Bild: Privat

Ich bin begeisterte Festivalgängerin seit zehn Jahren. Da gehörten schwer zu öffnende Raviolidosen, von innen nasse Zeltwände und drei Tage ohne Dusche zur Open-Air-Kultur dazu.

Mit 15 kam ich mit matsch- und uringetränkten Klamotten und ohne meine zweite Kontaktlinse von meinem ersten Festival, dem Rocco del Schlacko im Saarland, wieder – und war euphorisch über dieses Spektakel der Musikkultur. Meine Eltern eher nicht so: Die steckten mich zu Hause in die Badewanne, meine Kleider wurden da eingeweicht, wo sonst der Hund nach einem Waldspaziergang im Regen gewaschen wird. 

Festival-Laune: Autorin Nadin Rabaa (l.) mit einer Freundin(Bild: Privat)

Aber das war einmal: Das Hurricane steht vor der Tür, ich bin jetzt 25 – und festivalverweichlicht.


Woran das liegt? Auch am mittlerweile großen Angebot für Festivalgänger:
  • Während früher die Bierpaletten en masse im Voraus gebunkert und mit Bollerwagen schwerfällig über hügelige Feldwege transportiert werden mussten, kann man sich heute seine Getränke vorbestellen und auf Abruf liefern lassen.
  • Auf fast jedem großem Freiluft-Musikevent steht mittlerweile ein Supermarkt, dessen Sortiment mit meinem Einkaufsladen um die Ecke konkurrieren kann. Achja, und mit Karte zahlen geht jetzt auch überall.
  • Campingstuhl vergessen? Kein Problem, kann man auf dem Gelände günstig erwerben. Die goldenen Zeiten der alleinigen Pommesbude weit und breit sind ebenfalls vorbei: Statt Currywurst-Schranke diniert man jetzt Pulled Pork Burger mit selbst gemachten Soßen. Zwischendrin geht auch ein grüner Smoothie für die Portion Vitamine zwischen dem ganzen Bier.
  • Den Zeltaufbau kann man sich sparen: Es gibt Firmen, die das gegen Geld für einen übernehmen, wenn man keine Lust hat, sich mit Heringen und Hammern rumzuärgern. Und wer gar keine Lust auf das Eng-an-eng-Zeltgefühl hat, der mietet sich direkt das Festivalhüttchen inklusive WLAN und eigener Rezeption.
In der Slideshow: Die besten Outfits vom Melt-Festival
Julia, 21: "Es ist mein erstes Mal hier. Ich bin so geflasht. Hier gibt es so viel Liebe und Frieden."
Jan, 22: "Mein Ziel für heute: nüchtern werden."
Kasia, 29, und Domenica, 28: "Mit unserem Schwan wollen wir gleich zum See. Ein bisschen paddeln und dösen."
Dennis, 26: "Das hier ist ein Bananenkrokodil. Das gabs zum Frühstück. Wir haben auch schon Yoga gemacht. Seitdem sind die Kopfschmerzen weg."
Anna, 19, und Molly, 20: "Wir lieben den Style des Geländes. Die industrielle Atmosphäre."
Johannes, 25: "Heute wird es schwierig, Schatten zu finden."
Lukas, 31: "Ich bin das vierte Mal hier und liebe elektronische Musik. Nächstes Jahr bin ich auf jeden Fall wieder dabei."
Amel, 28: "Am besten waren Acid Arab, die waren einfach geil."
Claudia, 25, und John, 25: "Wir wollen auf jeden Fall noch an den See."
Alex, 22, und Annika, 23: "Kommen gerade vom Festival-Friseur, bei Alex muss die Farbe noch trocknen."
1/12

Ich bin nicht der einzige Weichling: Diese "Luxus"-Angebote sind oft ausverkauft, wenn man die Festival-Seiten checkt, trotz Kosten bis zu 400 Euro. 

WHAT THE HECK, fährt mir da nur durch den Kopf. Gehört das mit der Klorolle übers Feld laufen und Gaffa-Tape ausleihen beim Zeltnachbarn nicht mehr zur Freiluft-Erfahrung dazu? Sich im Freien vor dem Zelt die Zähne putzen und nie mobil erreichbar sein, weil der Akku leer ist und sowieso keiner Empfang hat? Und was erzählt man dann nachher zuhause? Ich habe einen Ingwer-Bananen-Smoothie getrunken, während jemand mir ein Feder-Flitzer-Tattoo auf den Bauch gemalt hat?

Vielleicht liegt es an meinem Alter – früher fand ich es witzig, auf einer Isomatte zu schlafen, heute kriege ich nur vom Gedanken Nackenstarre. 

