Bild: Nick Karvounis / Unsplash
Von Madsen bis Gurr: Vier Menschen aus dem Musikbusiness antworten.

Juhu, endlich wieder Festival-Saison! Und was für tolle Bands und Künstler da angekündigt wurden! Kraftklub und The Prodigy, Casper, 187 Strassenbande, The Weeknd und Feine Sahne Fischfilet stehen dieses Jahr in Deutschland auf den Bühnen.

Wir haben uns die Werbeplakate großer, deutscher Festivals angeschaut und mal geguckt, in wie vielen der groß angekündigten Bands mindestens eine Frau mitspielt – und es waren wirklich wenige:

  • Bei Rock am Ring sind von 73 angekündigten Bands und Solokünstlern gerade mal sechs dabei, zum Beispiel Gurr und Beth Ditto. 
  • Beim Hip-Hop-Festival Splash steht mit Bad Gyal nur eine Frau dem Plakat, auf der Website findet man inzwischen noch eine Handvoll mehr, die auch auf die Bühne dürfen. 
  • Beim Hurricane sind es neun, unter anderem SXTN, Chvrches oder die Broilers. 

Aber warum ist das so? Machen Frauen keine gute Musik? Gibt es keine guten Künstlerinnen, die in Deutschland Rock, Indie, Pop und Hip-Hop machen? Will das Publikum sie nicht hören – oder werden sie von den Festivals einfach nicht gesehen? 

Wir haben Menschen gefragt, die es wissen müssen:

  1. Laura Lee, Sängerin der Band Gurr
  2. Sebastian Madsen, Sänger der Band Madsen
  3. Stephan Thanscheidt von FKP Scorpio, u.a. Booker des Festivals Hurricane, also Zusammensteller des Line-ups
  4. Verena Blättermann vom Verband Unabhängiger Musikunternehmen

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Die Musikerin Laura Lee (27)... 

...ist Gitarristin und Sängerin von Gurr – einer "Frauenband". Diese Bezeichnung hasst sie tierisch, weil die Bandmitglieder ständig über das Frausein reden müssen, anstatt über ihre Musik. Im März 2018 haben sie den "Impala’s Independent Album of the Year Award" gewonnen. Laura findet: Die Frauen werden zu wenig wahrgenommen. 

Laura von Gurr(Bild: Marco Leitermann)

Laura, warum ist Rockmusik immer noch so männlich dominiert?

Ich glaube, das ist sie gar nicht. Das ist ein Mythos, mit dem man endlich aufhören muss. Rock ist super divers, es gibt viele tolle Bands – auch mit Frauen! Nur ist das offenbar nicht die öffentliche Wahrnehmung. 

Woran liegt das?

Man sieht die Musikerinnen nicht genug. Im Musikjournalismus scheint es mir manchmal so, als gäbe es ein ungeschriebenes Gesetz, dass nur alle paar Monate mal Frauen aufs Cover kommen – wenn überhaupt. Nach dem Motto: "Wir hatten doch letzten Monat schon eine Frauenband." So etwas würde über Männerbands nie gesagt werden. 

Dasselbe gilt fürs Radio. Eine Bekannte, die für einen großen deutschen Radiosender arbeitet, hat mir mal erzählt, dass ihr früher gesagt wurde: "Oh nee, zwei Frauentracks hintereinander? Das ist schon ziemlich anstrengend." So schaffen es Musikerinnen ja nie aus der Nische.

Laura (l.) und Bandkollegin Andreya(Bild: Imago)

Die Booker müssen natürlich auch ein Festival zusammenstellen, für das viele Menschen Karten kaufen. Ist vielleicht einfach die Nachfrage nach Bands mit Frauen nicht so hoch?

