Olé, Olé, Olé!

Selten werfen so viele Musiker so viele Veröffentlichungen zum selben Thema auf den ohnehin schon übersättigten Musikmarkt wie zu den großen Fußballturnieren. Für gewöhnlich gehen zwei oder drei Songs als die großen Gewinner hervor – üblicherweise die, von denen die Fußballer erzählen, dass sie diese in der Kabine hören (zum Beispiel Xavier Naidoos "Dieser Weg") und die, mit denen ARD und ZDF einem ständig die Gehörgänge penetrieren ("Jeder für Jeden, ihr wisst schon").

Die anderen verschwinden sehr schnell wieder aus dem kollektiven Gedächtnis. Was für ein Glück für die Urheber der musikalischen Eintagsfliegen.

Für diesen Artikel haben wir ein paar besonders peinliche Wannabe-Hits von opportunistischen Stars ausgegraben. Die Interpreten würden sie wahrscheinlich lieber in den Tiefen des Internets vergammeln lassen.

Sportfreunde Stiller: 54 64 90 2010

Ja, der Song hatte zunächst Charme. 2006 – mit seinem ursprünglichen Namen "54 64 90 2006". Bevor die DFB-Auswahl dann doch nur Sieger "der Herzen" und nicht der WM wurde.

2010 wurde eine 4 zum Songtitel addiert und plötzlich grölten alle: "54 64 90 2010". Auf eine Neuauflage des grausam eingängigen Fußballklassikers für die WM 2014 wurde schlauerweise verzichtet - der Refrain wäre einfach zu holprig geworden. Und siehe da: Endlich klappt's auch mit dem WM-Titel.

Azad: Alle Mann

Azad, das Gangstarap-Urgestein, gilt noch heute als extrem respektabler Player im Deutschrap-Game. Seine Frankfurt-Brudis um Celo, Abdi und Haftbefehl loben ihn in höchsten Tönen und schreiben ihm nicht nur die Vorreiterrolle für das Genre, sondern auch Legendenstatus zu.

Zur EM 2012 riskierte er diesen Status mit einem Business Move, der scheinbar aufgegangen ist.

"Kein Weg ist zu weit/
kein Ziel, das man nich' erreicht/
ein Team, wenn man sich vereint/
reinknie'n, denn es wird nich' leicht/
und kein Spiel, doch wir sind bereit/
unser Herzblut zu vergießen..."

Das sind Reime, welche die Deutschrapszene in peinlich-gekünstelten Azubi-Jahrgangsabschluss-Videos der Bäcker-Innung Wanne-Eickel gerade noch so akzeptieren kann - in passendem Flow vorgetragen und begleitet von dämlichen Yo-yo-yo-Handbewegungen.

Einem Rapper von Azads Kaliber wird so ein widerlicher Mainstream-Anbiederungs-Move aber für gewöhnlich nicht verziehen. Für gewöhnlich… Aber EM ist EM. Wenn's ein Hit wird, geil, Geldregen. Wenn's kein Hit wird, hört sich das Ding zwei Wochen später eh keine Sau mehr an. Dementsprechend dachten sich wohl auch ein paar andere geschäftstüchtige Berufsrapper: "Huch, da mach' ich wohl mal lieber mit" und hüpften mit lachenden Gesichtern in die Qualitäts-Kreissäge: Amar, Ercandize, Hanybal, Harris, Jeyz, KC Rebell, Kitty Kat, Motrip, PA Sports, Silla, Solo und Tone.

Hüttenbrenner: Holt den Pokal

Auch 2012. Auch megaschlecht. Dieses Ding klingt so, als hätte ein übermotivierter evangelischer Pfarrer seine Schäfchen in einem Workshop dazu gezwungen, innerhalb von zwei Tagen und mit arg beschränktem Equipment eine Lobpreishymne zu schreiben und zu produzieren.