Letztes Jahr wäre das Hurricane übrigens fast abgesoffen:
Tamara aus Kiel, Philip und Insa aus Köln: Die drei kamen vor allem für Mumford & Sons, Wombats, und Two Door Cinema Club zum Hurricane nach Scheeßel.
Dieses Jahr hatte das Hurricane großes Wetter-Pech: Am Freitagabend zogen Unwetter auf, der Samstag fiel aus.
Nach dem Unwetter-Samstag: Satu aus Tetenbüll und Emma Tönning freuten sich am Sonntag auf alles, was überhaupt noch spielt.
Für Andreas aus Wolfsburg war es das 16. Hurricane in Folge. Sein Favorit: Enterflip.
Einige der rund 75.000 Besucher nahmen das Unwetter sportlich – und spielten Schlammcatchen!
Hier kommt die Sonne: Sandra aus Giffhorn kam für Rammstein aufs Hurricane.
Thomas aus Braunschweig feierte Rammstein und The Offsping.
Wanja aus Hamburg freute sich, dass es am Sonntag überhaupt weiterging.
Zeltplatz unter Wasser: Die Veranstalter mussten den Samstag canceln. Der Sonntag fand aber statt.
Fynn aus Ostfriesland war für Rammstein da – nach dem Regen war ihm egal, wer da nun gerade spielte.
Let there be Matsch: Ohne Regen ist ein Festival schließlich nur halb so schön.
1/12

Möglicherweise ist es aber auch die Kommerzialisierung der Festivalkultur: 

Früher trugen Besucher die ältesten Jeansshorts in Kombination mit irgendeinem Shirt, das dreckig werden darf. Hauptsache, das Feeling auf dem Festival war gut. Heute sieht man blumengekränzte Flechtfrisuren, goldene Abziehtattoos und weiße Häkelkleider aus der "Coachella"-Kollektion. 

Styling fürs Festival – mein Instagramfeed ist nach Startschuss der Saison voll mit Tipps zum besten Festival-Make-up oder Outfitpostings. Voll in Ordnung, ich mag Blumenkränze auch, setze aus praktischen Gründen aber nicht auf weiße Klamotten fürs Hurricane. Trotzdem frage ich mich, ob ich nicht doch meine Garderobe überdenken sollte. 

Selfie! Autorin Nadin Rabaa (r.) mit einer Freundin(Bild: Privat)

Und dann schleicht sich das Wort "Komfort" auch in meine wilden Festivalgedanken ein: Während ich es 2013 bei Rock am Ring noch geschafft habe, mit einer 1,5-Liter-Flasche Wasser zu duschen (mit Haare waschen, wohlgemerkt), bezweifle ich dieses Jahr, ohne mein Handdesinfektionsgel in der Tasche auch nur einen Dixi-Toilettengang zu überleben.

Die Vorstellung, an Tag 4 wieder nur Schokohörnchen oder ein labbriges Toastbrot mit Chemie-Schmelzkäse (und ein bisschen Nuss-Nougat-Creme, die noch am ungewaschenen Messer hängt) zu essen, treibt mich direkt in die Arme der Foodtruck-Betreiber.

Und mein absurdester Gedanke: Vielleicht sollte ich mein Glätteisen mitnehmen, gibt ja genug Stationen mit Steckdosen. Mein 15-jähriges Ich würde pikiert seinen Lockenkopf schütteln.

Haare glätten auf einem Festival – okay, das ist zu viel der externen Komfortzone. Mein Glätteisen bleibt fürs Hurricane zu Hause, habe ich beschlossen, genauso wie meine Gewohnheit, mit einer Daunendecke und frisch eingecremten Händen in meinem Bett zu schlummern. 


Vor zehn Jahren schien mir der Festivalbesuch so unbeschwert – dieses Gefühl wünsche ich mir dieses Wochenende wieder. 

Frei von Sorgen um Empfang, E-Mails, Styling und sonstigen Ablenkungen. Back to the roots eben, und damit meine ich nicht nur meine Naturwelle auf dem Haupt.

Stattdessen freue ich mich darauf, mit drei Ikea-Taschen Proviant und Rucksack über den Scheeßeler Acker zu kraxeln und morgens bei den ersten Sonnenstrahlen aus dem erhitzten Zelt zu flüchten, weil mein Schlafsack viel zu warm ist. Ich nehme auch die Kratzer von halb abgemähten Strohhalmen an den Beinen und den Chemie-Schmelzkäse in Kauf – denn hey, das gehört zum Festivalgefühl genauso dazu, wie der Ärger, wenn man seinen Müllpfandschein verloren hat.

Vielleicht lasse ich mein Handdesinfektionsgel einfach zu Hause – und hoffe, dass mein verweichlichtes Festival-Ich so wieder ein bisschen härter wird. 

Und wie ist das bei dir? Bist du zu alt fürs Festival?

Gerechtigkeit

Die AfD in Sachsen-Anhalt schickt sich Nazi-Parolen auf WhatsApp
Jetzt soll der Verfassungsschutz auf die Rechtspopulisten schauen

Die Medien müssten nach der "Machtübernahme" gesäubert werden, so viel ist klar. Oder man müsse sie für sich gewinnen – denn ohne gute Propaganda keine gute Politik. Das habe schon "der kleine Doktor" gewusst, Hitlers Reichspropagandaleiter Joseph Goebbels. "Wir müssen die Medien unterwandern, sonst wird es ganz schwer."

Das schreiben sich AfD-Funktionäre aus Sachsen-Anhalt in einer WhatsApp-Gruppe – deren Inhalte jetzt geleakt wurden.

In der Gruppe sind einfache AfD-Parteimitglieder, aber auch hochrangige Funktionäre bis hin zum Landeschef André Poggenburg. Insgesamt geht es um mehr als 8000 Nachrichten von rund 200 Mitgliedern. Die Protokolle wurden auf der linken Internetseite Indymedia veröffentlicht, hier kannst du sie sehen.