Wir merken bei unseren Konzerten, dass das Publikum größtenteils männlich ist, was ich auch generell vom Rockpublikum sagen würde. Deshalb heißt es immer, Männer seien als Konsumenten die wichtigere Zielgruppe als Frauen. Aber das ist für mich kein Argument gegen weibliche Künstlerinnen. Denn Männer können genauso gut Musik von Frauen hören. Das sieht man ja gerade an Konzerten wie unseren. 

Es wäre super geil, wenn eine Musikerin wie St. Vincent auf dem Lollapalooza in Berlin spielen würde. Oder Chastity Belt. Das würde allen gefallen – nicht nur Frauen.

Haben Menschen etwas gegen Bands mit Frauen? 

Als wir Erfolg hatten, wurde uns von anderen Bands in Berlin gesagt: "Das ist, weil ihr Frauen seid." Das hat mich sehr verletzt. Ich glaube, man kann zu jeder Männerband sagen: "Ihr habt Erfolg, weil ihr Männer seid." Aber das tut keiner. Da ist es immer Talent. 

Wir können uns noch so sehr anstrengen und unsere Instrumente beherrschen – dieser eine dumme Satz kann das alles entkräften. 

Was würdest du dir für die Zukunft wünschen?

Dass Frauen in Bands ernst genommen werden. Außerdem glaube ich, dass man die Bezeichnung "Frauenband" nicht mehr braucht. Oder wenn man sie benutzt, dann sollte man "Männerbands" auch so ausweisen. Sonst ist das Normale immer das Männliche – und das Unnormale das Weibliche.

Es ist hilfreich, wenn auch männliche Musiker das Problem ansprechen und beispielsweise den Nachwuchs fördern, indem sie sich Bands mit Frauen als Support mit auf Tour nehmen. Oder, indem sie sich eine Produzentin oder Songwriterin ins Team holen. Meist ist ja der Mangel an Frauen in einem Team gar keine böse Absicht. Es wäre schon, wenn alle immer wieder versuchen, darüber nachzudenken.

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Sebastian Madsen (36), seit 14 Jahren Leadsänger der Band Madsen

Die Männerband tritt in diesem Jahr unter anderem auf dem Hurricane auf. Inzwischen werden die Männer auf der Bühne von der Keyboarderin und Sängerin Lisa Who unterstützt. Im Juni erscheint ihr neues Album "Lichtjahre". 

Sebastian Madsen(Bild: Madsen)

Sebastian, ist Rockmusik in Deutschland Männersache?

Um Himmels Willen! Nein! Eines der populärsten Gegenbeispiele sind zum Beispiel Jennifer Rostock. Allerdings gibt es natürlich viel mehr Männer in Rockbands, das finde ich auch oft etwas eindimensional und langweilig.

Glaubst du, dass weibliche Musikerinnen es auf Festivals schwerer haben? Und wenn ja: warum?

Unsere Keyboarderin Lisa hat leider sehr oft mit einem unangenehmen Klischee kämpfen müssen: Sobald sie, vor allem auf Festivals, hinter der Orgel nach vorne kommt, um ein Duett mit mir zu singen, dann rufen häufig nicht wenige "Ausziehen!". Das ist respektlos und entwürdigend. Sie rufen das nur, weil sie in diesem Moment eine hübsche Frau und keine Musikerin sehen. Da würde ich oft am liebsten die Konzerte abbrechen, aber das wäre all den richtigen Musik-Fans gegenüber ungerecht.

Es gibt da so ein paar veraltete Rock-Klischees: Rockstars tragen Lederjacken, saufen Whisky, und nehmen sich Groupies mit in den Tourbus. Oder Frauen im Festivalpublikum auf den Schultern von Kerlen, die ständig dazu gedrängt werden, blank zu ziehen. Viele denken wohl, dass sowas dazugehört, aber das ist Blödsinn. 

Fällt dir ein Grund ein, warum so wenige Frauen auf deutschen Festivals spielen? 

Rockmusik tut sich generell mit Erneuerungen schwer. Seit 20 bis 30 Jahren spielen gefühlt die gleichen Bands auf den großen Festivals. Dem Nachwuchs sollte mehr zugetraut werden. 

