Bild: Seurat Samson
"Der Anspruch war jedenfalls nicht, ein Album zu machen, das nach 2016 klingt"

Heute erscheint das zweite Album des Berliner Duos Me and My Drummer: "Love Is A Fridge". Endlich. Drei Jahre haben sich Charlotte Brandi und Matze Prölloch nach dem Debüt "The Hawk, The Beak, The Prey" Zeit gelassen. Nicht ganz absichtlich, sei dazu gesagt.

Dafür dürfte die neue Platte jetzt auch den Ansprüchen der beiden Musiker gerecht werden. Und zwar zu hundert Prozent.

Die zärtlich raue Stimme von Sängerin Charlotte wird von anmutigen Streichermelodien getragen, die durch die atmosphärische Indie-Gitarre dem Sound ihren genuinen Schwermut nimmt. Vereinzelt bricht das Schlagzeug expressiv den sonst eher ruhigen Sound der Band und verhindert so, in einen all zu lähmenden Trott zu verfallen.

Matze hat mit uns über die Angst vor dem Vergessenwerden und die Kompromisslosigkeit des künstlerischen Schaffens gesprochen.

Wir wollten von ihm wissen, wie man Musik für die Ewigkeit macht.
Seit eurem letzten Album sind drei Jahre vergangen. Drei Jahre, das klingt lang.

Das Album hat seine Zeit gebraucht. In unserem Fall war es der Klassiker: das "schwierige" zweite Album. Und zwar in dem Sinne, dass man die Weichen in eine Richtung stellt und dabei mit seinem eigenen Anspruch und seinen Vorstellungen ganz schön zu kämpfen hat. Der selbst gemachte Druck ist groß. Das ist ein Prozess des Aufnehmens, Abstand-Gewinnens, für nicht-gut-genug Befindens. Neu machen oder weg schmeißen. Bis ein ganzes Album zusammen ist, vergeht einige Zeit.

"Bloß nicht zu lange von der Bildfläche verschwinden, sonst wird man vergessen!" Kennt ihr diese Angst?

Diese Angst hatten wir erst gar nicht. Weil wir nicht planten, lange weg zu sein. Wir planten, so viel Zeit wie nötig in die Entstehung des Albums zu investieren und dann zurückzukommen. So haben wir es gemacht. Erst Freunde haben uns irgendwann darauf gebracht, dass das ein Problem werden könnte.

„Wenn du mit etwas Gutem zurückkommst, kommen auch die Hörer zurück. Und neue dazu.“
Habt ihr zwischendurch den Druck von außen verspürt, als Band funktionieren zu müssen – um endlich ein "neues Ding" auf den Markt zu bringen?

Man wird mit solcherlei Themen immer konfrontiert, ja. Aber was heißt schon "funktionieren"? Wenn wir uns gut verstehen und von unserer Musik überzeugt sind, dann würde ich die Band als intakt bezeichnen. Dann "funktioniert" das. Und zwar unabhängig davon, ob tausend Leute das Album kaufen oder hunderttausend.

Euer neues Album heißt "Love Is A Fridge". Liebe ist ein Kühlschrank. Wie kann man das verstehen?

Ich stelle da gern die Gegenfrage: Wie verstehst du es denn? Da habe ich schon tolle Antworten gehört, auf die ich vorher nicht gekommen wäre. Und darum geht’s: Es bildet eine Interpretationsfläche, die irgendwo ironisch, komisch ist und irgendwie auch traurig oder beklemmend. Das nimmt jeder anders war. Muttersprachler lachen da drüber, die meisten meiner deutschen Freunde dagegen empfinden es als unterkühlt.

(Bild: Seurat Samson)
Man hört dem Album an, dass seine Macher perfektionistisch veranlagt sind und keinen Wert auf Trends legen. War das euer Anspruch an die Platte?

Der Anspruch war jedenfalls nicht, ein Album zu machen, das nach "2016“ klingt. Denn so denken Bands, die nicht an sich glauben und von Produzenten zusammengebastelt werden, um schnelle Kohle einzubringen.

Die Songs geben zum einen eine Richtung für das Klangbild vor, der man versucht zu folgen. Das beginnt also im Writing-Prozess. Außerdem interessieren wir uns nicht nur für trendige Musik, sondern sind in der Geschichte der Popmusik auch mal weiter zurück gegangen und haben beispielsweise das Serge Gainsbourg Album "Histoire de Melody Nelson“ rauf und runter gehört.

Sich inhaltlich nicht an den neuesten Trends zu orientieren, bedeutet für uns aber nicht, eine unmoderne oder rückwärts gewandte Platte zu machen. In meinen Ohren klingt das Album trotzdem absolut zeitgemäß.

Wie macht man Musik für die Ewigkeit?

Es ist die Essenz aus der Antwort zuvor. Patti hat mal gesagt "build a good name“. Das ist das Ziel. PJ Harveys bestes Album "Let England shake“ war ihr achtes. Da war sie um die 42.

„Und mit jedem Album, mit jeder Veränderung und Weiterentwicklung ergeben deine vorherigen Alben einen ganz neuen Sinn.“
Ihr habt ein komplett fertiges Album weggeworfen. War das wirklich nötig?

Ja, so was ist manchmal nötig. Das hab ich von Charlotte gelernt. Es heißt ja auch zurecht "kill your darlings" und nicht "don’t kill anything - and release a bad album".

Was ist euer gemeinsamer Lieblingstrack auf "Love Is A Fridge"?

Da ich keine langweilige "Ich mag alle Songs“-Antwort geben möchte, obwohl ich tatsächlich keinen einzelnen Lieblingssong habe, sage ich mal: Charlotte und ich haben beide irgendwann den Zauber von "Tie Me Bananas" gecheckt. Nach ein paar Mal hören wird das immer klarer. Da ist eine besondere Magie drin.

(Bild: Seurat Samson)
Welchen Part am Musikerinnendasein möchtet ihr auf keinen Fall vermissen?

Konzerte an Orten im Ausland, wo man vorher noch nie war.

Was sollte man als Künstler oder Künstlerin in der Zeit des Nicht-Schaffens unbedingt machen?

Zeit mit Freunden verbringen. Musik hören. Lecker Essen.

In den Texten steckt auch ganz viel von euch selbst und euren Gefühlen. Gehört die Offenbarung des Innerens dazu, wenn man von der Musik leben möchte?

Es landet ja nicht alles auf Tonträgern oder sonst wie in der Öffentlichkeit. Das kann man ja steuern. Und dass man Gefühle und Ideen verwertet ist etwas Schönes, ja auch Selbsttherapierendes.

Du hast dir kurz vor Beginn eurer Tour den Fuß gebrochen, Charlotte. Was ging dir da durch den Kopf?

Matze: Ich frag mal kurz nach.

Charlotte: Durch diese Verletzung hat sich letztlich auch unser Release verzögert, aber soweit dachte ich im ersten Moment gar nicht. Ich habe den Arzt ausgelacht und wollte eine zweite Meinung. Als der Schock vorüber ging und mir das Ausmaß langsam klar wurde, war es nicht leicht Ruhe zu bewahren.

Zu zweit Musik zu machen klingt sehr gleichberechtigt. Wo liegen die Vorteile, gegenüber einer fünfköpfigen Band?

Ein Vorteil ist, dass man seine Gagen nicht durch fünf teilen muss. Außerdem muss sich Charlotte harmonisch nach niemandem richten. Ein Drummer macht ja nur Bumm.

Me And My Drummer "Love Is A Fridge" (Sinnbus / Rough Trade / VÖ 12.02.16)

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