"Als wäre es von heute", schreibt einer auf Facebook. "Tipp für alle, die 'nichts gegen Ausländer haben'", twittert ein anderer. Und das Magazin "Migazin" titelt: "Ein 30 Jahre alter Integration-Song wird plötzlich zum Internet-Hit".

Die deutsch-türkische Community hat gerade den Song "Willkommen" von Cem Karaca neu entdeckt. Er singt von Deutsch-Türken, die für dieselbe Arbeit weniger Lohn erhalten. Von Menschen, die erst dann akzeptiert werden, wenn sie ihre Religion ablegen.

Komm Türke, trink deutsches Bier,
dann bist du auch willkommen hier.
Mit Prost wird Allah abserviert,
und du ein Stückchen integriert.
Ihr stinkt nach Knoblauch – lasst den weg,
esst Sauerkraut mit Schweinespeck.
Und wer statt Kinder Dackel dressiert,
der ist fast schon integriert.
Die Pluderhosen stören nur,
tragt Bein und Kopf doch bitte pur.
Politisch seid nicht interessiert
dann seid ihr endlich integriert.
Als Müllmann mögen wir euch schon,
steht hinten an – geht's um den Lohn,
steht vorn an wenn man abserviert,
dann seid ihr überintegriert.

Deswegen könnte sein Lied tatsächlich als aktuell produzierter Beitrag zur Türkei-Debatte durchgehen. Als neuer Kommentar zur Diskussion um die doppelte Staatsbürgerschaft. Als kritische Abrechnung mit all jenen, die seit Jahrzehnten in Deutschland lebende Menschen auch heute noch als "Fremde" betrachten. Wäre da nicht Karacas Achtzigerjahre Schnäuzer, die lange Hippie-Mähne und die zu große orange-farbene Sonnenbrille. Wäre Karaca nicht schon im Jahr 2005 gestorben.

1984 hatte der türkische Rockmusiker das Lied in seiner Kölner Exilheimat aufgenommen, er war vor einer zunehmend autoritär werdenden Türkei nach Deutschland geflohen. Der zynische Track über das Gefühl niemals endender Integrationsforderungen ist nicht das einzige Vermächtnis, das Karaca heutigen Generationen hinterlassen hat.

In den Sechzigerjahren war Karaca der vielleicht berühmteste Vertreter des Anadolu Rock - eine Mischung aus importierten Sound britischer und amerikanischer Rockmusik und türkischer Volksmusik. Vielen gilt er sogar als Begründer türkischer Rockmusik.

Und allein das hatte schon integrative Kraft: Karaca, der in Istanbul als Sohn einer gutbetuchten Schauspielerfamilie aufwuchs und auf eine amerikanische Schule ging, verband in seiner Musik das westliche Lebensgefühl Istanbuls mit der traditionellen Musik der anatolischen Landbevölkerung. Als Linke und Nationalisten in den Sechziger- und Siebzigerjahren in der Türkei aufeinander losgingen, entwickelte sich Karaca dann zu einer Art Protestsänger.

Da, wo jetzt noch Schranken sind, Reißt sie nieder, stampft sie ein.
Cem Karaca

Hatte er zum Anfang seiner musikalischen Karriere noch Elvis-Songs gecovert, gab er sich nun zunehmend politisch, wandte sich gegen Korruption und soziale Ungerechtigkeit und wurde so zum musikalischen Anführer einer zunehmend politisierten Generation. Sein bis dahin best verkauftes Album erschien 1977 und trug den Titel: Yoksulluk Kader Olamaz (Armut ist kein Schicksal).

Als sich am 12. September 1980 kemalistische Militärs in der Türkei an die Macht putschten, hatte der linke Patriot Karaca das Land schon verlassen. In Abwesenheit warfen ihm die Putschisten unter General Kenan Evran vor, mit seiner Musik die Bevölkerung aufzustacheln, erließen Haftbefehl und entzogen dem vermeintlichen Marxisten die türkische Staatsbürgerschaft.

Im Slider: Ein Überblick der türkischen Putsche
Das türkische Militär sieht sich traditionell als Verfechter der demokratischen Grundordnung der Türkei. Bereits drei Mal kam es in der Geschichte des Landes zu einem Militärputsch.
27. Mai 1960: Das Militär stürzt den Ministerpräsident Adnan Menderes, weil es die demokratische Grundordnung in Gefahr sieht. Die Regierung hatte zuvor die Pressefreiheit und die Rechte der Opposition eingeschränkt. Die Streitkräfte lassen Menderes und seine zwei Minister hängen und bleiben 17 Monate an der Macht.
12. März 1971: Gewalttätige Angriffe linker Terroristen nehmen in der Türkei zu. Infolgedessen zwingt die Armee Ministerpräsident Süleyman Demirel zum Rücktritt. Ein Jahr später setzt sie wieder eine zivile Regierung ein.
12. September 1980: Auch die zweite Amtszeit Demirels endet mit einem Putsch. Das Militär verhängt als Antwort auf linken und rechten Terror das Kriegsrecht. 650.000 Menschen werden festgenommen, viele hingerichtet. Die Militärherrschaft geht erst drei Jahre später offiziell zu Ende.
15. Juli 2016: Mehrere hochrangige Militärs versuchten in einer Nachtaktion, die Macht im Land an sich zu reißen und Präsident Recep Tayyip Erdogan zu stürzen. Dieser rief die Bevölkerung zur Gegenwehr auf – knapp 300 Menschen kamen bei Straßenkämpfen ums Leben. In den frühen Morgenstunden galt der Putsch als gescheitert. Erdogan startete in den Wochen danach eine "Säuberungswelle".
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Es dauerte sieben Jahre bis Ministerpräsident Turgut Özal "Cem Baba" amnestierte und er in seine Heimat zurückkehren konnte. Dort wurde Karaca mit seiner Musik erneut zum Mittler: diesmal zwischen Säkularen und Religiösen.

Klingt, als könnte man seine Musik auch heute wieder gebrauchen. Auch in der deutschen Integrationsdebatte: Auf seinem einzigen deutschsprachigen Album "Kanaken" findet sich noch ein Song zum Thema. In "Mein Deutscher Freund" singt Karaca:

Türkisch Kind und deutsches Kind,
Ihr sollt unsere Hoffnung sein.
Da, wo jetzt noch Schranken sind,
Reißt sie nieder, stampft sie ein.

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