Fettes Brot tourt durch Deutschland. Die selbsternannten Hip-Hop-Dinosaurier machen seit 23 Jahren zusammen Musik, von "Jein" bis "Emanuela". bento hat mit Doktor Renz und Björn Beton über gute Noten und unbeantwortete Fragen gesprochen – König Boris ließ sich entschuldigen.

Ich wollte eigentlich gern ein Bier mit euch trinken gehen, in Pinneberg. Dafür habt ihr keine Zeit, weil ihr auf Tour seid – Aber normalerweise geht ihr schon noch Bier trinken, oder?

Doktor Renz: Wir verabreden uns nicht zum Biertrinken, wir nennen das Fußball.

Björn Beton: Wir gehen immer gemeinsam zum FC Sankt Pauli.

Björn Beton, eigentlich Björn Warns, geboren 1973 in Pinneberg(Bild: Eike Harder)

Renz: Und im Zuge der Plattenaufnahmen, wenn man merkt es läuft besonders gut oder besonders schlecht, dann ziehen wir vom Studio weiter ins angrenzende Partyviertel und benehmen uns wie Touristen.

Gerade seid ihr nicht als Touristen, sondern als "Teenager vom Mars" unterwegs. Warum?

Beton: Wir fanden daran irgendwie gut, dass man auf diese Erde kommt und den Blick von außen hat. Das kennt ja auch jeder, dass man sich manchmal so deplatziert vorkommt und denkt: Was ist hier denn los, was ist mit den Menschen los, warum finden die bestimmte Dinge ganz wichtig und bestimmte Dinge stören sie überhaupt nicht?

Renz: Es war uns natürlich bewusst, dass wir von vielen Erdlingen nicht mehr als Teenager wahrgenommen werden. Aber wir fanden’s lustig.

Doktor Renz, mit bürgerlichem Namen Martin Vandreier, geboren 1974 in Hamburg(Bild: Eike Harder)

Ihr seid in den letzten zwei Alben ziemlich elektronisch unterwegs…

Renz: Dem möchte ich sofort widersprechen. So viele Synthies sind auf der Platte nicht vertreten. Ich glaube ich verstehe schon, warum Leute sagen unser Sound hat früher holziger geklungen. Aber wir benutzen nach wie vor Samples, Drums, die mal live gespielt wurden, die wir neu arrangieren.

Macht mal ein bisschen Scheiße.
Björn Beton

Beton: Wir haben im Studio oft gar keinen Strom. Wir stellen den selbst mit einer Dampfmaschine her. Im Hinterhof von unserem Studio verbrennen wir jetzt Unmengen an Kohle. Um unabhängig zu sein von Gazprom.

Und dann habt ihr nur manchmal Strom?

Beton: Es kann halt sein, dass wir zu viel Wodka trinken und dann vergisst einer mal nachzuschippen. Das ist immer besonders angenehm, wenn man gerade mitten in der Aufnahme ist.

Auf dem aktuellen Album sagt ihr: “Ihr seid so auf Schönheit, Geld und gute Noten erpicht.” Ist euch die Jugend zu spießig?

Renz: Ich habe schon das Gefühl, dass auf einem Achtklässler heutzutage ein anderer Druck lastet als zu der Zeit, als wir versucht haben, es in die achte Klasse zu schaffen. Zum Beispiel sehr erschütternd fand ich die Neuigkeit aus der Soziologie, dass Jugendliche weniger rauchen – aber nicht, weil sie wissen, dass es gesundheitsschädlich ist, sondern weil sie Angst haben, dass sie nicht den Erfordernissen des Arbeitsmarktes genügen, wenn sie rauchen. Das finde ich ganz schrecklich. Da möchte ich allen Jugendlichen zurufen: Raucht mehr!

Beton: Raucht mehr!

Renz: Lasst es euch gutgehen!

Beton: Genau, macht mal ein bisschen Scheiße.

"Raucht mehr” ist der Rat, den ihr Jugendlichen mit auf den Weg geben wollt?

Renz: Unser aller Lieblingsmandarinenpuler Helge Schneider hat mal gesagt: Auf Nummer unsicher leben. So als Lebenskonzept. Ich glaube, ganz viele leben auf Nummer sicher. Dazu gehört dann auch lieber nicht rauchen.

Jetzt in Hannover

Posted by Helge Schneider on Tuesday, November 17, 2015

Ihr habt eine Radiosendung gemacht, in der Hörerfragen beantwortet wurden. Seid ihr der neue Domian?

Beton: Nein, sind wir nicht.

Renz: Aber er steht jetzt als Number One nicht mehr zur Verfügung. Deswegen warte ich nur darauf, dass jemand uns davon erzählt, dass er sich ‘ne Frau aus Hack in die Badewanne legt.

