Bild: Citara
#IStandWithLeila

Krist und Msallam haben so eine Reaktion nicht erwartet. "Ich war echt überrascht, dass die Leute wegen einem Konzert so einen Aufstand in den sozialen Netzwerken machen", sagt Msallam. "Das ist in Amman was ziemlich Neues."

Eigentlich wollte die Band Mashrou’ Leila (was so viel heißt wie Nachtprojekt) in der jordanischen Hauptstadt Amman auftreten. Die Musik der libanesischen Band wird gerne als "Soundtrack des Arabischen Frühlings" bezeichnet. Sie singen von Freiheit – sexueller, religiöser, politischer. Oder besser gesagt davon, dass es die in vielen arabischen Ländern nicht gibt.

Damit ist Mashrou’ Leila auch in Jordanien bei der Jugend beliebt, die sich eine offenere und liberalere Gesellschaft wünscht. Sie hat auf das Konzert in Amman hingefiebert, es sollte ein riesiges Event werden. Zumal in besonderer Kulisse, einem alten römischen Amphitheater. Viele sind extra angereist. Auch Palästinenser und Israelis.

Sind "Mashrou' Leila" Satanisten? Oder einfach nur unbequem?

In Jordanien gibt es aber auch Personen, bei denen die Band aus genau denselben Gründen ziemlich unbeliebt ist. Führende Politiker und Religionsvertreter, christliche wie islamische, warfen Mashrou’ Leila vor, den Teufel anzubeten.

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Im Songtext von "Djin" heißt es etwa an einer Stelle "ertränk meine Leber in Gin / im Namen des Vaters und des Sohnes". Das sei satanisch. Den Eindruck hat womöglich auch das Cover ihres neuen Albums vermittelt. Darauf sieht man einen Mann mit Flügeln und einer Wolfsmaske. Andere wiederum haben sich beschwert, dass die Botschaft der Band nicht mit den Werten und Traditionen der jordanischen Gesellschaft vereinbar sei. Dazu zählt wohl auch, dass der Frontmann offen schwul ist.

Mashrou’ Leila ist in den letzten Jahren mehrfach in Jordanien aufgetreten. Dieses Mal aber haben die Behörden in Amman dem Druck der Konservativen nachgegeben. Und das Konzert zunächst abgesagt. Was dann passiert ist, damit hat wohl niemand gerechnet.

"Dass die ein Konzert absagen, das hier alle zwei oder drei Jahre stattfindet, das hat die Leute echt angepisst", sagt Msallam. Er und Krist könnten auch in Berlin-Kreuzberg rumlaufen. Beide tragen sie Vollbart, Krist mit Dreadies und Msallam eine Hipsterbrille mit dünnen Rändern und eine Frisur, die irgendwie an den schiefen Turm von Pisa erinnert. Sie sitzen im Jadal, einem Kulturzentrum mitten in Amman und schlürfen Schwarztee. Die beiden sind Rapper, ihre Songs sind - wie die von Mashrou’ Leila - oft politisch.

Rapper Krist: "Die Regierung ändert bestimmt nicht ihre Meinung, weil irgendwer auf Facebook etwas postet.“ ​

Weil die Fans der Band so verärgert waren, haben sie eine Protestwelle losgetreten. Unter Hashtags wie #LeilaInAmman oder #IStandWithLeila beschwerten sie sich auf Twitter über den Mangel an Meinungsfreiheit und künstlerischer Freiheit in Jordanien sowie über eine ignorante Gesellschaft.

Auf change.org gab es eine Petition und vor allem auf Facebook wurde heftig diskutiert. Einige Unterstützer machten das Albumcover der Band zu ihrem Profilbild. Auch der Papst sollte angetwittert werden – weil die katholische Kirche in Jordanien ebenso gefordert hatte, die Party zu verhindern.

Letztlich waren es aber nicht nur Fans, die protestierten. Es waren all jene, die sich in Jordanien für Meinungsfreiheit einsetzen. Denn von der gibt es dort nicht so viel, obwohl sie eigentlich in der Verfassung steht.

