Bild: instagram.com/kizofficial [Foto: Fabian J.R. Raclet]
Ihr feiert "Hurra die Welt geht unter", wollt mehr davon, wisst aber nicht, was das eigentlich ist, was die machen? Ein Erklärungsversuch:
Warum ist der Song so unfassbar gut?

Das Hitpotenzial des Songs aus dem gleichnamigen K.I.Z.-Album ergibt sich wohl einerseits aus dem bockstarken Chorus und andererseits aus den blitzgescheiten Lyrics, deren Kernbotschaften so klar formuliert sind, wie man es sonst nur von Antifa-Bannern kennt. Gab es überhaupt schon mal einen deutschsprachigen Chorus, der so straight, so lyrisch und gleichzeitig so sagenhaft stark performt daherkam? Kein Wunder, dass sich das Publikum bei Live-Darbietungen Sorgen um den Sänger macht:

Wer ist der Mann mit der Stimme eines alten Seebären?

Wahrscheinlich bin ich nicht der einzige Hörer aus der Deutschrap-Ecke, dem der Name Henning May so gar nichts sagte und der vor dem Release des Videos davon ausging, der Typ müsse ein mindestens 50-jähriger Kettenraucher mit Hang zum Schnaps und ausufernden Partynächten sein. Weit gefehlt. Mitte 20 und die Statur eines Leistungsträgers in einer Bezirksliga-Tischtennismannschaft, der sich von liebevoll belegten Lyonerwurst-Stullen, Müsliriegeln und Apfelmost ernährt. Umso beeindruckender kommt sein Stimmvolumen und die Klangfarbe daher.

Worum geht es in dem Track eigentlich?

In den Brüsten der Interpreten schlagen nicht nur biologisch betrachtet mindestens zwei Herzen: Die Welt, deren Untergang besungen wird, ist diese widerwärtige Welt von Gentomaten, Geldgier und von religiösem Fanatismus: eine Welt, die sich eigentlich nur im Rausch ertragen lässt. Selbstverständlich tummeln sich aber alle Beteiligten auch extrem gerne lebenslustig in den Sphären, in denen Spaß und Rausch vorherrschen. Der 2015er Festivalsommer wäre ohne sie wohl nicht derselbe gewesen.

Wie weit liegen K.I.Z und AMK auseinander?

K.I.Z. wurde diesen Festivalsommer die Ehre zuteil, unangekündigt nach Ende des offiziellen Programms auf der Main Stage des Splash!-Festivals den Schlussstrich zu ziehen. Die Kostüme waren wohl eine Leihgabe aus dem staatlichen Uniformarchiv von Nordkorea; und auch die Mitgröhlrefrains à la "Hurensohn" dürften auf diejenigen, die sich erst seit dem Überraschungshit zur Fanbase gesellt haben, befremdlich gewirkt haben:

Genauso dürften K.I.Z.-Fans, die mit dem Gedanken spielen, in die Welt von AnnenMayKantereit umzusteigen, irritiert von der Schwere und der emotionalen Tiefe der Lyrics sein, die Henning May da herausbrüllt/krächzt/singt/säuselt. Versteht mich nicht falsch: Das ist phasenweise alles total unbeschwert genießbar – aber ab und an ballert dann doch komplett ironiebefreite Melancholie durch:

Was machen K.I.Z denn sonst so?

Im Gesamtwerk von K.I.Z. wimmelt es von souverän vorgetragenen Standpunkten, die den gewünschten Status quo des bundesdeutschen Establishment infrage stellen. "Welt"-Redakteur Felix Zwinzscher verurteilte etwa den Track "Boom Boom Boom" wegen gewaltverherrlichender Textpassagen und warf dem dazugehörigen Video "Ku-Klux-Klan-Ästhetik" vor.

