Bild: dpa / Jörg Carstensen
Schweizer Musik hat so viel mehr zu bieten.

DJ Bobo als bekanntester Schweizer “Musiker” in Deutschland? Ernsthaft?

Das kann so nicht stehen bleiben. Denn gerade in Subkulturen gibt es vom viersprachigen südlichen Nachbarn jede Menge Musik, die es verdient hat, mehr gehört zu werden.

Kadebostany

Kadebostany ist keine Band, Kadebostany ist ein Imperium. Wenn auch nur ein fiktives. Die schweizerischen Meister des visuellen und biografischen Storytellings kennen dabei keine Grenzen und erst recht keine Angst vor großen Melodien. Live erinnert das Projekt um Frontfrau Diva Amina und Schräubchendreher Kadebostan an eine Mischung aus Aufmärschen in postsowjetischen Halbdiktaturen, eine Brass Band vom Balkan und ein Hipsterklassentreffen. Der Sound klingt mal nach Big Band, mal nach Berghain, aber immer sehr energetisch und mit einem großen Hang zum Drama. Abgefahren!? Ziemlich.

Larytta
Osama oder Obama?

Wie gut, dass es bei Larytta aus Lausanne in erster Linie um Musik geht und nicht um Politik. Zum Titel des wunderbaren Split-Screen-Videos “Osama Obama” hätten wir dann doch ein paar Fragen. Keine Fragen haben wir, was die Tauglichkeit und Relevanz von “Obama Osama” für diese Liste angeht. Seit über einem Jahrzehnt schrauben Guy Meldem und Christian Pahud an ihren Ideen von Popmusik. Laryttas Sound hat einen deutlichen Neo Disco-Einschlag, ging aber ganz offenbar auch beim französischen Label Ed Banger (Justice, Breakbot, Uffie) in die Lehre. Höchste Zeit für die Meisterprüfung!

Saalschutz

Eigentlich stehen Saalschutz aus Zürich für stacheligen, politisch links verorteten Electropunk, der in einer Liga mit Egotronic oder Knarf Rellöm spielt. Mit “Für eine Sekunde unendlich” ist ihnen ein kleiner Electropop-Hit gelungen, der von Popappeal, Instrumentierung und Text das Potential zur großen Hymne aufs Feiern gehen gehabt hätte. Mit “Für eine Sekunde unendlich” verhält es sich also so wie mit Saalschutz an sich: Der richtige Durchbruch lässt seit Jahren auf sich warten. Es wird langsam Zeit!

J Who

Hip-Hop braucht dringend mehr Frauen am Mic. Während die Männerbastion Hip-Hop nördlich des Rheinfalls mit Rapperinnen wie Taiga Trece und Schwesta Ewa langsam neue Farben abbekommt, tut sich auch in der Schweiz was. Die Rapperin J Who mit der tiefen Stimme, den deepen Texten und dem fantastischen Timing bringt 2016 ihre “Soulfood”-EP raus, die dann auch “Hip Hope” beinhalten wird. Wir erwarten nichts weniger, als einen Meilenstein des Conscious-Rap.

Erik Truffaz

Der frankophone, zeitgenössische Jazzer Erik Truffaz ist bekannt dafür, dass er nicht in seiner Königsdisziplin stehen bleibt, sondern sich für andere Musikrichtungen öffnet. Truffaz arbeitet mit Vorliebe mit Rappern zusammen und kreierte mit dem Erik Truffaz Quartet die eidgenössische Version von Guru's Jazzmatazz. Wie passend, dass mit dem Montreux Jazz Festival eines der aufregendsten und stilistisch breitgefächertsten Festivals der Welt am Genfer See beheimatet ist. Das "Montreux Jazz" hat sich längst für unterschiedlichste Stile geöffnet und passt damit wie die Faust auf Erik Truffaz' Auge.