Der Arabische Frühling hat in Jordanien nie so wirklich stattgefunden. Die Bevölkerung hat sich König Abdullah gegenüber in den letzten Jahren weitestgehend loyal verhalten. Jordanien gilt als moderates Land im Nahen Osten, das Regime als liberal. König Abdullah hat sogar selbst für Reformen gesorgt, zum Beispiel, um Korruption zu bekämpfen. Aber die jordanische Gesellschaft ist noch immer ziemlich konservativ und Religionen, die christliche wie die muslimische, bestimmen den Alltag vieler Menschen.

Songs über Politik oder Religion sind unerwünscht

"Ich lösche viele meiner Songtexte wieder", sagt Krist. Geht es um Politik, Religion oder die Königsfamilie, kann er in Schwierigkeiten geraten. "Herzlich Willkommen, das ist Jordanien. Es gibt hier keine Freiheit." Ähnlich lesen sich auch Berichte von Human Rights Watch oder Amnesty International. Krist war mal 20 Tage im Gefängnis wegen einem seiner Songs, erzählt er.

Der Aufruhr um die Absage des Konzerts ist vielleicht auch ein Versuch der jüngeren Generation in Jordanien, sich einfach mal ein Stück der Freiheit zu nehmen, die sie sich wünschen. Der Protest ging über die sozialen Netzwerke hinaus. "Die Leute waren bereit, auf die Straße zu gehen", sagt Msallam. "Das macht hier in Amman normalerweise niemand wegen eines Konzerts."

Genau darüber waren letztlich wohl auch die Behörden überrascht – und sagten die Absage des Konzerts wieder ab. Für ein arabisches Regime, sei es noch so liberal, ist das ziemlich ungewöhnlich. Schließlich wurde nicht den Konservativen nachgegeben, sondern den Progressiven. "Es gibt noch Wunder", schrieb jemand auf Facebook, als bekannt wurde, dass Mashrou’ Leila doch auftreten darf.

Viele der Online-Aktivisten glauben, dass sie die Behörden mit ihrem Engagement zum Umdenken bewegt haben. "Die haben eine riesige Bewegung gegen das gesehen, was sie da gemacht haben", meint Laith. Er ist einer von denen, die den Protest auf Facebook organisiert haben. "Extrem viele Leute haben in Jordanien über Mashrou’ Leila gesprochen. Ich glaube, die Regierung wollte die Sache nicht noch größer werden lassen, als sie eh schon war."

Rapper Msallam: "Aufstand ist in Amman was ziemlich Neues."(Bild: Hussa Da’na)

Andere sind da skeptischer. Amal Hammoudeh etwa, die Managerin von Citarra; der Event-Agentur, die das Konzert in Amman organisieren sollte. "Ich denke, dass die Protestwelle die Regierung auf jeden Fall beeinflusst hat", sagt Hammoudeh. "So ein Umdenken ist für die Regierung aber nicht normal, weshalb ich vermute, dass es auch internen Druck gab."

Auch Krist glaubt nicht, dass es nur am Protest lag. "Die Regierung ändert bestimmt nicht ihre Meinung, weil irgendwer auf Facebook etwas postet.“ Warum es jetzt doch ein Okay gibt, können sich weder Krist noch Hammoudeh erklären.

Was bedeutet nun der ganze Wirbel? "Ich glaube, dass sich die Mentalität der jungen Leute hier verändert“, sagt Msallam. "Wir haben eine Stimme und wir wollen, dass sie laut ist." Für ihn ist es zudem eine Stimme, die die Regierung endlich nicht mehr komplett ignoriert.

Und die Geschichte macht Mut: "Beim nächsten Mal machen wir eine Online-Kampagne, die noch viel größer ist", sagt Laith.

Wann das nächste Mal sein wird, weiß im Moment keiner. Das Konzert konnte vergangene Woche trotz Zusage nicht stattfinden – die Zusage war zu kurzfristig. Innerhalb von 24 Stunden können man so ein Event nicht organisieren, so die Band. Ein Ersatzkonzert muss wieder neu beantragt werden. "We are working on it", sagt Mashrou' Leila. Erstmal ging es aber auf eine bereits geplante Deutschlandtour: Am 5. und 6. Mai trat die Band in Berlin auf, am 7. Mai in Frankfurt.


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