Genau diese beinahe unkenntlich gemachte, brutal unscharfe Trennlinie zwischen Ironischem und Unironischem ist ein durchgängiges Merkmal aller Äußerungen aus dem Hause K.I.Z. Weder in Interviews mit den Künstlern noch in irgendeiner Zeile, geschweige denn in Pressetexten werden die Hörer darüber aufgeklärt, wo der Spaß aufhört und wo der Ernst beginnt – was die Musik für Zartbesaitete quasi ungenießbar macht und für Orientierungssuchende ein unglaublich breites Interpretationsspektrum birgt.

Wir sind Taka-Tuka Ultras, scheißen auf Disneyland. Ich trag die Nike Shox mit eingenähter Kinderhand. In der Schule hatte ich eine 1 im Tiere quälen. Nach meinem Uppercut kannst du dein Arsch ohne Spiegel sehen.
K.I.Z

Die Zeilen stehen sinnbildlich für den bunten Blumenstrauß an Themen zwischen Spaß und Ernst. Messerscharfe Gesellschaftskritik gemischt mit spätpubertären Statusspielen und Drohgebärden. Zeile für Zeile kann jeder Hörer aufs Neue entscheiden. Empören oder Genießen.

Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass sogar ich trotz meiner Teil-Sozialisierung durch das sprachlich und inhaltlich doch sehr verrohte Frühwerk von Kool Savas mit dem Video zu "Ein Affe und ein Pferd" zunächst nicht so richtig klar kam. Spaß (oder Ernst?) hatten für mich spätestens an der Stelle ein Loch, an der im Video eine Wassermelone von einem Springerstiefel am Kantstein zertreten wird – mit Maxims Kopf in Gehweg-Knabber-Stellung direkt daneben. Den NSFW-Hinweis spar’ ich mir, die erwähnte Szene gibt’s bei Sekunde 80 bis 84:

Klappe zu, Affe tot: Fest steht, K.I.Z. haben sich für "Hurra die Welt geht unter" im Vergleich zu ihrem üblichen Sprachregister rhetorisch arg am Riemen gerissen. Auch das dürfte Anteil daran haben, dass der Song von den Musikredakteuren der Mainstreamradios wohlwollend in die Rotation aufgenommen wurde.

Wer in der Diskografie von Tarek, Maxim, Nico und DJ Craft nach hurraeskem Liedmaterial Ausschau hält, wird es auch finden – allerdings inmitten ablenkender Ironie und genretypischer Battle-Rhetorik.

Und wie sieht es nun mit AnnenMayKantereit aus?

Die drei Jungs mit den Nachnamen Annen, May und (Überraschung!) Kantereit haben auf der Straße angefangen und sind damit wohl deutlich mehr "real" und "street" als viele der Genre-Wettbewerber der Jungs von KIZ. Das erste Album wurde sogar komplett unabhängig und teils draußen, auf der Straße, aufgenommen.

Straßenmusik also. Kennt ihr noch? Der allgegenwärtige musikalische Soundtrack der Einkaufsstraßen bevor die großen Modekaufhausketten damit begannen, ihren Kaufmotivations-Pop auch raus auf die Straße zu plärren. Das Publikum kann sich seine Straßenmusikanten nicht aussuchen: Mal singt Genie, mal Wahnsinn, mal dudeln peruanische Panflöter mit Synthi-Begleitspur und scheinbar traditionellen Stammesgewändern aus Winnetou-Filmen. Die Straßenmusiker haben’s aber auch nicht leicht. Sie müssen mit dem Publikum leben, das wohlwollend stehen bleibt – wenn überhaupt jemand stehen bleibt. Durch diese Schule musst du als Musiker erst mal psychisch unbeschadet durch – und das ist nicht einfach.

