Bild: Eike Harder
Junge: "Ey. Wer spielt hier heute?"
Schneider: "So ein Rapper." Pause. "Fatoni."
Junge: "Ist der bekannt?"
Schneider: "Nee, nicht so."
Der Junge dankt, denkt kurz nach und geht.

Anton Schneider, der sich Fatoni nennt, betritt den Club, in dem er gleich rappen soll. Seine Augen sind klein. Sein Tag war lang. Er ist um 6 Uhr aufgestanden, von München nach Hamburg gefahren, hat in Interviews das gemacht, was er gut kann: reden. Er sieht aus wie ein Lausbub, der zu schnell gealtert ist. Rote Wangen, Falten auf der Stirn. Nicht besonders groß, nicht besonders dünn, nicht besonders jung. "Mitteljung, mittelalt", wie er, 30, selbst sagt. Schneider wirkt unscheinbar. Bis er den Mund öffnet.

Seine Schritte sind groß und schnell. "Ich muss ja noch den Merchandise-Stand aufbauen." Schneider läuft die Treppen hoch, in den Backstage-Raum, ein Kabuff, das mufft. Er stellt sich in die Mitte seiner "Posse" – ein Rapper, ein Mischer und ein DJ – wühlt in seinem Rollkoffer, zieht sich ein T-Shirt über den Kopf. Darauf steht: "Die Zeit heilt alle Hypes". "Wie ist mein neues Shirt?", fragt er. "Krass", sagt einer, recht unbeteiligt. Schneider spannt seinen linken Bizeps an. Man sieht ihn kaum. "Guckt mal: Fitnessstudio." Er grinst.

Im Hip-Hop, der sich so oft als Gewinnerkultur verkauft, ist Schneider eine Ausnahme. Er ist kein Kollegah, der in seiner "Bosstransformation" Muskeln und Geld angehäuft hat, aber nicht Teil einer Antilopen Gang, die das Scheitern berappt. "Ich bin halt krass ambivalent", sagt Schneider. In einem Moment ist er stolz auf das, was er geschaffen und geschafft hat, und bezweifelt oder belächelt es im nächsten.

Manche seiner Texte könnten in der "Titanic" stehen. In "Dicke Hipster" rappt Schneider darüber, dass er versucht habe, Teil der Jugendbewegung zu sein, es aber nicht schafft. In "Ich habe keine Vorurteile" entlarvt er diesen Gemeinplatz, indem er aufzählt, dass er BWL-Studenten, Mario Barth oder Nickelback für "Spasten" hält, und im Refrain rappt: "Was, das sind nur Vorurteile? Ich habe keine Vorurteile. Nur Araber haben Vorurteile."

Im Video zu seinem kürzlich veröffentlichten Song "32 Grad" heißt es: "32 Grad hat es auf Lampedusa, spürst du diese frische Brise vom anderen Ufer?" Bilder vom vermeintlich ignoranten Luxustouristen Fatoni werden mit Szenen gegengeschnitten, die ankommende Flüchtlinge auf der griechischen Insel Lesbos zeigen. Eine Satire auf das Grauen. Der Zeitgeist als Vorlage für einen dunklen Witz.

Creme Fresh? Schlimmster Bandname der Rap-Geschichte
Fatoni

Seine Schritte sind jetzt größer und schneller, ab und an unterbrochen, er zieht den Rollkoffer hinter sich her. Er muss ja noch den Merchandise-Stand aufbauen. Eine Treppe runter, die Tür ist zu, es ist die falsche Tür, noch eine Treppe runter, hier geht's zur Bühne und nicht weiter, okay, keine Zeit, also beide Treppen wieder hoch, zurück in den Backstage. Der Rollkoffer bleibt zu, Schneider soll in fünf Minuten rappen.

Schneider kommt früh zum Rap. In der Grundschule nimmt er, der "aus so einem klassischen Bildungsbürgerhaushalt" stammt, "Die da!?!" von den Fantastischen Vier jedes Mal auf, wenn er den Song im Radio hört. Mit 17 gewinnt er seinen ersten Freestyle-Battle, gründet die Münchner Gruppe Creme Fresh mit, "schlimmster Bandname der Rap-Geschichte". Dann kommt das Angebot vom Major-Label, der Zweifel siegt, und Schneider kneift. Creme Fresh lösen sich 2012 auf, und Schneider denkt: "Das war's jetzt."

"Und irgendwann ist jeder Beifall verhallt. Und irgendwann sind alle Teile geteilt. Und irgendwann ist es", Schneider stockt. "Scheiße!" Er haut gegen die Wand im Keller des Clubs, murmelt von Neuem die Zeilen seines Intros. Schneider streckt Arme und Beine, macht den Hampelmann, trinkt immer wieder Whisky aus einem Plastikbecher. "Was wollte ich machen?", fragt er dann. "Ach, ja. Rappen." Schneider öffnet die Tür zur Bühne.

