Musik aus Frankreich ist ein Universum für sich. Über jedes vertretene Genre könnte man Bücher schreiben. Egal, ob klassischer Chanson oder Hip-Hop, elektronische Musik oder Turntablism, Rock oder Electroswing, egal, ob man in der Vergangenheit sucht oder in der Gegenwart, Frankreichs Musikszenen haben jede Menge zu bieten. Eine Einstiegshilfe.

Guts

Guts (Facebook) aus Paris ist auf dem Label "Heavenly Sweetness" zu Hause. Und das trifft Guts’ Grundgefühl ziemlich auf den Kopf. Mit einem tollen Gespür für Melodien und Harmonien und mittlerweile auch in einer Live-Band-Version, überzeugte der Pariser schon mehrfach auf Albumlänge. Mit mindestens eineinhalb Beinen fest im HipHop verwurzelt, schickt Guts meist melodieverliebte Midtempo-Nummern auf die Reise durch Musikstile und Epochen. Mal Soul, mal Funk, mal Mambo. Aber immer groovy und einzigartig.


MC Solaar



Hip-Hop auf französisch, so munkelte man Anfang der Neunziger, sei das nächste große Ding. Damals war es noch nicht so selbstverständlich wie heute, in seiner Heimatsprache zu rappen. MC Solaar überzeugte dann beim Erstkontakt schlagartig vom Gegenteil. Von der auf "Realness" pochenenden Hip-Hop-Gemeinde viel belächelt, streichelte er seine Reime geradezu ins Mikrofon. Der weiche Flow der französischen Sprache war wie gemacht für den damals rulenden jazzlastigen Hip-Hop. "Bouge De Là" hat auf ewig einen Platz in unseren Herzen. Wegen MC Solaar und wegen des Samples von Cymandes "The Message".


Les Negresses Vertes

Frankreich ist auf Grund der Migranten aus den ehemaligen Kolonien ein Schmelztiegel für die Fusion verschiedenster Musikstile aus aller Welt. Les Negresses Vertes mixten algerischen Rai mit Gypsysounds zu einer organischen Melange, die heute noch genauso infektiös ist wie in den neunziger Jahren, als die Band auf ihrem Höhepunkt war. Gleichzeitig waren sie immer offen für moderne Einflüsse und ließen sich von elektronischen Musiker remixen. In Deutschland war ihr bekanntester Song "Face a la Mer", der im Remix von Massive Attack ein Riesenhit des damals überaus erfolgreichen balearischen Chill- und Loungesounds war. Kurz vor ihrer Auflösung 2002 veröffentlichte die Band eine Maxi-Single namens "Acoustic Clubbing", auf der eine Coverversion des Discoklassikers "Spank" war, der bisher noch auf jeder Tanzfläche und vor jedem Publikum funktionierte.


Deluxe

Das Sixpack aus dem südfranzösischen Aix-en-Provence, das auf den Namen Deluxe (Facebook) hört, ist bei Chinese Man Records unter Vertrag. Die gleichnamigen Turntablists achten bei ihrem Label auf Hip-Hop-Kompatibilität und einen künstlerischen Ansatz, der über die Musik hinausgeht. Bei Deluxe fallen, neben den Oberlippenbärten und Fantasiekostümen, vor allem die Musikvideos auf. Was für eine Wucht Liliboy und ihre Jungs live entwickeln, lässt sich in dieser Version von “Daniel” bestaunen.


French House / Cassius



Während einer kurzen Periode drehte sich die Welt der Clubmusik um Frankreich und den sogenannten French- oder Filter-House. Die Welle begann mit DJ Falcons "Hello my Name is"-EP und hatte ihren musikalischen wie kommerziellen Höhepunkt mit "Musik Sounds Better With You" von Stardust. Das große Vermächtnis dieser Periode ist Daft Punk, die in der Zwischenzeit zu globalen Postars wurden. Irgendwann wird es in den Clubs ein Revival von Filter-House geben und dann wird hypnotischen Killertracks wie "La Mouche" von Cassius wieder die Ehre zukommen, die sie verdienen.


DJ Zebra



DJ Zebra ist ein wahrer Künstler, wenn es um Mash-ups geht. Er hat unzählige Songs auf sehr kreative Weise mit anderen Tracks vermixt und dabei jedes Mal etwas ganz Neues geschaffen.
 Sein Meisterstück war es, Nine Inch Nails und die Beatles so miteinander zu vermischen, als wären "Closer" und "Come Together" von Anfang ein Song gewesen.


Saint Germain



Saint Germain (Facebook) hat dieses Jahr das Comeback des Jahres hingelegt. Das "Real Blues"-Album folgt dem Weg, den der Künstler schon mit "Alabama Blues" und anderen Tracks eingeschlagen hatte: Deeper House mit bluesigem Einschlag. Allerdings tritt House zugunsten eines warmen und organischen Grooves immer weiter in den Hintergrund. Wir nennen das mal "Adult-House".


Les Rita Mitsouko



Les Rita Mitsouko (Facebook) hatten ihre größten Hits in den achtziger Jahren, aber ihr Sound kommt heute wesentlich frischer rüber, als der der meisten Projekte aus dieser Zeit. Das Duo schaffte das Kunststück, immer simpel und poppig zu klingen, obwohl ihre Musik tief in der Avantgarde verwurzelt war. "Marcia Baila" ist so Eighties wie es nur geht. Ein perfekter Popsong, bei dem einem das Mitsingen im Hals steckenbleibt, wenn man den Text versteht, denn es geht um eine krebskranke Frau.


Degiheugi

Wenn man das erste Mal Degiheugi (Facebook) gehört habe, kann es völlig ohne Substanzmittelmissbrauch zu Halluzinationen kommen, die dann etwa so aussehen könnten: Ein alter VW-Bus, pickepackevoll mit einer Big Band, crasht in Zeitlupe in einen tiefergelegten Buick, der bis unters Dach mit Farbeimern, 1210ern und Midi-Keyboards vollgepackt ist. Am Steuer des Buick sitzt eine Sängerin, neben ihr ein MC, auf der Rückbank zwei DJs. Beim Aufprall wird niemand verletzt und alle fangen aus dem nichts das Jammen an. Klingt absurd!? Nur, wenn ihr "Endless Smile" noch nicht gehört habt.


Proleter

Wenn Proleter (Facebook) seine musikalischen Helden wie Duke Ellington, Louis Armstrong oder Frank Sinatra remixt, schwingt immer eine tiefe Verbeugung mit. Wie kaum ein anderer Vintage-Beats-Produzent schafft es der Toulouser Musikenthusiast die Seele der Originale zu erhalten und seinen Neuinterpretationen trotzdem noch eine eigene Note zu verleihen. Der Manouche- und Swingtradition seiner Heimat zollt Proleter auf "Not afraid" den größtmöglichen Respekt.


Gilbert Becaud(Bonustrack)

Ein Meisterwerk des Chansons ist der Becaud-Klassiker “L'Orange”. Nicht mehr ganz zeitgemäß, aber ein wunderschönes Stück französischer Musikgeschichte.



Wo wir gerade beim Thema sind