Im Rahmen eines schon 2013 aufgenommenen Flash-Mob-Auftritts in einem mit jungen Studentinnen und Studenten gefüllten Vorlesungssaal sieht man die Bandbreite der Gegenliebe für die unfreiwillige Beschallung sehr eindeutig auf den Gesichtern der Anwesenden:

Von Rührung und Begeisterung bis zu völligem Unverständnis ist alles dabei. Und das obwohl im Vorlesungssaal wohl prozentual mehr Zuhörer zur Zielgruppe der Jungs gehören dürften als im Strom der Passanten in städtischen Innenstädten auf der Straße. Man stelle sich vor, die Kannibalen in Zivil wären höchstpersönlich in den Reihen des Vorlesungssaals anwesend gewesen. Wäre die Performance ihr Ding gewesen? Wäre "Hurra die Welt geht unter" vielleicht schon 2013 – oder ebenfalls möglich: nie – entstanden? Hätten sich AnnenMayKantereit statt Kraftklub das Berlin-Verbot von K.I.Z. eingefangen?

Beim Eintauchen ins noch junge und umfangarme Gesamtwerk von AMK wird jedenfalls schnell klar, dass sich auch Henning May üblicherweise anders ausdrückt, als auf "Hurra die Welt geht unter". Wo bei K.I.Z. Ironie und Punchlines die Sicht auf die nackte Kernbotschaft verdecken (beziehungsweise die Sinnsuche in den Songs erst interessant machen), bedienen sich AnnenMayKantereit anderer Stilmittel. Blues-typisch erzählen die Instrumente zum Beispiel bei "Oft Gefragt“ ihre eigene Version der gesungenen Geschichte, wenn Henning Mays Gesang für eine Weile aussetzt. Darüber hinaus wird dankenswerterweise auf ein schlagermäßiges Herausplärren der Grundbedeutung des Songs im Chorus verzichtet. "Mama, ich hab’ dich echt voll lieb, ehrlich jetzt!" würde dem Song auch einfach nicht so richtig gut zu Gesicht stehen.

K.I.Z. und AnnenMayKantereit: Ziemlich beste Freunde

Gefühlsbetonter Blues-Gesang trifft auf provokantes Gespitte. In "Hurra" funktioniert das. Und erstaunlicherweise funkt es auch bei den Fans: Viele K.I.Z.-Fans haben sich über die üblichen Kanäle schon Informationen darüber eingeholt, was dieser Henning eigentlich so macht, wenn er nicht gerade mit der Stimme eines isländischen Hufschmieds den Weltuntergang besingt. Ein paar der Suchenden hat’s bei YouTube in die Kommentar-Sektion zur Ballade "Oft Gefragt" verschlagen. Und siehe da, die Rührung, Begeisterung und der Respekt vor der doch so andersartigen Musik überwiegen und der Mantel der Coolness fällt schneller als den meisten lieb sein dürfte:

So geht Hit: Konsens statt Sell-out

Mit etwas Geduld können Umsteiger aus beiden Camps in der Klangwelt der anderen Partei glücklich werden. Der Schlüssel liegt in der Dekodierung der jeweils anderen Herangehensweise an die besungenen Stoffe. AMK-Hörer müssen sich darauf einlassen, die für sie persönlich sinnstiftenden Aussagen der K.I.Z.-Verse aus einem je nach Song mehr oder weniger dichten Gewirr von Schimpftiraden, Gewaltverherrlichung und Ironie herauszuzwirbeln.

Andersrum werden Rap-Fans aus dem K.I.Z.-Lager bei AMK mit offenen Armen empfangen. Manchen wäre sicher die distanzierte Faust oder ein High Five lieber. Aber AMK Songs lassen ihre Hörer nicht wählen, ob sie das berührt oder nicht. Du hast als Hörer nur eine Entscheidung zu treffen: Lässt du es zu, oder ziehst du die hochgekrempelten Ärmel deines Longsleeve-Shirts schnell nach unten über die Gänsehaut auf deinen Unterarmen und hechtest zurück hinter die Grenzen deines Lieblingsgenre.

"Hurra die Welt geht unter" ist ein herrlich klingender Konsens, der die Musik beider Bands einem breiteren Publikum zugänglich macht, ohne dass irgendjemand dabei seine Seele dem Pop verkaufen muss.

So, ich ruf’ jetzt meine Mama an.