Da ich selber eine Rock-Radiosendung moderiere, habe ich mich mit vielen neuen Bands beschäftigt und festgestellt, dass es viele tolle Musikerinnen in diesem Bereich gibt: Black Honey, Phoebe Bridgers, Alex Lahey, Gurr, Courtney Barnett, Chelsea Wolfe, Ilgen-Nur... Ich hoffe, dass ich einige dieser Namen in Zukunft auf Festival-Plakaten lesen werde.

Ist der Probenraum vielleicht ein Rückzugsort, den männliche Musiker ungern teilen?

In den Proberaum sollte man optimalerweise gehen, um Musik zu machen. Da spielt es überhaupt keine Rolle, ob da Männer oder Frauen stehen. Hauptsache, sie können spielen. Geschätzte Kollegen wie Bosse oder Thees Uhlmann haben mittlerweile genau wie wir eine Frau an den Tasten, obwohl sie vorher nur Jungs in ihren Bands hatten. Uns allen tut die weibliche Verstärkung gut. Überall Kerle – das wäre doch langweilig.

Was können Männerbands tun, damit weibliche Musikerinnen und Bands ernster genommen – und ebenso erfolgreich – werden?

Männerbands können da meiner Meinung nach weniger tun als Konzertveranstalter, Plattenfirmen, Musikzeitungen oder TV-Sendungen. Klar, sie können sich mit Frauen verstärken oder Frauenbands mit auf Tour nehmen. Das Problem ist da aber auch nach wie vor: In Deutschland gibt es viel zu wenige Frauenbands, die Rockmusik spielen. Deswegen sind auch bei uns fast immer nur Jungs mitgefahren. 

Ich würde mich wirklich freuen, wenn sich das in Zukunft ändert. Mädels, traut euch! 

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Stephan Thanscheidt ist CEO von Europas größtem Festivalveranstalter, FKP Scorpio...

...und dort unter anderem für das Booking der Festivals "Hurricane" und "Deichbrand", "A Summers Tale" und "Chiemsee Summer" verantwortlich.  

Stephan Thanscheidt

Wir gehen davon aus, dass ihr bei der Erstellung eures Line-ups ein wirtschaftliches Interesse verfolgt. Würde man mit mehr Frauen auf der Bühne weniger Tickets verkaufen, weil sie nicht so beliebt sind wie die Männer?

Nein, das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern an die bloße Beliebtheit zu koppeln, wäre falsch und würde zu kurz greifen. Ob Arcade Fire, Broilers oder SXTN – in jedem der genannten Genres gibt es erfolgreiche Frauen. 

Dass sie in manchen Musikrichtungen in der Unterzahl sind, hat andere, komplexere Gründe: Neben gesellschaftlich und medial geprägten Rollenbildern fallen erste Entscheidungen beispielsweise schon unbewusst bei der Musikinstrumentenwahl. Festivals sind immer Ausprägungen unserer Gegenwartskultur – einer nachhaltigen Veränderung muss also zwingend ein gesamtgesellschaftlicher Wandel vorangehen.

Wen wir gefragt haben:

Eine erste Anfrage an die Veranstalter der Festivals Splash, Lollapalooza, Hurricane, Dockville und Rock im Park hat bento bereits am 8. März per Mail gestellt, eine zweite am 27. März. Nur der Veranstalter des Hurricane, FKP Scorpio, hat sich bisher auf unsere Anfrage gemeldet und schriftlich geantwortet. 

Hat man als Booker oder Veranstalter Probleme, ausreichend Künstlerinnen auf die Bühne zu bekommen? 

Unser erstes Ziel ist künstlerisch-musikalische Diversität: eine reizvolle Mischung aus bekannten Namen und Newcomern der für unsere Besucher interessanten Genres. Dennoch achten wir bereits seit langer Zeit bewusst darauf, starke Künstlerinnen zu präsentieren. Ein in dieser Hinsicht ausgeglichenes Line-up würden wir begrüßen. Das lässt der Künstler-Pool aber einfach noch nicht zu. 

