Leute, die auf Konzerten Gitarrenriffs mitsingen, fahren auch im Sommer an den Ballermann. Gerade auf Festivals ist es sehr beliebt: die Texte der Band nicht kennen, außer vielleicht von dem Song, der bei Spotify ganz oben ist. Und stattdessen die Gitarrenriffs mitgrölen. Dafür muss man nicht textsicher sein. "Döp, döp, döp" – passt immer.

Das hier meine ich:
Je größer das Festival, desto schlimmer. 

Mir ist das zum ersten Mal auf dem "Hurricane"-Festival aufgefallen, es ist schon ein paar Jahre her. Damals waren die Strokes Headliner. Kurz war es beeindruckend, schnell aber vor allem nervig, wie es die Masse schaffte, wirklich jedes noch so unsingbare Riff irgendwie doch mitzusingen. Von der Musik blieb nicht mehr viel übrig – ich bemühte mich, im "Döp Döp"-Wirrwarr noch die Gitarren rauszuhören.

Nach ungefähr der Hälfte des Sets hielt ich es nicht mehr aus und stellte mich an den Rand, möglichst nah zu den Lautsprechern. 

Seitdem versuche ich, große Festivals zu meiden.

Denn ich kann solche Konzerte nur schwer ertragen. Natürlich ist mir klar, dass es bei einer Live-Show auch immer ums Gemeinschaftsgefühl geht. Darum, zusammen zu springen, zu singen, mit den Armen zu wedeln.

"Das Vergnügen, das Popmusik erzeugt, ist ein Vergnügen der Identifikation – mit der Musik, die wir mögen, mit den Künstlern, die diese Musik spielen, mit allen Gleichgesinnten, die das Vergnügen an dieser Musik mit uns teilen", sagt der Soziologe Simon Frith.

Für Popkonzerte heißt das: Dort kann man einfach mal Teil einer Masse sein, einfach mal mitmachen, ohne sich abgrenzen zu müssen. In Zeiten, in denen ständig überall dazu aufgerufen wird, dass wir alle noch viel individueller sein müssen, tut das sicherlich ganz gut.

Vielleicht ist genau das auch der Grund für den immer noch anhaltenden Boom der Konzertkultur. Festivals sind erfolgreicher denn je. Die allermeisten Musiker ziehen den Großteil ihrer Einnahmen aus ihren Auftritten. 

Plattenverkäufe spielen kaum noch eine Rolle. Jeder David-Guetta-Hörer geht auf Konzerte und Festivals – eben auch Leute, die im Sommer an den Ballermann fahren oder zu Spielen der Nationalmannschaft ins Fußballstadion gehen. 

Und genau dort läuft zwischendurch mit ziemlich großer Sicherheit irgendein Remix von "Seven Nation Army". Ein "White Stripes"-Hit, der über die Jahre regelrecht kaputtgegrölt wurde:

"Dööp dö dö dö dö dööp dööp!"

Früher mochte ich den Song. Heute nicht mehr. Er wirkt einfach abgenutzt

Schaut euch einfach mal das an:
Bitte nicht falsch verstehen: Ich bin gern unter Leuten, die ähnliche Musik mögen wie ich. 

Auch ich gehöre gerne dazu. Nichts hasse ich mehr, als Konzerte, auf denen Leute nur herumstehen, bei Ansagen der Band ein wenig schmunzeln und sich dann darüber beschweren, wenn ihnen jemand auf die Füße tritt. Anderen Leuten auf die Füße zu treten, tanzen, sich mitreißen lassen, das ist auf Konzerten ausdrücklich erlaubt.

Trotzdem: Wenn ich auf ein Konzert gehe, mache ich das immer noch zuallererst wegen der Musik. Und um mich in einem Publikum wohlzufühlen, müssen sich zumindest einige von ihnen auch für die Musik interessieren. 

Ansonsten sind die Döp-Göler in der Überzahl. Wer wegen der Band da ist, wird zur Minderheit.

Selbst auf kleineren Konzerten passiert das. Bei Roosevelt zum Beispiel. Eigentlich macht die Kölner Band um den ehemaligen Beat!Beat!Beat!-Drummer Marius Lauber recht zurückhaltenden Elektropop. Und das Konzert war sehr gut. Doch bei ihrem größten Hit "Fever" fiel einigen Fans um mich herum nichts anderes ein, als die sanfte Synthie-Melodie lautstark mitzutöröten. 

Herzlich Willkommen in der Großraumdisco!

Natürlich gibt es keine richtigen und keine falschen Fans. Es ist völlig okay, wenn man nicht jeden oder sogar gar keinen Song einer Band kennt. Wie oft bin ich schon mit Freunden auf ein Konzert gegangen, bei dem ich überhaupt nicht wusste, was auf mich zukommt. 

Umso mehr habe ich mich aber bemüht, genau das zu ändern. Und das geht nicht, ohne erst mal einfach nur zuzuhören.

Wie siehst du das?

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