Bild: imago
Wie die Band nach ihrem Song angegangen wird.

Es war ein Song, der wohl vielen aus dem Herzen gesprochen hat: Mehr als zwölf Millionen Mal wurde das Anti-AfD-Video von Jennifer Rostock bislang auf Facebook angesehen. In drei Tagen. Der Clip kommt zur entscheidenden Zeit, am 4. September wird in Mecklenburg-Vorpommern gewählt. Jüngste Umfragen sehen die Alternative für Deutschland bei mehr als 20 Prozent.

Das Video ist eine Botschaft, die der aus Mecklenburg-Vorpommern stammenden Gruppe viel Unterstützung eingebracht hat – und viel Ärger.

das hier hatte ich grade in meinem briefkasten. in meinem briefkasten. per brief zu mir nach hause geschickt bekommen an...

Posted by Jennifer Weist on Friday, September 2, 2016
Im Interview mit bento erzählen die Musiker, warum sie ein Zeichen gegen Rechts setzen wollen – und wie sie mit Anfeindungen nach Erscheinen des AfD-Songs umgehen.
(Bild: Jennifer Rostock)

bento: Ihr singt “Nur die dümmsten Kälber, wählen ihre Metzger selber”: Was nervt euch an der AfD?

Jennifer Rostock: Was uns an der AfD ärgert und was wir im Video anprangern, ist, dass sie sich als "Partei des kleinen Mannes" darstellt, aber hinter der Fassade das Gegenteil abzieht. Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt haben wir eine Umfrage gesehen, laut der die meisten AfD-Wähler aus Protest gewählt haben, ohne das Programm zu kennen. Wenn wir mit dem Video ein paar Leute zum Nachdenken bringen können, bevor sie ihr Kreuz machen, wäre da viel erreicht. Ob das klappt, ist im Moment schwer zu sagen, weil die anderen gerade sehr viel lauter brüllen. Zumindest im Internet.

Ob wir die Richtigen erreicht haben, ist im Moment schwer zu sagen, weil die anderen gerade sehr viel lauter brüllen
Jennifer Rostock

bento: Der Hass im Netz war krass. Wie geht ihr damit um?

Jennifer Rostock: Wenn Leute auf unserer Facebook-Seite ihre braune Scheiße abladen, ist das eine Sache. Das ist nicht unser erster Shitstorm und sicherlich auch nicht unser letzter. Wenn Jennifer in ihrem Briefkasten Drohungen auffindet, ist das allerdings etwas anderes. Alles, was strafrechtlich relevant ist, wird von uns deshalb verfolgt. Wir wollen nicht hinnehmen, dass Hetze und Gewalt selbstverständlich werden.

Das Video, um das sich zurzeit alles dreht:
Wähl die AfD

Am kommenden Sonntag, den 4. September, sind Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern. Auch in Berlin geht es bald wieder an die Wahlurnen. Dazu haben wir hier eine kleine Empfehlung für euch:

Posted by Jennifer Rostock on Tuesday, August 30, 2016

bento: Ist der Song eine Antwort darauf?

Jennifer Rostock: Wir waren vor ein paar Wochen mit Feine Sahne Fischfilet im Rahmen der „Noch nicht komplett im Arsch“-Aktion in Wolgast, dem Ort, in dem Jennifer und Joe früher zur Schule gingen. Es war schön zu sehen, wie viele Leute bewusst in der Gegend bleiben, um sich dem Rechts entgegenzustellen. Nach der Veranstaltung haben wir uns überlegt: Was können wir machen? Und wir sind nun mal Musiker, also machen wir einen Song.

bento: Ihr kommt aus Usedom, dort haben bei der vergangenen Landtagswahl mehr als 20 Prozent die NPD gewählt. Wie habt ihr das erlebt?

Jennifer Rostock: Was im Nachhinein erschreckend ist, ist vor allem die Selbstverständlichkeit, mit der sich diese Nazikacke dort ausbreiten kann. Wenn man dort aufwächst, lernt man schnell, bestimmte Dinge hinzunehmen. Erst nachdem wir weggezogen sind, wurde uns das wirklich bewusst.

bento: In Mecklenburg-Vorpommern ist die Wahlbeteiligung bei jungen Menschen so niedrig wie nirgendwo sonst in Deutschland. Warum?

Jennifer Rostock: Man muss aufhören, zu denken, dass Politik irgendwo da oben stattfindet. Politik ist viel greifbarer, als es jungen Menschen oft vorgemacht wird. Das ist nicht nur in MV ein Thema. In einer Demokratie dauern viele Dinge oft ewig. Das kann anstrengend und manchmal auch desillusionierend sein. Um so gefährlicher sind Parteien, die schnelle Lösungen versprechen.

(Bild: Jennifer Rostock)

bento: Nächste Woche kommt euer neues Album. Wird das eine Anti-AfD-Platte?

Jennifer Rostock: Auf unserem Album geht es um Themen wie Sexismus oder Fremdenfeindlichkeit, klar. Aber das ist nur ein Teil. Alle Themen, die uns berühren und bewegen, haben ihren Platz. Auch Persönliches und Zwischenmenschliches.

Im Video: "Uns gehört die Nacht" von Jennifer Rostock

bento: Auf dem neuen Album singt ihr über Feminismus und spielt auf den Wirbel um Jennifers Brüste an. Hat euch die Debatte darum überrascht?

Jennifer Rostock: Mit einer Frau als Gesicht der Band haben wir in den vergangenen Jahren immer wieder mit sexistischen Ansichten zu tun gehabt, auch wenn uns das erst nach und nach bewusst geworden ist. Die Debatte um Jennifers nackte Brust war nur der Nippel des Eisbergs. Es gibt auch heute noch so viel selbstverständlichen Sexismus in der Welt – auch in der Musikwelt.

Mehr zum Thema auf bento:

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Gerechtigkeit

"Pablo Escobars Tod war eine Erlösung für uns"
"Narcos" in Real Life: Wie eine Kolumbianerin den Terror des Drogenbarons erlebte.

María Eugenia Roldán saß in ihrer Küche, als sie im Radio die Nachricht von der Ermordung des Justizministers hörte. Kolumbien, 1984, es war die Zeit von Pablo Escobar. Der berüchtigte kolumbianische Drogenbaron terrorisierte das Land mehr als zwei Jahrzehnte lang, ging gegen jeden vor, der sich ihm und seinen Drogengeschäften in den Weg stellte.

María ist heute 53 Jahre alt, an diesen Moment vor mehr als 20 Jahren, an den Tod des Justizministers, kann sie sich aber noch genau erinnern. An die Zeit, als es fast jeden Tag solche Schreckensnachrichten gab. María kommt aus Medellín, der gleichen Stadt wie Escobar und war Zeugin seines Terrors. Sie erlebte seinen Aufstieg mit und viele Jahre später auch seinen Fall.

Pablo Escobar machte Kolumbien auf der ganzen Welt bekannt, bis heute werden über den skrupellosen Narco Bücher geschrieben, Filme, Dokumentationen und Serien gedreht. "Narcos" – so nennen die Südamerikaner Drogendealer. Und so heißt auch die erfolgreiche Netflix-Serie über Escobar, die bereits eine zweite Staffel hat. Der Mythos um ihn fasziniert die Menschen bis heute.

In der Slideshow: Wie "Narcos" die Geschichte von Escobar erzählt