Dürfen wir vorstellen: Dexter

Felix Göppel ist kein gewöhnlicher Musikproduzent. Er hat Gold- und Platin-Auszeichnungen erhalten, ist unter dem Namen "Dexter" einer der anerkanntesten Hip-Hop-Produzenten in der Szene. Und doch ist für ihn die Musik nicht alles im Leben: Dexter arbeitet als Kinderarzt in Stuttgart. Vollzeit.

Im Interview erzählt er, wie das zusammenpasst.

Es gibt da diesen schönen Wettstreit, der auf den Namen "Beatfight" hört. Dort präsentieren Musik-Produzenten ihre besten Beats und das Publikum entscheidet, wer die bessere Performance abliefert. Du hast diesen Wettkampf zweimal gewonnen. Das eine Mal war ein gewisser Casper zufällig als Zuschauer vor Ort. Kurz drauf meldet er sich und will einen Beat von dir. Was hast du gedacht, als er sich meldete?

Ich dachte erst mal so: krass! Ich war gar nicht gefasst darauf. Ich war auch skeptisch, ob ich das überhaupt machen soll. Dann habe ich es darauf ankommen lassen und ihm den Beat geschickt. ("Blut Sehen" - Casper) Und es ging alles super schnell. Ich war dann von der Sache voll überzeugt. Er hat das super umgesetzt.

Davon, dass sich das XOXO-Album so gut verkaufen würde, war ja damals nicht auszugehen. Das war ja auch zu dem Zeitpunkt noch nicht üblich, dass die ganzen deutschen Rapper in die Charts gehen. Aber das ist mir ja auch Wurscht. Mir macht das Spaß, wenn ein Künstler sich mit einem beschäftigt und Lust drauf hat, zu experimentieren.

Die Goldene Schallplatte hat dich dann aber auch nicht abgeturnt, oder?

Nö, ist ja schön, so eine Goldene Schallplatte und so schön auf roten Samt (lacht). Okay, den Hintergrund hätte man anders gestalten können. Aber das hängt jetzt nicht bei mir an einer repräsentativen Stellen über dem Kamin oder so. Es ist ganz witzig. Ich gehe damit aber nicht hausieren oder bin jetzt übermäßig stolz darauf, denn im Endeffekt ist es nicht mein Verdienst. Die Platte von Casper wäre auch ohne diesen Beat Gold gegangen. Ich mache mir da nichts vor. Aber es ist schön, so ein Ding mal zu haben.

Du hast auch noch eine eine weitere Goldene Schallplatte von Cro...

Sogar Platin. Aber es ist keine Schallplatte, sondern nur eine CD. Eine "verplantinte" CD. Ja, die steht auch daneben.

Du hast mal gesagt, du hättest keine Nägel, um die Auszeichnungen an die Wand zu hängen.

Die Nägel wären da, aber die Wände halten das nicht. Ich habe bei mir so ein Durchgangszimmer, wo das DJ-Pult steht. Und da stehen die unten an der Wand neben einem Zitronenbaum. Aber nicht so offensichtlich. Man sieht das jetzt nicht direkt, wenn man reinläuft. Es steht da eher so wie ein Möbelstück.

Du hast keinen wirtschaftlichen Druck, Beats zu verkaufen, denn du bist praktizierender Kinderarzt in Stuttgart. Wie einfach ist es, die Berufe "Musik-Produzent" und "Kinderarzt" miteinander zu kombinieren?

Das ist tatsächlich nicht immer einfach. Weil ich auch viel auflege, Beatsets spiele und so weiter. Es ist immer die Frage, wie das mit dem Dienstplan passt: Das ist ein einziges Puzzlespiel. Es ist schon so, dass du zwei Wochen durcharbeitest und dann gehst du in der dritten Woche in Clubs auflegen. Man brauch ja auch einen Ausgleich von der Arbeit und da bleibt das Ausruhen manchmal auf der Strecke. Die Schichten sind oft anstrengend, vor allem im Winter.

