Ein himmelblauer Ford Granada und ein Bolzenschneider: Mehr braucht es nicht, um die Welt ein kleines bisschen zu verändern. 

Diese Geschichte erzählt das neue Musikvideo der Hamburger Band Kettcar. Und sie zeigt, wie viel wir aus der eigenen Vergangenheit lernen können.

Ein junger Mann bricht von Hamburg aus auf. Es ist der Sommer 1989. Sein Ziel: Österreich. Sein wahres Ziel: illegal die Grenze zu Österreich öffnen – um Menschen zu Helfen. 

Sein Weg wird vom Sprechgesang des Kettcar-Sängers Marcus Wiebusch begleitet: "Die letzten 100 Meter weiter durch das hohe Gras, hinein in das kleine Wäldchen. Die Grenzpatrouille um 3:30 abgewartet. Taschenlampe raus: drei mal kurz, zwei mal lang. Und dann auf der Lichtung sah er sie. Sie kamen. Gerannt."

Der Protagonist des Videos schneidet Löcher in den Grenzzaun, lässt eine Gruppe Flüchtlinge raus aus dem Ostblock, hinein nach Österreich. Es sind Familien. Sie haben alles zurückgelassen für ein neues Leben, für einen Traum. 

Keine Champagnerkorken, kein Konfettijubel, nur große Erleichterung und noch größere Erschöpfung.

Zurück in der WG-Küche wird gestritten: War die Aktion richtig? Durfte er das? Es ginge ja nicht vorrangig um die Menschen – sondern um das große Ganze. 

Aber es geht eben doch um Menschen. Immer.

Das Video ist nicht nur eine kleine Geschichtsstunde, sondern auch ein Kommentar gegen Hetzer und Hass, Pegida und AfD

Es zeigt: Unsere so oft bejubelte Wiedervereinigung begann mit ähnlichen Bildern, wie man sie auch heute im Fernsehen sieht. Verzweifelte Menschen an der ungarischen Grenze. Familien, die sich komplett entwurzelt haben, weil ihr Leben in ihrer Heimat nicht mehr tragbar ist. 

Sie bedankten sich tränenreich und vielmals für alles, in einer Sprache und einem Dialekt, den er kaum verstand. Er vermutete damals, dass das Sächsisch war.

Die DDR-Flüchtlinge liefen nicht vor Krieg davon. Aber sie hatten mit heftigen Repressionen zu kämpfen. Und manche wünschten sich auch einfach ein anderes Leben, mit "Kiwis und Bananen" und "VW mit sieben Sitzen", wie es im Video heißt. 

In jedem Fall konnten und wollten sie nicht länger unter dem bestehenden Regime leben. Genau so ergeht es heute vielen Menschen, die von Rechtsextremen oft "Wirtschaftsflüchtlinge" geschimpft werden.

Es ist nicht das erste Mal, dass Kettcar aus ihrer Musik einen politischen Kommentar machen.

Im Song "Deiche" vom zweiten Album hat sich die Band ebenfalls mit der Wende beschäftigt – und zwar sehr kritisch. Darin zitieren sie den damaligen Kanzler Helmut Kohl, der sagte, es werde durch die Wiedervereinigung niemandem schlechter gehen. "Du weißt, der Kuchen ist verteilt, du spürst, die Krümel werden knapp", ist ihre Antwort aus dem Deutschland 15 Jahre später, in dem es noch immer ein starkes Ost-West-Gefälle gibt.

Vor drei Jahren bekam Sänger Marcus Wiebusch viel Aufmerksamkeit für ein Solo-Projekt, das sich mit dem Thema Homosexualität im Profifußball auseinandersetzt. Das Video zum Song "Der Tag wird kommen" (YouTube) ist eine Art Kurzfilm – ähnlich wie beim aktuellen Lied, das wieder ein mal zeigt:

Wenn Marcus Wiebusch den Mund aufmacht, sollte man zuhören.


Gerechtigkeit

Ein Museum will nicht, dass eine Besucherin ihr Baby stillt – das ist ihre Reaktion

Wenn ein Baby Hunger hat, dann sollte es gestillt werden – klar. Wobei, nicht alle scheinen das zu wissen: Ein Mitarbeiter eines Kunstmuseums aus London weiß es offenbar nicht.

In der Skulpturen-Ausstellung bat er eine Mutter, die gerade ihr einjähriges Kind stillte, umgehend die Brust zu bedecken. "Ich bin perplex", schrieb die Mutter daraufhin auf Twitter. "Man sah für eine Nanosekunde meinen Nippel und ich werde direkt gebeten, etwas drüber zu legen."