Viele Gäste und Gitarren: Ist das neue Album Image-Korrektur oder künstlerische Kapitulation?

Auf ihrem neuen Album "Joanne" umgibt sich Lady Gaga mit vielen Gästen und Gitarren. Image-Korrektur oder künstlerische Kapitulation?

Erstmal umarmen. "I'm a hugger, I hug everybody", sagt Lady Gaga, während der Reporter noch mit seiner Contenance ringt: Wurde man wirklich gerade von einem Pop-Superstar geherzt? Wurde man. Dafür hat sich doch das zwei Stunden lange Warten auf den Beginn des Interviews gelohnt. Oder?

Auch im Gespräch, es wird im Obergeschoss eines Westberliner Nobelhotels geführt, gibt sich Stefani Germanotta nahbar und kumpelhaft. Zum Ärger der Hotelbediensteten raucht sie eine Kräuterzigarette nach der anderen, während sie von Interviewraum zu Umkleidezimmer und wieder zurück flitzt. Für jeden neuen Journalisten gibt es ein neues Outfit, das dauert natürlich - und sorgt für den völligen Zusammenbruch des Promo-Plans der Plattenfirma. Lady Gaga ist auch Lady Diva, daran hat sich nichts geändert.

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Geändert hat sie zur Veröffentlichung ihres neuen Albums "Joanne" jedoch ihr Image. Die extravaganten Kostüme? Das grelle Make-up? Der ganze postmodern gepimpte Kunstfigur-Zirkus aus Andy Warhols Factory-Handbuch? Vorbei.

Exakt drei Jahre nach ihrem letzten Studioalbum "Artpop", das weder künstlerisch noch kommerziell an die Gagamania von einst anknüpfen konnte, gibt sich Germanotta im luftigen Leoprint-Blüschen und Denim-Hotpants als immer noch flippiges, aber auch demonstrativ naturalistisches All-American Girl: halb Cowgirl, halb Bikerbraut. Madonnas "Music"-Phase im Flanellhemd fällt einem dazu ein, fehlt nur noch das Cowboy-Hütchen.

Erfolgreicher als mit "Music", das im Jahr 2000 ein ganz ähnliches Image postulierte, war Madonna seitdem nie wieder. Wenn nichts mehr geht, geht immer Back-to-the-Roots, lautet ein ungeschriebenes Pop-Gesetz. Vielleicht hofft auch Lady Gaga mit "Joanne" nun, da es zuletzt nicht mehr so gut lief und länger still um sie war, auf den "Music"-Effekt.

Daran ist nichts verwerflich, es ist nur schade: Denn gerade Gaga stand bisher für größtmögliche Dissidenz im Pop-Betrieb. Ein Show-Profi war die ausgebildete Musikerin und Schauspielerin, die sich vor ihrem Mainstream-Durchbruch im Jahre 2008 jahrelang in der New Yorker Off-Szene ausprobierte, schon immer, aber mehr noch als in ihrer entweder zu generischen oder überpompösen Musik bestand ihr Charme darin, ästhetisch und künstlerisch nach eigenen Regeln zu spielen. Jetzt auf das oft erprobte Pop-Programm der Besinnung aufs Wesentliche zurückzugreifen wirkt, nun ja, ein bisschen langweilig.

Wobei "Joanne", Gagas viertes Album, gar nicht langweilig ist, sondern einige der besten Songs ihrer Karriere enthält. Das allerdings ist nicht mehr nur Germanottas eigener Verdienst, sondern noch eindeutiger als früher das Ergebnis einer kollaborativen Anstrengung, wie sie heutzutage üblich ist. Fast schon wichtiger als der Künstler selbst erscheint im modernen Pop-Geschäft der Produzent. Gaga engagierte für "Joanne" den Briten Mark Ronson, einen Experten für schmissig-nostalgische Sounds, der einst Amy Winehouse mit "Back To Black" zur Retro-Soul-Ikone stilisierte.

Zusammen mit seiner langjährigen Freundin Gaga sowie vorrangig handarbeitenden Gästen wie Josh Homme, Father John Misty oder Kevin Parker (Tame Impala) erschuf er ein interessantes Hybrid aus zeitgemäßem Power-Elektro-Pop und uramerikanischem Heartland-Rock. Viele Songs basieren auf kernigen Gitarrenriffs oder wiegen sich in weicher Country-Behaglichkeit. Manches wirkt enervierend bis bemüht, wie die hyperaktive Hauruck-Single "Perfect Illusion" oder der Album-Opener "Diamond Heart", die auch wegen Gagas gröhlender Rockröhrigkeit ganz eigentümliche Assoziationen wecken: Heart, Bonnie Tyler, Meat Loaf. Manches, das breitbeinig schunkelnde "John Wayne" etwa, erinnert auch an den Country-Pop von Shania Twain oder, in "Dancing In Circles", an Madonnas naiven Ringelpietz-Hit "La Isla Bonita".

Die Country-Folk-Balladen "Joanne", "Million Reasons" (mit Nashville-Songwriterin Hillary Lindsey) oder "Hey Girl" (mit Florence Welch) sind jedoch grandios in ihrer erdigen Authentizitätsbehauptung und berühren den Hörer, wie es nur wenigen Gaga-Hymnen bisher gelungen ist.

Und um Berührungen, um "Connections", geht es Gaga auch mit ihrem Album, das sie - natürlich - als ein sehr persönliches bezeichnet. Joanne ist nicht nur ihr Mittelname, Joanne hieß auch die Schwester ihres Vaters, die einst im Alter von 19 Jahren an der Immunkrankheit Lupus starb. "Mein ganzes Leben lang habe ich nicht verstanden, warum mein Vater oft so traurig war", erzählt sie, "warum er oft von der Arbeit nach Hause kam, sich in seinen Sessel setzte, sich ein Glas Whisky einschenkte und Musik auflegte, vielleicht Bruce Springsteens 'Thunder Road', und dann weinte."

