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"Eine gewollte Provokation"

Der "Volks-Rock'n'Roller" Andreas Gabalier ist ohne Zweifel ein Star: Seine Alben stehen in den deutschen und österreichischen Charts regelmäßig auf Platz 1, auf seinen Konzerten singt er vor bis zu 80.000 Fans. Erfolgreicher ist in der Schlagerbranche eigentlich nur noch Helene Fischer.

Aber Andreas Gabalier ist umstritten. Die Vorwürfe: Seine Texte seien homophob und frauenfeindlich, zwischen den Zeilen tauche ein rechtspopulistisches Weltbild auf.

Das wurde erst kürzlich wieder Thema. Andreas Gabalier wurde der Karl-Valentin-Orden der Faschingsgesellschaft Narrhalla verliehen. Die Narren haben keine allzu feste Agenda, was einen Preisträger auszeichnet – der Preis ging unter anderem schon an Til Schweiger, an Edmund Stoiber und Papst Benedikt. (Süddeutsche Zeitung)

Dass nun der "megaparkkompatible Eckbank-Elvis" Gabalier in die Reihe aufgenommen werden soll, war dann doch einigen zu viel. Unter anderem den Erben des Komikers und Philosophen Karl Valentins. Sie sagen: "Es ist nicht hinzunehmen, dass Gabalier mit seinem offenkundigen Spiel mit faschistischen Symbolen, seiner Frauenfeindlichkeit und seiner Homophobie mit dem Namen Karl Valentins in Verbindung gebracht wird." (Zeit)

Den Preis gab es trotzdem – und Andreas Gabalier tat bei der Verleihung so, als könne er all die Aufregung nicht verstehen. Man solle nicht aus einer Fliege einen Elefanten machen, sagte er über die Kritik am versteckten Rechtspopulismus in seinen Texten. Und:

„Es wäre schön, wenn sich manche Kritiker intensiver mit mir beschäftigen würden. Dann wüssten sie, dass an den Vorwürfen aber so gar nichts dran ist.“

Ist das wirklich so? Wir haben einen Experten gefragt. 

Michael Fischer ist geschäftsführender Direktor des Zentrums für Populäre Kultur und Musik der Uni Freiburg. Er forscht zu volkstümlichem Liedgut – aus der Zeit des Nationalsozialismus bis heute. Er weiß also, wann es in einem Schlager nur um Heimat geht. Und wann mit Heimat mehr gemeint ist.

Fischer sagt:

„Was Andreas Gabalier besingt, ist reaktionärer Kitsch und schon nahe an der Selbstparodie volkstümlicher Musik.“

Dennoch dürfe man sich von diesem Kitsch nicht einlullen lassen, das ganze "Hulapalu" mache "einzelne Passagen nicht weniger gefährlich". 

Andreas Gabalier möge ein guter Entertainer sein, aber seine Lieder würden trotzdem fragwürdige Botschaften in sich tragen. 

"Im volkstümlichen Schlager werden meist nur Berge und Wiesen besungen, Gabalier aber wird politisch", sagt Fischer. "Er singt von 'Freiheit', von 'Kameraden' und 'Heimatsöhnen' – damit nutzt er bewusst Begriffe aus einem rechtspopulistischen Umfeld." Viele Bilder, die Gabalier zeichnet, finden sich in alten Soldatenliedern wieder. Eben Adler, die über Gipfel gleiten, Kameraden, die standhaft bleiben. 

1 Im Lied "Mein Bergkamerad" wird das besonders deutlich. Da singt Andreas Gabalier unter anderem:

  • "Kameraden halten zusammen ein Leben lang,
    Eine Freundschaft, die ein Männerleben prägt
    Wie ein eisernes Kreuz, das am höchsten Gipfel steht
    Und selbst dem allerstärksten Sturmwind widersteht"

"Wenn er von einem eisernen Kreuz auf einem Gipfel singt, dann ist das eine gewollte Provokation", sagt Fischer. Die Formulierung erinnere ohne Zweifel an die alte Kriegsauszeichnung: "Das kann kein Zufall sein, soviel Naivität kann man Gabalier kaum unterstellen." 

