die darüber sprechen, sich das Album auch anhören. Es ist überhaupt kein einfaches Album, das ist mir bewusst. Aber in der deutschsprachigen Popmusik gibt es sehr viele einfache Alben. Da kann man sich auch ein paar komplizierte anhören. 

bento: Das nächste Album wird also keine "Max Giesinger"-Wohlfühlplatte?

Faber: Ich finde es wichtig, dass Kunst kontrovers ist. Weil sich erst dann Menschen damit auseinandersetzen. Aber es macht mir halt voll keinen Spaß, eine polarisierende Person zu sein. Mir ist nicht egal, was andere denken. Aber mein Leidensdruck ist bei weitem nicht damit zu vergleichen, dass Menschen jeden Tag auf dem Mittelmeer sterben. Ich werde also weiter Songs wie "Das Boot ist voll" schreiben.


Future

Wie werde ich zur Marke? So gelingen die ersten Schritte in die Selbstständigkeit
Ein neuer Teil der Kolumne "Meine eigene Chefin"

Ich komme mir vor wie eine dieser Touristinnen, die sich ständig im Selfie-Modus vor Sehenswürdigkeiten fotografieren. Nur befinde ich mich nicht vor dem Eiffelturm oder der Berliner Mauer, sondern vor dem Eingang meiner neuen Bürogemeinschaft. Diese Selbstdarstellung gefällt mir eigentlich gar nicht, aber sie muss jetzt sein. Die Instagram-Story ist für meinen beruflichen Account gedacht.

Ich möchte so mein Profil als Ein-Frau-Unternehmen schärfen, zu einer kleinen Marke werden und die Bindung zu meinen Auftraggebern verbessern. Zusammengefasst nennt man das Selbstmarketing. Und das ist gerade für junge, frisch gebackene Gründerinnen wie mich wichtig.

Deshalb geht es heute um die Frage: Was sollten Gründer bei der Selbstvermarktung beachten?