Bild: dpa / Henning Kaiser
Sie ist 18 und vertritt Deutschland beim ESC in Stockholm.

Jamie-Lee Kriewitz sitzt auf dem Sofa einer Altbauwohnung im Berliner Bezirk Pankow. "Berlin" heißt auch ihr Debüt-Album, das am 29. April erschienen ist. Jamie-Lee ist im März 18 geworden und würde gerne bald in die Hauptstadt umziehen, hatte sie in Interviews erst kürzlich gesagt, bis auf weiteres wohnt sie aber noch zuhause im niedersächsischen Springe, nicht weit von Hannover. Von dort stammt auch Lena Meyer-Landrut, die nur wenig älter als Jamie-Lee war, als sie vor sechs Jahren beim Eurovision Song Contest in Oslo für Deutschland gewann.

Am 12. Mai wird nun Jamie-Lee beim ESC in Stockholm mit ihrem Song "Ghost" antreten, der beim Vorentscheid in der ARD mit großer Mehrheit vom Publikum ausgewählt wurde. Wie Lena sammelte auch Jamie-Lee erste Bühnen- und TV-Erfahrungen in einer Casting-Show. Sie gewann im letzten Jahr für ihre Sendungspaten Smudo und Michi Beck von den Fantastischen Vier die 5. Staffel der ProSiebenSat1-Show "The Voice of Germany".

Rückblick in der Fotostrecke: So hat sich Jamie-Lee beim Vorentscheid durchgesetzt
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Jamie-Lees Vater ist Musiker und spielte Schlagzeug in verschiedenen Punkrock-Bands (u.a. 3Zylinder), sie selbst sang im Gospelchor, nahm als Kind mal am Casting für RTLs "Das Supertalent" teil und hat ein Faible für koreanischen K-Pop. Auf der Bühne kleidet sie sich gerne im bewusst verniedlichenden Decora-Kei-Modestil aus Japan. Zum Interview trägt sie allerdings keine Kuscheltiere im Haar, sondern leger-sportliche Alltagsklamotten. Sie wirkt entspannt.

Jamie-Lee, mal ehrlich: Wie aufgeregt bist Du?

Ich bin schon nervös, aber es geht noch. Ich versuche, möglichst gar nicht daran zu denken, aber ich kriege das Thema ESC natürlich im Moment von allen Seiten um die Ohren. Das ist sehr anstrengend, aber es ist gleichzeitig eine so coole Erfahrung, das darf ja nicht jeder machen! Ich versuche es so gut es geht zu genießen und Spaß zu haben.

Worin besteht der Druck, abgesehen natürlich davon, Deine Auftritte beim ESC gut über die Bühne zu bringen und möglichst zu gewinnen?

Naja, viele haben mir gesagt, Deutschland wird dieses Jahr eh nicht gewinnen, egal wer nach Stockholm fährt, wegen der politischen Situation.

Weil sich Deutschland in der Flüchtlingskrise unbeliebt gemacht, wenn nicht isoliert hat? Glaubst Du das auch?

Ich weiß es nicht. Ich bin ehrlich gesagt kein Mensch, der sich viel mit Politik beschäftigt. Ich kann mir schon vorstellen, dass einige Leute deswegen vielleicht nicht für Deutschland voten. Aber es kommt auf so viele Sachen an: wie das Bühnenbild wirkt, welche Leute vorm Fernseher sitzen, wer dann anruft. Es passiert, was passiert, deshalb versuche ich, mir nicht so viel Druck zu machen.

Peace-Fotostrecke: So präsentiert Jamie-Lee sich bei Instagram
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Dein Sieg bei "The Voice Of Germany" muss schon irreal gewesen sein, und jetzt wird alles noch ein paar Nummern größer: Wie kam es zu der Entscheidung, Dich für den ESC antreten zu lassen?

Am Tag nach dem "Voice"-Finale bin ich zu meiner Plattenfirma gefahren, um ein paar Interviews zu machen und zu besprechen, wie es jetzt weitergeht. Da wurde ich schon gefragt, ob ich Lust hätte, am Vorentscheid teilzunehmen. Im Endeffekt lag die Entscheidung bei mir, aber ich musste darüber erst mal nachdenken: Was passiert, wenn ich den Vorentscheid nicht gewinne, finden mich dann alle doof? Ich habe mit Michi Beck darüber gesprochen. Er meinte, ich hätte gute Chancen und was für eine krasse Erfahrung es wäre. Ich habe mir dann vorgestellt, wie cool es wäre, wenn ich es tatsächlich schaffe und dann meinen Kindern in 40 Jahren erzählen kann: Ey, ich war für Deutschland beim ESC! Und dann habe ich einfach zugesagt.

Als Fernsehzuschauer denkt man oft, diese Patenschaften bei "The Voice" sind nur Show. Smudo und Michi Beck von den Fantastischen Vier scheinen sich aber tatsächlich auch jetzt noch als Mentoren um Dich zu kümmern. Wie ist Euer Verhältnis?

Wir schreiben uns oft SMS oder über Whatsapp und waren auch schon privat zusammen auf Konzerten. Es ist schon noch sehr eng, die beiden werden auch in Stockholm dabei sein und mich anfeuern. Kurz vor dem "The Voice"-Finale habe ich zu den beiden gesagt, ich möchte gar nicht so sehr wegen des Plattenvertrags gewinnen, viel wichtiger ist mir, dass der Kontakt zu ihnen erhalten bleibt, weil mir die beiden über die Staffel hinweg so ans Herz gewachsen sind. Wir haben eine richtige Freundschaft aufgebaut. Das freut mich total. Es ist ja nicht selbstverständlich, dass die Chemie so stimmt.