Das Eiserne Kreuz

Das Eiserne Kreuz war ein Kriegsorden, zuerst für preußische Soldaten, später auch im Kaiserreich und schließlich im Nationalsozialismus. Mit dem höchsten Rang, dem Großkreuz des Eisernen Kreuzes, wurde der NS-Offizier Hermann Göring ausgezeichnet. Nach 1945 gab es das Eiserne Kreuz nicht mehr als Orden, im Logo der Bundeswehr lebt es jedoch weiter.

Mit solchen Begrifflichkeiten – mehr oder weniger zwischen den Zeilen – macht es sich Gabalier entsprechend einfach: Die, die es wissen, die es verstehen, können sich verschwörerisch zuzwinkern. Alle anderen ahnen nichts und schunkeln einfach mit.

2 Auch das Lied "Kleine steile heile Welt" ist voller doppeldeutiger Passagen:

Gabalier erinnert sich in dem Song an eine Heimat aus seiner Kindheit, so, wie sie früher angeblich in der "Milka-Werbung" gezeigt wurde. Unter anderem geht es um kühles Bier, um den ersten Sex im Vollsuff "nach einem Zeltfest" und um das christliche Kreuz an der Wand. Dazu gehört auch diese Passage:

  • "I glaub an den Petrus an der Himmelstür
    Der sagt, komm her zu mir, Buab I muss reden mit dir
    Vaterunser beten, Holzscheitelknien"

Mit Holzscheitelknien ist eine fragwürdige Praxis gemeint, bei der Kinder zur Strafe gezwungen wurden, mit bloßen Schienbeinen auf einem hartkantigen Holzstücke zu knien. Fischer, der Historiker und Theologe ist, nennt es "geradezu skandalös" dass das Vaterunser in einer Zeile mit dem "Holzscheitelknien" auftaucht. Seine Vorstellung vom Christentum ist eine friedliche, "Foltermethoden" passen da nicht dazu. "Jeden religiös empfindenden Menschen muss das empören."

3 In "Mein Großvater hat gesagt" singt Andreas Gabalier ebenfalls von überholten Rollenbildern:

Im Text geht es um hübsche junge Frauen und wie schön es mit den "allerliebsten Weiberleut" sei. Dann berichtet der Großvater, dass sie im Alter eher anstrengend würden, aber das sei nun mal ein "gern gesehener Fluch". In der letzten Strophe fällt Gabalier schließlich ein, dass es leider auch Frauen gebe, "die nicht auf Weiblichkeit schauen":

  • "Es schmeichelt uns sehr, doch es macht uns net an
    Warum muss denn a Dirndl heut sein wie a Mann
    Völlig verbissen, schon fast verkrampft emanzipiert
    So dass man die ganze Freud am Knuspern verliert
    Aber jeder von uns steht halt net auf an Mann
    Wir beißen viel lieber an am echten Dirndl an"

Kurzum: Frauen sollen ihr Dekollete zeigen und das mit der Emanzipation sein lassen, denn die mache Frauen weniger weiblich und schließlich seien nicht alle Männer schwul. Fischer hält diese Wertevorstellung für reichlich diffus: "Auf der einen Seite soll alles wie früher sein, aber dann fehlt es doch an konkreten Beispielen." Besungen werde nur, was heute angeblich schlecht ist – zum Beispiel emanzipierte Frauen – ohne im Umkehrschluss zu fordern, dass sie wieder an den Herd zurücksollen und die Kinder hüten. 

Dahinter vermutet Fischer Kalkül: "Gabalier muss so vage bleiben, sonst würde er viele weibliche Fans verlieren." 

Darf der das?

Klar darf Gabalier dieses Weltbild in seinen Liedern besingen – auch der Schlager ist von der Kunstfreiheit geschützt. Allerdings sollte jedem klar sein, welche Botschaften sich in seinen Liedern verbergen. Und Gabalier ist keine ironische Kunstfigur, die sich mit dem Mittel der Übertreibung von rechtem Gedankengut distanziert – ganz im Gegenteil: Auch abseits der Bühne inszeniert er sich als Lausbube, der nur "die Wahrheit" aussprechen will.