Im Staffelfinale wurdet ihr gefragt, woher man weiß, wann es am Schönsten ist, also wann der richtige Moment ist, aufzuhören. Hattet ihr diesen Moment schon oder kommt der noch?

Renz: Wenn wir ihn schon gehabt hätten, dann hätten wir ja theoretisch aufhören müssen.

Beton: Das würde aber voraussetzen, dass man daran glaubt. Dass es der richtige Moment ist, aufzuhören, wenn's am Schönsten ist. Erstens glaube ich, man weiß nicht, wann es am Schönsten ist. Zweitens ist es auch nicht immer der richtige Zeitpunkt aufzuhören.

Renz: Wenn ich zum Beispiel an eine Ehe denke, dann würde man ja nicht sagen: Du, das ist so schön gerade mit dir, Schatz, lass uns mal scheiden lassen. Bevor wir uns nachher streiten.

Beton: Oder langweilen. Die Radiosendung geht übrigens weiter. Am 22. Dezember gibt es ein Special.

Zu Weihnachten?

Beton: Joah… Wir wissen noch nicht, wie weihnachtlich wir so werden. Vielleicht ist man ja auch ein bisschen überweihnachtet dann.

Am 22. doch noch nicht!

Beton: Nein? Dann spielen wir acht Mal "Last Christmas". Dann haben alle Leute die Nase voll.

Renz: Dann spielen wir meine Version von "Last Christmas"!

Beton: Wie, deine Version?

Renz: Ich hab das mal gemacht. Eine Mischung aus Last Christmas und Schneeflöckchen Weißröckchen. Das wird der Knaller.

1/12

Was ist der beste Weihnachtssong?

Renz: Irgendwas von den Pogues. Wenn ich die Pogues höre, dann kriege ich immer Weihnachtsgefühle.

Beton: Ja, stimmt. Ich glaube, die Sachen sind gar nicht für Weihnachten gemacht, aber irgendwie…

Ähnlicher Pegel.

Renz: Vielleicht.

Beton: Vielleicht.

Renz: Ich bin gar nicht so besoffen an Weihnachten. Oh! Und auch Hans Albers kann ich gut hören an Weihnachten.

Ich bin gar nicht so besoffen an Weihnachten.
Doktor Renz

Beton: Ich Frank Sinatra.

Renz singt: Let it snow, let it snow, let it snow.

Beton singt: Rudolph the rednose what the fuck. Keine Ahnung, wovon der singt.

Renz: Und natürlich Helene Fischer!

Beton: Mit ihrer Weihnachts-DVD zum Mitsingen.

Renz: Und ihrer Fernsehshow.

Beton: Die kann alles singen, das wird immer schön.

Ich gucke mal ob ich diesen Tonfall schriftlich gut rüberbringen kann.

Beton: Du kannst das kursiv stellen. In Klammern ironisch. Oder ein Emoticon einfügen.

Vorrapper beim Konzert im Pier 2: Fatoni(Bild: Eike Harder)

Ihr habt angefangen, Musik zu machen, da war ich so drei. Seid ihr eher Hip-Hop-Opas oder eher Hip-Hop-Papas?

Beton: Was würde Jay-Z jetzt sagen?

Renz: Wir haben mal behauptet, wir sind Hip-Hop-Dinosaurier. Das war 2000. Jetzt sind wir Hip-Hop-Dinosaurier plus 15.

Seid ihr noch cool?

Renz: Ja. Kannst du allen sagen, sie können ganz beruhigt sein, wir sind noch cool. Es kommen auch sehr viele Omas zu uns, die uns das bestätigen. Aber die haben teilweise auch ihre Urenkel dabei.

Manchmal wissen wir auch einfach nicht, was jetzt gerade Phase ist.
Doktor Renz

Beton: Auf der anderen Seite glaube ich wir waren noch nie cool. Also in sofern ist alles beim Alten.

Nachdem ihr hunderte von Fragen in dieser Radiosendung beantwortet habt: Gibt es eine Frage, die Fettes Brot nicht beantworten kann?

Beton: Ja. Ich stelle mir selbst gerade Fragen zu Dingen, die passieren, ob das brennende Flüchtlingsheime sind oder Anschläge von Verrückten, auf die ich selbst null Antworten habe. Für mich ist es manchmal nervig zu sehen, wie viele Leute, die in der Öffentlichkeit stehen, zu jedem Scheiß eine Meinung haben. Ich finde, da darf man auch gerne mal ganz hanseatisch den Mund halten. Was nicht heißen soll, dass es nicht auch sehr, sehr viele sehr, sehr gute Kommentare gibt.

Renz: Natürlich gibt es Fragen, die wir nicht beantworten können. Wir wissen ja nicht alles. Wir diskutieren gerne. Aber manchmal wissen wir auch einfach nicht, was jetzt gerade Phase ist. Und dann halten wir einfach unsere Klappe. Oder lügen.