Insane Betty

Im kleinen, etwas verschlafenen Baden, nicht weit von Zürich entfernt, haben sich vor einigen Jahren ein paar Freunde zusammengetan, um die Karibik zu sich nach Hause zu holen. Mit allen zwölf Beinen stehen Insane Betty fest in der jamaikanischen Volksmusik, dem Ska und vereinen alle drei Ska-Wellen, die es bisher gab. Die jamaikanischen Roots der ersten Welle, den Popappeal der zweiten und die punkige Haltung der dritten. Ein bisschen Reggae und Dub dazu, fertig ist der Lack. Die Skatalites wären stolz.

Klischée

Das Subgenre Electro Swing ist umstritten. Kritiker werfen der Szene oft vor, 20-Jahre-Nostalgie neu, mundgerecht und billig zu verpacken. Dabei gibt es eine kleine, aber feine Reihe an Electro Swing-Bands, die ganz anders an die Sache herangehen. Klischée aus der Schweiz haben beispielsweise mit "Touché" ein kleines Standardwerk des Electro Swing veröffentlicht, das in keiner Electro Swing-DJ-Sammlung fehlt. Klischée's Sound klingt fresh statt angestaubt, es wird weniger gesampelt als live gespielt. Auf der Bühne kommt dann noch ein VJ dazu. Das Quartett ist also voll und ganz im 21. Jahrhundert angekommen.

Die Aeronauten

Wie kann es sein, dass diese wunderbare Band aus Schaffhausen und Zürich seit Jahren quasi keine Beachtung bekommt!?

Dem Neunziger Jahre-Punk längst entwachsen, schmeißen die Aeronauten Northern Soul, Disco, Funk, Country, Rock und noch ungefähr tausend andere Stile in einen Topf und rühren einmal kräftig rum. Das Ganze könnte richtig schief gehen, tut es aber überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil. Meistens singt Frontmann GUZ, der auch als Punker ein paar Szenehits landete, auf Deutsch (ohne Schweizer Akzent). Bei “Drü Tag Räge” darf mal ein Bandkollege in Schwyzerdütsch ran.

Faber

Angeblich soll Faber aus Zürich zur Zeit der heiße Scheiß sein. Und ja, der hat was. Bei Faber macht der Chanson Punk der folkigen Ballade den Hof und erinnert ganz entfernt an Bands wie Mumford & Sons oder Bukahara. Ein sehr smartes Auftreten wird sein Übriges dafür tun, dass Faber wohl demnächst ein paar größere Bühnen bespielen darf. Sei es ihm gegönnt, denn seit Fatoni wissen wir, dass die Zeit im Notfall alle Hypes heilt.

Camilla Sparksss

Aufgewachsen ist die Schweiz-Kanadierin Camilla Sparksss a.k.a. Barbara Lehnhoff zwischen Bären, Wasserflugzeugen und den Eurythmics in Kanada. Irgendwann zog sie dann in die Schweiz, studierte Wirtschaft und Grafikdesign und wurde Filmemacherin. Musikalisch dem Art-Punk äußerst zugetan, sorgte sie in der Schweiz in der guten alten Riot Grrrl-Tradition für eine Menge Alarm. Beth Ditto, Le Tigre und deiner großen Schwester gefällt das. Uns auch!

Effe

Liebe Schweizer, genau wie fast alle Länder dieser Welt habt ihr ein Rassismus-Problem, das sich leider auch ziemlich unschön in einer großen Volkspartei und ein paar Volksentscheiden zeigte. Umso wichtiger, dass Effe zeigt, dass die Schweiz mehr ist als die SVP, Abschottungspolitik und Minarettverbot.

“Du bisch willkomme” ist ein leider notwendiges Statement für Weltoffenheit und Toleranz. Musikalisch ist das Ganze wunderbar catchy und originell umgesetzt. Im Video werden Schweizer Klischees überzeichnet und mit einer ganzen Menge modernen Lebenswelten unterhaltsam an die Wand geworfen. Toll!