Stefan Stürmer & Melanie Müller: Ab nach Frankreich EM-Hymne 2016

Auch wenn Mark Forsters Crowdpleaser jetzt auch nicht gerade das Allergelbste vom Ei ist: Irgendwie ist es schön zu sehen, dass er mit über 10.000.000 Aufrufen bei YouTube mehr als 100-mal beliebter zu sein scheint als dieser grausame Thomas-Müller-Fanchor (knapp 100.000 Aufrufe).

Bellini: Samba du Brazil

Bäh, Bellinis 2014 erschienene Coverversion ihres eigenen Superhits "Samba de Janeiro" von 1997 nervt noch mehr als das Original. Wobei "Original" ein großes Wort ist, wenn man bedenkt, dass es nur ein Rip-off des Samba-House-Krachers "Belo Horizonte" von den Heartists war, das ein Jahr vorher zeigte, wie man geschmackvoll und clubtauglich Airto Moreiras Karnevalsrave "Celebration Suite" aus dem Jahr 1976 sampelt und in die Gegenwart holt.

Alan & Denise: Rummenigge

Okay, das ist ein bisschen länger her, aber Karl Heinz Rummenigge war mal Kult. So sehr, dass Alan & Denise 1983 diesen Klassiker im Subgenre "peinlicher Fußballsong" aufnahmen, in dem es um die sexy Knees des Ex-Bayern-Spielers geht. Und um seinen für englische Ohren wohl sehr lustig klingenden Nachnamen.

Melanie Müller: Deutschland schießt ein Tor!

Dschungelkönigin Melanie Müller und ihre Version von "Deutschland schießt ein Tor!" ist auf so vielen Ebenen unbeschreiblich, dass wir es lieber gleich lassen. Das einzig Positive, das uns dazu einfällt: Das Liedchen ist ein guter Test für die schreibende Zunft. Wer es schafft, keine Sexismen in einem Text über diesen Song unterzubringen, der kann was. Oder ist mit maximal vier Sätzen ausgekommen.

Joachim Deutschland: Eier so groß wie Deutschland

Apropos Sexismus. Um einen Text wie den von "Eier groß wie Deutschland" zusammenzudengeln, braucht man schon … nein, keine Eier groß wie Deutschland, aber irgendetwas mit einem ähnlich hohen Peinlichkeitslevel – wenn das überhaupt möglich ist.

Andererseits: Super Video, um seine Mitmenschen davon zu überzeugen, dass schwarz-rot-güldene Fanutensilien nicht so das Gelbe vom – Entschuldigung – Ei sind.

Bushido feat. Kay One: Fackeln im Wind

Brrr, allein das theatralische Intro mit dem Stadionlärm, der Orgel und den "Olé Olé Olé"-Gesängen reicht schon für mittelschweren Ohrenkrebs. Diese akustische Folter wird allen Ernstes von der Zeile "Ey Yo Deutschland holt die Fahnen raus" unterbrochen, man glaubt es nicht. Später ist noch von "Kampf" und Stolz die Rede. Es war uns absolut unmöglich, dieses grauenhafte Machwerk zu Ende zu hören, seht uns das bitte nach. Definitiv zu wenig Style und viel zu viel Geld bei Bushido und Kay One.


Gerechtigkeit

Was steckt hinter dem "Wannabe"-Remake?
What girls really, really want

"I'll tell you what I want, what I really, really want": Mit dieser Zeile aus dem Song "Wannabe" startete 1996 die Karriere der Spice Girls. 20 Jahre später gibt es jetzt ein Remake des Hits – und zwar für einen guten Zweck. Ähnlich wie im Original singen und tanzen junge Frauen; auch der Text ist der gleiche. Das Setting ist aber ein anderes: Indischer Slum statt Luxushotel, Klassenzimmer statt Restaurant. Und diesmal springen auch nicht die Spice Girls durchs Bild, sondern Künstlerinnen aus Indien, Nigeria, Südafrika, Großbritannien, den USA und Kanada.