Manche fragen mich, wie ich das schaffe. Aber es ist einfach wie ein Trieb. Das ist in mir. Wenn ich nach Hause komme, setze ich mich vor den Rechner und mache einen Beat. Andere setzen sich vor den Fernseher. Musik zu machen, ist für mich nicht anstrengend. Wenn ich so eine verkopfte Sache wie Texte schreiben machen würde, dann vielleicht, aber für mich ist das der völlige Ausgleich. Ich habe auch viele Nachtschicht-Wochenenden. Da bekommt man dann als Ausgleich unter der Woche vier Tage frei hat. Das geht schon.

Bist du bei deinen Kollegen im Krankenhaus so etwas wie der Paradiesvogel?

Meine Liebe zur Musik spielt selten eine Rolle. Natürlich redet man auch mal über die Freizeit und was man gemacht hat. Und mittlerweile wissen auch alle, was ich so mache. Die fragen schon mal nach, wie es aussieht. Oder ob ich jetzt Millionär bin.

Bist du denn Millionär?

Milliardär! (lacht) Aber natürlich fragen die Kollegen auch mal, wieso ich noch arbeite. Es ist schwer, denen nahezubringen, wie das Ganze wirklich abläuft. Das Interesse ist da, aber ich tische denen das nicht von mir aus auf. Wenn sie fragen, bekommen sie höflich eine Antwort. Und die finden das, glaube ich, ganz cool und schauen hier und da mal auf YouTube nach. Einige sind auch auf Facebook mit mir befreundet und bekommen da auch mit, was ich so mache.

Wenn du den Verdienst vergleichst: Sollte man lieber studieren oder Beats machen?

Am besten beides! Es gibt Zeiten in der Musik, wo ein Monat sehr lukrativ ausfällt, aber dann gibt es zwei, drei Monate, in denen gar nichts geht. Und bei der Arbeit hast du ein regelmäßiges Einkommen. Du musst dir keine Sorgen machen. Ich sage mir: Solange ich beides aushalte und das gut funktioniert, mache ich auch beides.

Das sagt man zwar immer so, aber ich mache Musik wirklich nicht des Geldes wegen, sondern weil es einfach diesen inneren Antrieb gibt. Das ist eine Luxusposition. Dadurch ist meine Musik befreiter und unverkopfter. Das trägt auch dazu bei, dass eine klare Linie zu erkennen ist. Wenn ich von Musik leben müsste, dann müsste ich auch Beat-Pakete an Rapper verschicken oder für Leute Dinge produzieren, auf die ich gar keine Lust drauf hätte.

Du könntest dich mehr auf Chartmusik konzentrieren. Stattdessen machst du Produzenten-Alben wie "The Trip" oder "Palmen & Freunde" und bist Teil der Instrumental-Produzenten-Gruppe Betty Ford Boys. Warum?

Ganz ehrlich? Die Charts und alles was damit zusammenhängt, sind mir vollkommen egal. Ich mache nach wie vor Musik für mich und mit meinen Freunden, alles andere ergibt für mich keinen Sinn.

Klar kann es sein, dass man hin und wieder mit einem Künstler zusammenarbeitet, der Chart-Ambitionen hat, aber das wird für mich niemals der primäre Grund für diese Zusammenarbeit sein. Vor allem, je mehr ich mitbekomme, wie das alles abläuft mit Promo-Phase, Limited Boxen und Major Vertrieb, desto mehr turnt mich das ab. Ich mache keine Sponsored-Facebook-Posts und mülle die Leute nicht mit Videos zu, bis sie es nicht mehr ertragen können.

Du bist dann aber doch wieder in die Charts gerutscht, weil du mit Fatoni zusammen das Album "Yo, Picasso" produziert hast.

Aber es lässt mich relativ kalt. Es freut mich für Toni, weil es für seine Karriere gut ist. Sowas bringt ihm ja auch mehr Bookings ein. Ich möchte das jetzt nicht schlecht reden, aber es halt so, mit relativ wenig verkauften Einheiten und einer Brechstangen-Promo für eine einzige Woche in den Top 30 gewesen zu sein. Nichtsdestotrotz stehe ich voll hinter dem Album und hinter Fatoni und jeder seiner Zeilen. Ich sehe aber den Chart-Einstieg eher als netten Nebeneffekt.

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