Bild: Stefanie Theiß / Fraunhofer IDMT
Karlheinz Brandenburg hat iTunes und Spotify ermöglicht

r ein neues Album muss heute niemand mehr in einen Plattenladen laufen und 14 Euro ausgeben. Durch iTunes und Streaming-Services wie Spotify sind unsere Lieblingssongs heute potenziell überall und oft sogar komplett kostenlos.


Die Lösung einer unlösbaren Aufgabe
Kaum ein Mensch trägt so große Verantwortung für diese Entwicklung wie Karlheinz Brandenburg. Der leise, nachdenkliche Elektrotechniker hat die mp3 maßgeblich entwickelt. In dem Audio-Format, das Brandenburg schon als Doktorand zu entwickeln begann, lassen sich Musik-Dateien von einer CD auf ein Zwölftel komprimieren, ohne dass ein Mensch mit normalem Gehör einen Qualitätsverlust wahrnimmt. Eine Aufgabe, die bis dahin als unlösbar galt.



Dabei ging der Song "Tom's Diner" als erste mp3 aller Zeiten in die Musikgeschichte ein. Tausende Stunden lang versuchte die Forschergruppe um Brandenburg, die Datei von Suzanne Vegas Hit von 1987 kleinerzurechnen, aber ohne dass ihre Testhörer einen Unterschied hörten. Die folgenden zwei Tracks sind etwa gleich groß, aber zeigen den Fortschritt, den die Erlanger Forscher machten.

Der amerikanische Journalist Stephen Witt erzählt Brandenburgs Geschichte in seinem kürzlich ins Deutsche übersetzte Buch „How Music Got Free“. Witt schildert den Niedergang der klassischen Musikindustrie ab den Achtzigerjahren anhand dreier Charaktere:

  • Doug Morris, der als Chef des Musiklabels Universal zwar ein hervorragendes Gespür für Künstler hatte, den Trend zur digitalen Musik aber zu spät erkannte.
  • Dell Glover, Schichtarbeiter in einem Presswerk in North Carolina, aus dem er auf abenteuerliche Weise die neuesten CDs schmuggelte, um sie noch vor der offiziellen Veröffentlichung auf Filesharing-Seiten hochzuladen. (Einen Teil von Glovers Geschichte hat Witt für den New Yorker aufgeschrieben.)
  • und Karlheinz Brandenburg, der ab den Achtzigerjahren an einem Fraunhofer-Institut im fränkischen Erlangen an einem Verfahren zur Kompression von Audio-Dateien arbeitet.
Brandenburg wollte manche Folgen seiner Erfindung nicht

Zweimal ist Witt für längere Interviews mit Brandenburg nach Deutschland gekommen. Das Ergebnis gefällt dem 61-Jährigen: „Der Geist der Dinge ist gut getroffen“, sagt er. Dabei schildert Witt den deutschen Professor nicht nur schmeichelhaft: Als genialen Erfinder zwar, aber auch als eine moderne Version von Goethes Zauberlehrling, der die einschneidendsten Folgen seiner Kreation so nie wollte.

Denn Begeisterung für die mp3 kam aber nicht bei Plattenbossen wie Morris auf, sondern bei Raubkopisten wie Glover. Um Musik-Tracks über die schmalen ISDN-Verbindungen der späten Neunzigerjahre zu verteilen, mussten die Dateien so klein wie möglich sein. Brandenburgs Erfindung ermöglichte es Millionen Menschen, von ihrem Computerzimmer aus ganze Alben von illegalen Filesharing-Services wie Napster und Kazaa zu ziehen.


Witts Buch "How Music Got Free" gibt es hier auf Deutsch zu kaufen.
Karlheinz Brandenburg und seine Forschergruppe im Jahr 1987(Bild: Kurt Fuchs / Fraunhofer IIS)

Eine Stunde auf ein Album warten statt 20 Mark dafür zu zahlen – das schien gerade Jugendlichen als der bessere Deal. Mit heftigen Folgen für Labels und Künstler: Seit 1997 hat sich sich der Umsatz der Musikindustrie alleine in Deutschland mehr als halbiert. In den USA traf es die Plattenfirmen noch schlimmer.

Brandenburg wollte diese Entwicklung nie, die Attitüde der Raubkopierer ärgert ihn seit jeher: „Die Menschen, die uns tolle Musik bringen, haben ein Recht, dafür entlohnt zu werden.“

Eine CD für 12 Stunden Musik

Doch Brandenburg lernte erst im Laufe der Jahre, realistische Geschäftsmodelle hinter seinen Erfindungen mitzudenken. Als der junge Doktor Ende der Achtzigerjahre nach Anwendungsmöglichkeiten für sein Format gefragt wurde, habe er geantwortet: „Wir könnten eine CD herstellen, auf die 12 Stunden Musik passt.“ Wie lange Adele wohl bräuchte, ein Album mit 200 Songs aufzunehmen?