Das war richtig scheiße gerade
Fatoni

Bühnen, die kennt Schneider. Er ist Absolvent der renommierten Otto-Falckenberg-Schule in München, die Ausbildung hat er vor sechs Jahren dem Major-Deal vorgezogen. Bis August war er noch als Schauspieler am Augsburger Theater angestellt, wo er sich "ganz, ganz oft", "ja, ständig", gefragt habe, was er da eigentlich mache. "Ich dachte: 'Boah, hoffentlich kennt mich hier niemand als Rapper.'"

Schneider hat gekündigt. "Wenn man seine eigene Sache machen kann, ist das immer geiler, als in der Fantasie eines anderen zu funktionieren." Was sich Schneider früher nicht getraut hat, traut er sich jetzt. Er setzt alles auf Fatoni.

Schneider betritt die Bühne in Hamburg, das Intro fällt ihm wieder ein. Er ist sofort ganz da. Während er rappt, dirigiert er mit dem linken Zeigefinger das Publikum, und seine Pupillen scannen die Gesichter vor ihm. Es sind junge Gesichter, deren Blicke vor allem ein Wort ausdrücken: Glück.

Schneider nimmt sich selbst nicht so ernst, seine Musik umso mehr. Auf der Bühne hüpft Schneider, dreht sich im Kreis, geht durchs Publikum und rappt sich heiser. Anfangs gibt er eher den Entertainer: "Hamburg, wo sind eure Arme?" – "Wer von euch weiß, was Freestyle ist?" – "Ihr seid zu schön!" Und später eher das Gegenteil: "Ich bin sehr opportunistisch." – "Ich bin sehr nervös." – "Ist ja auch egal." – "Ich hab den Text verkackt." – "Das war richtig scheiße gerade."

Nach einer Stunde sagt Schneider: "Wir kommen langsam zum Ende. Das ist auch gut so." Die Zugabe rappt er in Boxershorts: "Das ist kein Tag. Ist doch logisch, Mann. Wär das ein Tag, hätt ich doch mindestens eine Hose an."

Also, schon ganz cool, aber...
Fatoni

Vor Kurzem ist Schneiders neues Album erschienen. Es heißt "Yo, Picasso", eine Anspielung auf ein Selbstporträt des Malers. So selbstsicher dieser Titel wirken mag, so sehr ist "Yo, Picasso" ein Album der Brüche. Rappt Schneider im Opener "Benjamin Button" noch, er sei mit 30 besser als mit 20, kommentiert er das im nächsten Stück, "Authitenzität", mit der Zeile: "Mein Körper sagt leider was anderes." Er bricht sich selbst.

Auf "Yo, Picasso" stehen die Gesten eines Künstlers, der seinen Stil gefunden haben will, gleichberechtigt neben Glossen des Scheiterns. Da ist der Track "Stalingrad", mit dem Schneider den Niedergang eines erfolgreichen Mannes in all seiner Tragik beschreibt, um mit dem Refrain "Das ist alles immer noch besser als Stalingrad" zu enden. Oder da ist "Mike", in dem Schneider darüber rappt, dass er nie so werden könne wie sein Vorbild Mike Skinner, und es doch versucht. "Yo, Picasso" ist so wichtig für den deutschen Hip-Hop, weil es zeigt, wie normal, wie menschlich es ist, sich nicht entscheiden zu können und Zweifel zuzulassen.

Jetzt sitzt er am Rand des Backstage-Raums. Schneider schlägt seine Füße übereinander, und seine Finger spielen mit den Fingernägeln, wenn er sich nicht gerade durch die nassen Haare streicht oder an einem Energy-Drink nippt. "Ich bin nicht ganz zufrieden", sagt er. "Der Auftritt war jetzt nicht scheiße oder so. Ich war nicht so richtig in der Stimmung. So ein bisschen lame. Also, schon ganz cool, aber", er unterbricht sich selbst.

Seine Schritte sind jetzt kleiner und langsamer, ab und an unterbrochen, er zieht den Rollkoffer hinter sich her. Schneider muss ja noch den Merchandise-Stand aufbauen. "Wahrscheinlich ist eh keiner mehr da." Am Stand angekommen, einem klebrigen Tisch, auf dem elf halb volle Bierflaschen stehen, leert Schneider nach und nach den Rollkoffer, und je mehr Fans das sehen, desto mehr kommen. Und je mehr Fans kommen, desto mehr weichen Schneiders Falten auf der Stirn. Irgendwann sind es mehr als 20 Fans, und Schneider seufzt.

Schneider: "Heute ist echt so ein Tag."
Fan 1: "Ein guter!"
Fan 2: "Das ist kein Tag!"
"Das ist kein Tag", wiederholt Schneider. Er grinst.