(Bild: Getty Images / Clemens Bilan)
Michi Beck nanntest Du sogar Deinen "Sensei", als wäre er ein asiatischer Kampfkunstmeister, der Dich für das Showbusiness trainiert.

Mit ihm schreibe ich wirklich jeden Tag. Dadurch, dass er so viel älter ist als ich, kann er mir viel helfen. Ich wende mich inzwischen auch mit privaten Problemen an ihn, denn mit seiner Erfahrung im Leben kann er mir bei manchen Sachen viel besser helfen als gleichaltrige Freunde. Für mich ist er im Moment der beste Freund, den ich habe. Er hat für mich auch eine Art Vorbildfunktion, gerade weil er trotz seines Erfolgs so auf dem Boden geblieben ist.

Das ist nicht immer einfach. Wie erlebst Du den Presse- und Medienrummel, der um Dich herum veranstaltet wird?

Was mich am Anfang überfordert hat, waren die Fotografen, zuletzt jetzt auch beim Echo auf dem Roten Teppich. Die schreien einen an: Jamie, guck mal her, mach mal das. Und ich so: Ok, krass, was mach ich denn jetzt? Wo guck ich denn jetzt hin? Meine Manager haben mir dann gesagt, ich muss nicht das machen, was die sagen. Ich mag keine großen Menschenmengen: Alle reden, alles ist stressig und alle wollen was von einem. Ich denke dann oft: Aahhh, lasst mich in Ruhe. Aber langsam gewöhne ich mich daran. Auch daran, dass ich die ganze Zeit fotografiert werde.

Den Drang, Dich in der Öffentlichkeit darzustellen, hast Du aber offenbar schon als Kind gehabt.

Ja, total. Ich liebe es, aufzufallen.

Wann hast Du das zum ersten Mal gemerkt?

Das war so mit 13, in der neunten Klasse, glaube ich. Da sah ich noch komplett normal aus und dachte, ich muss jetzt mal meinen Style ändern. Ich wollte nicht so langweilig aussehen wie alle anderen und hab schon immer versucht, irgendwie aufzufallen. Das ging dann los mit einem Emo-Look, so voll schwarz mit Piercings, Nietengürtel und allem Drum und dran. Ich mag die Aufmerksamkeit, selbst wenn es mal schlechte Kommentare gibt. Hauptsache ich weiß, die denken über mich nach. Ich liebe das. Deswegen hatte ich nie ein Problem damit, wenn mich auf der Bühne alle angeguckt haben.

Woher kommt dieser Darstellungsdrang? Warst Du ein einsames Kind?

Nee, ich hatte immer viele Freunde. Aber ich kann auch gut ein Einzelgänger sein. Ich mag es gerne, für mich zu sein, zuhause abzuhängen und selbst zu entscheiden, was ich mache. Aber nicht, um bewusst einsam zu sein.

(Bild: Getty Images / Dominik Bindl)
Deine Single "Ghost" und auch viele Songs Deines Albums sind eher melancholisch gehalten. Bist Du ein schwermütiger Mensch?

Ich bin vor allem ein sehr emotionaler Mensch und total nah am Wasser gebaut. Ich mag es gerne, auch mal traurig zu sein und alles rauszulassen an Gefühlen, statt alles in mich hineinzufressen. Ich werde schnell traurig, vielleicht schneller als andere. Aber ganz abgesehen davon glaube ich, dass meine Stimme bei solchen Liedern am meisten glänzt. Es würde nicht zu mir passen, wenn ich so super-happy Popsongs singe. Das bin ich nicht.

Auf der Bühne trägst Du bunte Fantasiekleidung im japanischen Decora-Kei-Stil, auch das Cover Deines Album ist in diesem Stil gehalten. War das von Anfang an als Dein Markenzeichen geplant?

Nein, ich laufe eigentlich nur auf Conventions so herum oder mal im Sommer mit Freunden, wenn uns danach ist. Aber nach dem Vorcasting zu "The Voice" gab es ein Interview, in dem ich von meinen Hobbys erzählt habe. Als ich in die nächste Runde eingeladen wurde, hieß es: Bring mal solche Klamotten mit! Davon waren die so begeistert, dass sie gesagt haben: wenn Du es bis in die "Blind Auditions" schaffst, dann kommst Du mit so einem Outfit dahin. So hat es sich ergeben, dass ich nun immer so auftrete. Mir macht das total Spaß, auch wenn es mit der Musik gar nichts zu tun hat.

(Bild: Getty Images / Mathis Wienand)
Ein Image, das also auch lästig werden kann?

Wenn ich keinen Bock mehr darauf habe, dann ändere ich das. Ich glaube, wenn es noch weiter gehen sollte mit der Musik, dann habe ich keine Lust, noch mit 25 in diesem Outfit auf der Bühne zu stehen.

Decora-Kei ist Teil der Kawaii-Kultur, in der es vorrangig darum geht, möglichst niedlich auszusehen. Warum ist das wichtig für Dich?

Es geht mir schon darum, mir etwas Kindliches zu bewahren. Wenn ich ehrlich bin, habe ich mich gar nicht so sehr darauf gefreut, 18 zu werden. Ich mag den Welpenschutz, den man als Minderjährige hat. Ich fühle mich auch jetzt überhaupt nicht erwachsen, und ich mag das auch nicht, dieses strenge, unlockere Verhalten. Man muss sich ja nicht gleich kindisch benehmen, aber man kann vielleicht kindlich bleiben: ein bisschen lockerer sein und mehr Spaß im Leben haben.

Dieses Interview ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.


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