"Leute, man kann Dinge nicht un-erfinden."
Karlheinz Brandenburg

Dass Millionen Menschen einmal ihre CDs selbst brennen würden, darauf sei er Ende der Achtzigerjahre noch nicht gekommen, sagt Brandenburg. Der CD-Brenner für jeden PC lag da noch einige Jahre in der Zukunft. Anfangs hätte seine Forschergruppe an digitalen Hörfunk gedacht. Später hoffte der Erfinder, die traditionelle Musikindustrie würde sein Format nutzen, um eigene digitale Plattenläden zu etablieren.

Versagt haben aus Sicht des mp3-Erfinders aber vor allem die Spitzen der Musikindustrie: Statt ihr eigenes iTunes aufzubauen, versuchte ihr Verband, mp3-Player per Klage zu verbieten. Während über die Netze amerikanischer Colleges bereits eifrig Musik ausgetauscht wurde, erinnert sich Brandenburg, hätten die Label-Chefs noch Lobbyisten nach Erlangen geschickt, „um uns zu sagen, dass wir diese mp3-Geschichte doch lassen sollen.“ „Leute, man kann Dinge nicht un-erfinden“, habe er geantwortet.

Legale Alternative für Musik-Downloads

Schließlich überzogen die Musiklabels einzelne, oft minderjährige Raubkopierer mit teuren Copyright-Klagen und ruinierten ihren Ruf in der jungen Zielgruppe völlig. Als die Plattenfirmen schließlich begannen, die neue, digitale Welt zu akzeptieren, präsentierte Steve Jobs mit iTunes eine legale Alternative für Musik-Downloads. Nur mussten die Labels von jedem dort verdienten Euro 30 Cent an Apple abgeben. „Der Prozess wäre so oder so gekommen. Er hätte aber schmerzfreier für die Labels ablaufen können“, resümiert Brandenburg.

Im diesem Schallabor wurde die Klangqualität der mp3 getestet(Bild: Kurt Fuchs / Fraunhofer IIS)

Ihn selbst machten seine mp3-Patente reich und erfolgreich. 2000 verließ er Erlangen, um im thüringischen Ilmenau ein neues Fraunhofer-Institut aufzubauen, das er bis heute leitet. Dort betreut Doktoranden und erforscht mit ihnen aktuell Wege, Open-Air-Konzerte wie Veranstaltungen in Konzerthallen klingen zu lassen.

Streaming statt Downloads

Auch die Musikwelt hat sich weitergedreht: Statt Downloads ist nun Streaming im Trend. Auch Brandenburg streamt Musik, glaubt aber nicht, dass Spotify und Co. CDs und Downloads komplett ersetzen werden. „Wenn Sie mit dem Auto übers Land fahren, haben sie sicher keine stabile Internet-Verbindung. Da freuen Sie sich über Ihren mp3-Player.“

Für seine Erfinderehre spielt das keine Rolle mehr. Auch für die Kodierungstechniken, mit denen Spotify und Apple Music Musik über das Internet streamen, seien „mp3“ oder die Nachfolge-Technologien „Ogg Vorbis“ und „High Efficiency AAC“ essenziell, sagt Brandenburg. „Da steckt noch genug von unserer Technologie drin“.

Kostenlos Musik streamen ist wie Kleidung kaufen bei Primark, meint unser Autor.

Hatte Deutschland nichts von der mp-3, Herr Brandenburg?

Die mp-3 gilt als deutsche Erfindung der verpassten Chancen. Ihre Technologie wurde zum großen Teil mit deutschen Forschungsgeldern entwickelt, vom Boom der mp-3-Player und digitalen Musik profitierten Apple, Sony und andere ausländische Konzerne.

Auch Autor Stephen Witt wundert sich in einem Interview mit Pitchfork über Brandenburgs fehlenden Geschäftssinn: „Brandenburg had a terrific understanding of technology and human anatomy and mathematics, but the guy couldn’t even patent the most obvious device that he invented, the portable music player.“

Brandenburg wehrt sich gegen Witts Vorwurf. Ein Patent für den mp3-Player wäre gar nicht möglich gewesen, „weil die Idee sowas von offensichtlich war“. Der Chip, der die Daten im mp-3-Player dekodiert, sei der gleiche, der vorher schon in Radios angewendet worden sei. Auf eine Idee, die für Experten in dem Gebiet trivial sei, kriege man aber kein Patent. Deswegen hätten es die Fraunhofer-Entwickler gar nicht erst versucht.

Deutsche Firmen hätten durchaus versucht, sich mit mp-3-Playern am Weltmarkt durchzusetzen, aber eben ohne Erfolg. Das Format mp3 sei aber natürlich patentiert und bringe der Fraunhofer-Gesellschaft viel Geld - bis heute angeblich einen zweistelligen Millionenbetrag jährlich.

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