Ein bisschen provozieren, dann aber alles nicht so gemeint haben: Das ist beim "Volks-Rock'n'Roller" Masche. Und nicht nur bei ihm.

Der Wissenschaftler Fischer erkennt ein "Spiel mit Begriffen", das man so auch bei rechtspopulistischen AfD- und FPÖ-Politikern findet – und bei Rechtsextremen. Es geht darum, zu empören und in rechten Kreisen die gewollte Wirkung zu erzielen. Gibt es dann Kritik am Gesagten, wird zurückgerudert. Oder wie es Fischer über Rechtspopulisten sagt:

„Erst 'Heil Hitler' rufen und später behaupten, man hätte 'Grüß Gott' gemeint.“
  • Der AfD-Rechtsaußen Björn Höcke nannte zum Beispiel einst das Holocaust-Mahnmal in Berlin ein "Denkmal der Schande" und attestierte den Deutschen einen Schuldkult (bento). Später behauptete er, nicht das Mahnmal sei eine Schande, sondern eben der Holocaust. 
  • Und AfD-Chef Alexander Gauland spielte Hitler und die Verbrechen des Nationalsozialismus in einer Rede als "nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte" herunter (bento). Später wollte auch er das nicht so gemeint haben: Es ginge ihm mit dem Begriff um die Verachtung gegenüber Hitler.

Solche Provokationen kann auch Gabalier. Umstritten ist sein 2011 erschienenes Albumcover zu "Volks-Rock'n'-Roller". Kritiker sagen, mit seiner Pose stelle er ein Hakenkreuz nach – er streitet das ab.

Die Debatte um das angeblich sichtbare Kreuz nutzen mittlerweile Rechte, um die Pose für sich zu nutzen. Lutz Bachmann, Gründer der islamfeindlichen Pegida-Demo, teilte über Telegram am Donnerstag ein Foto in entsprechender Pose – und rief so zur "Gabalier-Kreuz-Challenge" auf. Andere teilten daraufhin Bilder im Netz, eine Nutzerin schrieb: "Was man nicht sagen oder malen kann, das macht man dann so... cool"

Auch an anderen Stellen provoziert Gabalier gerne. Beim Formel-1-Rennen in Spielberg 2014 sang der Schlagerstar die österreichische Nationalhymne in alter Form: nämlich mit der Zeile, in der Österreich als Heimat "großer Söhne" geprießen wird. Dass seit einer Änderung 2012 auch "große Töchter" mitbesungen werden, ignorierte Gabalier. Daraufhin angesprochen sagte er, er habe Respekt vor Frauen, sehe aber "keine Veranlassung", den neuen Hymnentext zu singen. (SPIEGEL ONLINE)

In Interviews tut Gabalier Emanzipation als "Gender-Wahnsinn" ab oder redet von einer "genderverseuchten Zeit" – und behauptet gleichzeitig leicht verschwörerisch, dass man "in der heutigen Zeit nichts mehr sagen darf". (Rheinische Post, Merkur) Unterstellt man ihm Rechtspopulismus, antwortet Gabalier meist ausweichend:

„Ich habe lieber Ecken und Kanten, als dass ich mit irgendwas mitschwimme, was gar nicht geht.“

Gabalier spielt bewusst den naiven Lausbuben in Lederhosen – das Image verbreitet er sowohl in seinen Texten wie auf der Bühne. "Aber diese Rolle nehme ich ihm nicht ab", sagt Liedgut-Experte Fischer. 

Sein Fazit: In den Liedern von Andreas Gabalier gehe es vordergründig um "Heimatkitsch", religiöse Gefühle und überholte Rollenbilder. Das finde man so zwar auch bei anderen Schlagerliedern, sagt Fischer, "aber im Politischen geht Gabalier deutlich weiter als andere". 


Queer

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