Die vergangenen drei Jahre habe sie damit verbracht, sich zu erden, sagt Gaga, "nicht nur musikalisch, sondern auch im Kreise meiner Familie." Durch die Rückkehr zu ihrer Herkunft, zu ihren Wurzeln, habe sie erkannt, was sie im Kern ausmache und zu dem gemacht habe, was sie heute ist. Esoteriker würden wohl sagen, sie habe ihre Mitte gefunden, und ein wenig küchenspirituell erleuchtet klingt Gaga auch, wenn sie sagt: "Auf diesem Album bin ich meines Vaters Tochter, ich bin meiner Mutter Tochter und meiner Schwester Schwester. Ich bin die Schwester meiner Fans, ihre Familie."

Es geht um das Verständnis dafür, wie sehr Verlust und Trauma Familien prägen, es geht um die Akzeptanz der Trauer und den Heilungsprozess durch familiäre Gemeinschaft und zwischenmenschliche Kommunikation. Das zarte Titelstück "Joanne" bezeichnet sie als Liebesbrief an ihren Vater: "Ich malte mir die Worte aus, die er seiner Schwester zum Abschied gesagt haben könnte, wenn er die Gelegenheit gehabt hätte."

Mit Intimitäten wie diesen möchte das ehemalige Social-Media-Monster Gaga ganz direkt und ungefiltert Kontakt zu ihren Fans und Zuhörern aufbauen, im Sentiment vereint: "Es gibt bestimmt viele Leute da draußen, die glauben, es wäre unmöglich, dass Lady Gaga etwas mit ihnen gemeinsam haben könnte", sagt sie, ein Umstand, dem nun mit gefühligen Familientherapie-Liedern Abhilfe geschaffen werden soll.

Von Neuerfindung oder gar Image-Korrektur will die 30-jährige aber nichts wissen: "Haben wir das nicht schon oft genug durchgekaut?", fragt sie, etwas ungeduldig. "Egal, ob ich hier als Stefani, Joanne oder Lady Gaga sitze, ich bin die, die ich bin. Es gab noch nie einen Unterschied zwischen meiner privaten und meiner Bühnen-Persönlichkeit. Leute fragen mich oft, ob ich mich hinter all den Masken und Kostümen verstecken wollte. Im Gegenteil: Ich habe mich offenbart! Es gibt keinen Marketing-Plan. Ich bin keine Marke."

Clever mag es trotzdem sein, sich gerade jetzt mit wippendem Blondhaar und Jeans als Mädchen von Nebenan zu präsentieren, das auf Bodenständigkeit und Familienwerte baut. Denn es gilt ja vor allem in ihrer Heimat USA, eine in den letzten Jahren tiefer gewordene Kluft zwischen den libertären Küstenmetropolen und dem konservativen Binnenland zu überwinden - nicht nur, um wieder mehr Alben zu verkaufen, sondern auch, um mit einer indirekt politischen Botschaft auch die zu erreichen, die ein Album von Lady Gaga bisher eher auf den Scheiterhaufen werfen würden, als es anzuhören. Nicht zuletzt wird Gaga im kommenden Februar in der Halbzeitpause des Superbowl-Spektakels auftreten. Höchste Zeit, zur Volkssängerin zu werden.

Es sei, erklärt sie, auch deshalb so wichtig, geerdet zu sein, weil "wir in einer Kultur leben, die ein Amalgam bildet aus Dingen, die fake sind, aber real erscheinen sollen - und Dingen, die real sind, aber als Lügen bezeichnet werden. Wie navigiert man in so einer Welt? Wie schaffen wir es, trotzdem auf rein menschlicher Basis verbunden zu bleiben?"

Davon, sagt die Unterstützerin von Hillary Clintons Präsidentschaftskampagne, handele auch ihr Song "Perfect Illusion": "Es geht um Liebe und um Beziehungsdinge, aber es geht auch darum, vor dem Fernseher zu sitzen und nicht mehr zu wissen, was wahr und was gelogen ist. Es geht darum, in all dieser Konfusion zu überleben, stark genug zu sein, anzuerkennen, wenn etwas einfach nicht echt ist."

Mit Begriffen wie Wahrheit und Authentizität tat sich der Pop immer schon schwer. Ob die countryfizierte "Joanne" nun die echteste Lady Gaga ist, die es bisher gab, oder auch nur eine perfekte Illusion, das muss wohl jeder für sich entscheiden. Zum Abschied gab es keine Umarmung mehr. Die Umkleide-Entourage wartete schon.


Today

Jetzt kommen die Horror-Clowns auch nach Deutschland

Der Täter trug ein Clownskostüm und hielt einen Baseballschläger in der Hand: Damit ging er laut der Polizei in der Nacht zum Freitag auf einen 19-Jährigen in Rostock los. Der Clown schlug mit dem Baseballschläger auf sein Opfer ein, schubste den Teenager zu Boden und bedrohte ihn. Der 19-Jährige trug Prellungen und Blutergüsse davon.

In der gleichen Nacht hat in Rostock außerdem ein Clown einen 15-Jährigen mit einem Messer verfolgt. Ob ein Zusammenhang zwischen beiden Fällen besteht, gab die Polizei nicht bekannt.

Klar ist: Auch in Deutschland ziehen sich Menschen Clownsmasken über und finden es witzig, andere zu erschrecken. Immer mehr solche Fälle gab es in den vergangenen Tagen – sie sind offenbar inspiriert von den zahlreichen "Clown Pranks" in den USA: