Elf Punkte für Deutschland und damit der letzte Platz – für unsere süße Jamie-Lee war das ESC-Finale am Samstag ein bitterer Abend. Für die Zuschauer aber blieb es ausnahmsweise bis zum letzten Moment spannend. Das hat nicht zuletzt mit dem neuen Punktesystem zu tun, bei dem Jury- und Publikumsvoting getrennt in die Wertung einfließen. Von einem bis 339 Punkten ist alles drin, am Ende schwirrte einem der Kopf vor nicht nachvollziehbaren Zahlen. Wir vergeben deswegen die Punkte neu – streng mathematisch.

11!!1 Punkte für den Pausenfüller

Justin Timberlake nutzte die 200-Millionen-Zuschauershow, um nicht nur seinen neuen Film, sondern auch sein neues Album zu promoten. Zwar unterscheidet sich die Single "Can’t Stop the Feeling" mit tiefgründigen Zeilen wie "Feeling good, good" oder "Just dance, dance, dance, dance" nicht von den "Uuuhuhuhuuuus" der ESC-Teilnehmer. Aber immerhin machte der Tanzgott vor, dass man unwürdige Songs über die Bühne bringen kann, ohne wie Helene Fischer auf Lätta-Entzug zu wirken. 11!!1 Punkte für Justin.

Volle Punktzahl aus Deutschland für unseren süßen E.T.

Im Hintergrund scheint der Mond, Nebelschwaden wabern, Baumgerippe ragen in die dunkle Kulisse. Mittendrin steht Jaime-Lee und singt "Ghost". Bevor sie überhaupt einen Ton rausgebracht hat, zeigt schon die raue Reaktion des Publikums in der Halle: Die 17-Jährige hat keine Chance. Tatsächlich landet sie am Ende auf dem letzten Platz.

Trotzdem zieht sie unbeirrt und ohne Patzer ihre Performance durch. In Manga-Kleidchen und selbstgebasteltem Kopfschmuck wirkt sie dabei wie ein kleiner Alien, der am liebsten auf einem der grünen Laserstrahlen um sich herum nach Hause reiten würde. Zumindest aus Deutschland wären unserem E.T. 24 Punkte sicher gewesen.

26 Punkte für den Aussie-Rausch

26 Punkte für Australien, weil es Down Under zum zweiten Mal gelungen ist, von Geografen unbemerkt an Europa anzudocken und zum 26. Mitgliedsstaat der ESC-Gemeinde zu werden. Der bewegungslosen Dami Im gelingt es mit "Sound of Silence" im weißen Glitzerkleid auf schwarzem Glitzerkubus sogar, die Jurys so nachhaltig zu berauschen, dass sie lange Zeit führt und schließlich auf Platz 2 landet.

17 Punkte für Österreich. Bald seid ihr erwachsen!

Frankreich singt in diesem Jahr zum größten Teil auf Englisch, die Österreicherin Zoe hingegen singt auf Französisch. Warum genau? Weil sie auf einem französischen Gymnasium war. Plausibel mag das in einem supranationalen Wettstreit nicht erscheinen, ihr frisch vom Abiball entführtes Pastell-Rüschen-Kleidchen passt dazu aber perfekt. 17 Punkte an Österreich, bis zur Volljährigkeit fehlt nur noch einer!

Zwei Punkte für die Double Identity

Zwei Punkte für Aserbaidschan und Armenien, weil man glaubt, bei ihren Auftritten doppelt zu sehen. Vermutlich teilen sich die beiden Designer und Choreografen: Samra Rahimli träumt im hautengen glitzrigen Gold-Einteiler vom "Miracle", Iveta Mukuchyan schwebt im schwarzen Glitzer-Body und Batman-Cape auf der "Love Wave". Beide sollen dramatischen Stimmeinsatz zeigen, konzentrieren sich in schwierigen Momenten dann aber doch lieber auf ihr Basiswissen aus der rhythmischen Sportgymnastik.

Zwölf Punkte für einen grandiosen Dialog

Der gelungenste Sketch der Sendung (nach "Love, Love, Peace, Peace"): Gandalf-Darsteller Ian McKellen und Kollege Derek Jacobi geben das schwule Pärchen aus der Serie "Vicious" – und sind dabei ein wenig boshaft. Vorm Fernseher sitzend fragt McKellen, wie lange der ESC schon laufe. Derek antwortet: "Fünf Minuten." Worauf McKellen seufzt: "Es fühlt sich an wie die längste Nacht meines Lebens." Jeder ESC-Fan fühlt mit ihm.