Was müsste sich eurer Meinung nach ändern, damit es hierzulande mehr Künstlerinnen auf Festivals schaffen?

Welches Geschlecht in welchem Genre dominiert, liegt vor allem in der sozialen Prägung und gängigen Rollenbildern begründet, denen wir alle ausgesetzt sind. Vielversprechende Ansätze sehen wir daher vor allem in der Musikerziehung und -förderung oder der Präsentation einzelner Genres in der Öffentlichkeit. 

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Verena Blättermann (32) ...

...arbeitet beim Verband Unabhängiger Musikunternehmen. Vor drei Jahren hat sie dort das Netzwerk "Music Industry Women" initiiert, weil sie schockiert war, wie wenige Frauen in der Branche das Sagen haben. Gleichzeitig ist sie der Meinung: Weibliche Führungskräfte allein reichen nicht aus, um eine Veränderung zu bringen. 

(Bild: Sylvie Gagelmann)

Eure Initiative "Music Industry Women" soll Frauen in der Branche stärken. Wie kam es dazu?

Mir fiel auf, dass es zwar Zahlen dazu gibt, wie viele Frauen insgesamt in der Musikindustrie arbeiten – und das sind etwa 43 Prozent, also fast 50/50 – aber keine dazu, in welchen Positionen diese Frauen sind. Zu welchen Gehältern arbeiten sie? Mit welchem Bildungsabschluss? Auf diese Fragen gab es keine Antworten. Dabei wären sie das Mindeste, was man bräuchte, um Veränderungen anzustoßen und auch nachzuverfolgen.

Also haben wir mal geguckt, wie viele unserer Mitglieder, das sind rund 1300 Musik-Unternehmen, Frauen an der Spitze haben: Es waren nur 7,4 Prozent. Das fanden wir schockierend.

Wie wollt ihr das ändern?

Das Herzstück der Initiative ist das Mentoring-Programm für Frauen. Wir wollen sie vernetzen, eine Plattform für Weiterbildung sein, Frauen als Speakerinnen auf Konferenzen bringen. Frauen in der Branche sichtbar zu machen, ist ein wichtiges Thema. Vor allem, damit andere Frauen sich Ähnliches zutrauen. 

Mehr Frauen an der Macht ist also die Lösung für das Problem?

Es ist ein Trugschluss, dass sofort mehr Diversität entsteht, wenn eine Frau an der Spitze ist. Wenn man sich nicht bewusst mit Themen wie Diversität und Gleichberechtigung beschäftigt und sich dafür einsetzt, dann passiert auch nichts von alleine.

Wer ist in der Verantwortung, etwas zu verändern?

Ich finde es fatal, wenn Musikerinnen nur für die Medien interessant sind, wenn sie über Feminismus oder #MeToo reden. Trotzdem sollten wir Frauen immer, auf und hinter der Bühne, voranschreiten und die Veränderungen anstoßen. Wichtig ist, dass die Männer dabei unsere Verbündeten sind.

Es bringt ja nichts, wenn wir es die ganze Zeit fordern, aber nicht erfolgreich sind – dafür brauchen wir auch Männer, die sagen: "Ich bin feministisch und will, dass alle dieselben Rechte haben und Frauen genau so repräsentiert sind wie wir." Die gibt es ja auch. 

Und an die Restlichen: Das Thema kann nicht immer erst dann Männer interessieren, wenn sie eine Tochter haben. Es muss klar sein, dass Gleichberechtigung ein Menschenrecht ist. Wir sind die Hälfte der Bevölkerung und sollten dieses Recht nicht erbitten müssen oder mit einer Vielzahl von Studien belegen müssen, dass gemischte Teams erfolgreicher sind.


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