Vier-Zwanzigstel Punkte für die Liebe

Die krumme Punktzahl geht an Douwe Bob aus den Niederlanden, weil sein Country-Song tatsächlich nur mit sehr viel Gras zu verkraften ist. Das titelgebende "Slow Down" hat der Komponist etwas zu wörtlich genommen, wie Shania Twain in Zeitlupe klimpern seicht die Gitarren dahin, der ganze Song ist ein einziger Refrain. Mehrere zehnsekündige Pausen im Song nutzt Douwe, um "I love you" in die Kamera zu hauchen und seine Föhnfrisur in die richtige Position zu schütteln. Der Mut zu Gitarren wird mit vier Punkten belohnt, muss aber durch die Anzahl der Zähne geteilt werden, die Douwe bei seinem Zahnpastalächeln entblößt, macht zusammen: 4/20.

Sitzen, Sechs, Spanien!

Volle Punktzahl, aber eine Sechs als Styling-Note erhält Barei aus Spanien. Ihr "Say yay" adressiert mit lockerem Text und clubfähigem Bass gekonnt die Generation Yolo. Dazu tanzt sich Barei die Seele aus dem Leib und wälzt sich dramatisch auf dem Boden. Performance, Party: überdurchschnittlich. Nur leider haben die Stylisten Barei ein goldenes Glitzertop verpasst, auf dem dick die Zahl "3" prangt. Und die ist auf keiner der verwirrend vielen ESC-Wertungsskalen eine gute Punktzahl. Next time, more brains!

Drei Punkte, äh Finger, für Russland

Alle Zeigefinger hoch! Wie Sebastian Vettel nach einem eingefahrenen Sieg reckt Russlands Sergey Lazarev immer wieder seinen Zeigefinger in die Kamera. Dazu Kirchenglocken, rhythmische Klatsch-Kaskaden und dröhnende Textzeilen wie: "You are the only one". Das Spiel mit der Videoinstallation, das Mans Zelmerlöw 2015 zum Sieger machte, treibt Lazarev auf die Spitze: Er erklimmt antike Gebäude und dreht sich in Fötusstellung einen halben Meter über dem Boden. Das sieht leider gar nicht protzig und kraftvoll aus, sondern ziemlich angestrengt, übervorsichtig und bemüht. Ironie, dass der Russe damit dank politischer Motivationen oder großflächiger Geschmacksverirrung im Publikum nur knapp die Spitze verfehlt.

Notruf für die Ukraine

112 Punkte gehen an die Ukraine, weil man beim Tanzstil von Sängerin Jamala einen Blinddarmdurchbruch befürchtet und bei den daraus folgenden Schmerzensjaulern im Refrain am liebsten den Notruf wählen möchte. Doch in ihrer Ballade "1944", die mit Elektrobeats unterlegt ist, geht es um die Vertreibung ihrer Großmutter von der Krim – auf Befehl von Stalin. Weil der ESC trotz allen Glitzers bei der Punktevergabe ein hochpolitisches Event bleibt, erringt Jamala statt eines Platzes in der Not-OP Platz 1 und schlägt mit Emotionen Russlands Kraftprotz.

1986 Punkte für die Erinnerung an den Ausfall

1986 Punkte für den deutschen Moderator Peter Urban, denn genau in dieses Jahr hat er uns zurück geführt, als bei der ARD der Wlan-Router ausfiel. Kurz bevor man sich fragen konnte, warum es so still geworden war, knarzte es in der Leitung: Peter Urban wurde per Telefon zugeschaltet. Den Rest der Sendung klang er, als funke er vom Mond.

2016 Punkte für "Love, Love, Peace, Peace"

Im Gegensatz zum ZDF-Übertragungswagen schafften die schwedischen Moderatoren Petra Mede und Mans Zelmerlöw den Spagat zwischen Tradition und Moderne perfekt. Mede schwang sich von einer Robe in die nächste und bot zum Start emotionale Plattitüden wie "Wir sind durch die Kraft der Musik vereint", während Vorjahressieger Mans wackelfrei mit einem Hoverboard über die Bühne cruiste.

Nicht zu vergessen der abschließende Moderatoren-Song "Love, Love, Peace, Peace", in dem die beiden selbstironisch erklären, wie der perfekte ESC-Auftritt aussieht – trommelnde, nackte Muskelmänner, polnische Käsestampferinnen und brotbackende Großmütter inklusive. Nein, das ist kein Böhmermann. Lustig ist es dennoch. Deswegen: 2016 Punkte für Petra und Mans. Und die Frage an die ESC-Leitung: Können die das nicht jedes Jahr machen?


Art

Wir sind alle völlig überfordert – und so sieht das aus
Ein Fotograf macht Collagen und stellt eine Frage: Wann hast du das letzte Mal gezweifelt?

Neulich hat jemand Kunst gemacht, aus Menstruationsblut. Ein paar Tage später ist der österreichische Kanzler zurück getreten, kurz bevor ein junger Soldat Obama verklagte, Vorwurf: Die USA hätten ihn betrogen. Neulich hat sich jemand für 90 Minuten in einen Wassertank gelegt, zur Entspannung, danach hat Taylor Swift ihr altes Ich über den Haufen geschmissen und sich ein neues zugelegt, sie hat jetzt keinen girly Style mehr, dafür sieht sie mehr nach Grunge aus.